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Dienstag, 22 Uhr, Zürich Hauptbahnhof: Nathalie Pasyawon (24) besteigt den Nachtzug nach Köln (D). Die Miss-Schweiz-Finalistin mit thailändischen Wurzeln will zum öffentlichen Casting für den Pro7-Strassenfeger «Germany’s Next Topmodel». Nathalie ist eine von 1936 Bewerberinnen, die an diesem Tag dem Ruf von Heidi Klum (36) folgen: Insgesamt sind es über 23000. Noch ist Pasyawon begeistert vom deutschen Supermodel Klum: «Ich bewundere, wie Heidi Karriere und Familie unter einen Hut bringt.»
Es ist sechs Uhr früh, Pasyawon steht vor dem Kölner Dom. Sie ahnt noch nicht, was in der Konzerthalle «Palladium» auf sie wartet.
Bereits um 07.20 Uhr – fast eine Stunde vor Beginn – ist die Schlange vor dem Backsteingebäude 70 Meter lang. In Reih und Glied schlottern sich rotnasige Mädchen dem Casting entgegen. Für einmal wäre etwas mehr Speck an den Hüften von Vorteil. Die Mädchen sind unsicher, argwöhnisch begutachten sie einander. «Du hast gute Chancen», sagt Julia (21) aus Strassburg (F) zur Schweizerin – ein ernst gemeintes Kompliment oder Taktik? Pasyawon ist 1,73 Meter gross und hat die Masse 90-63-89. «Ich frage mich, wieso manche hier sind», meint sie. Auch ein Transvestit hat sich eingereiht.
Um acht Uhr kommt Unruhe in die Mädchenschar. Die Pro7-Crew verteilt Anmeldeformulare. Die Aktion ähnelt einer Tierfütterung. Gierig schiessen unzählige Ärmchen in die Höhe. Alle wollen ihre privaten Daten wie Pass- und Handynummer hergeben und auch die knallharte Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Was drinnen passiert, soll geheim bleiben.
Dann öffnet sich die Tür – das vermeintliche Tor zum Modelhimmel führt in Heidis Schlachthof. Wie Vieh werden die Bewerberinnen durch die Abschrankungen getrieben. Mitarbeiter verpassen jeder eine fünfstellige Zahl. Pasyawon ist jetzt Nummer 16122. Besorgte Eltern stehen sich draus-sen die Füsse in den Bauch. Sie haben von ihren Töchtern seit Stunden nichts mehr gehört. Nervosität und Langeweile wechseln sich ab.
Am frühen Mittag erscheinen die ersten Kandidatinnen wieder vor der Tür. Scheinbar im Sekundentakt hat eine dreiköpfige Jury um Chefin Klum Mädchenträume wie Luftballons platzen lassen. Verzweifelt suchen schlotternde Mädchen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Kofferhaufen nach ihrem Gepäck und wärmeren Kleidern. Doch sich drinnen für die Heimfahrt umziehen, geht nicht. «Wer einmal aussortiert ist und sich vor der Tür befindet, darf nicht mehr rein», sagt Jenna (21), die in ihren offenen High Heels auf ihren Freund wartet.
Die Mädchenhände zieren Stempel mit Stern-Motiv. «Wer rausfliegt, kriegt den anschliessend verpasst», erklärt eine Abgewiesene. Das wissen auch die unzähligen Agenten, die wie Aasgeier auf die abgelehnten Kandidatinnen warten. Die Teilnahme an einer «Miss Galaxy»-Wahl etwa oder Hostessenjobs werden angepriesen. Gegen 17 Uhr erscheint auch Nathalie Pasyawon mit ihrem roten Koffer. Der Fall ist klar. Für sie hat es nicht gereicht. «Heidi sah super aus», erzählt sie, «doch zu mir hat die Jury nichts gesagt.» Doch sie will noch nicht aufgeben: Im Frühjahr, wenn die fünfte Staffel «Germany’s Next Topmodel» ohne sie startet, will sie ihr Modelglück in Thailand versuchen. Und das ohne Nummer.