Brotz bei Assad «Assad versuchte eine Art Normalität zu präsentieren»

Eine PR-Plattform für einen Verbrecher? Am Sonntag fuhr der «Rundschau»-Moderator Sandro Brotz per Auto von Beirut nach Damaskus. Zwei Tage später traf der dort den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zum Interview. BLICK sprach heute Nachmittag mit Brotz über das Treffen mit dem Diktator.

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Gehört das Interview mit dem syrischen Machthaber Assad zu den Höhepunkten ihrer Journalisten-Karriere?                                                                                 
Sandro Brotz: Höhepunkt wäre wohl der falsche Ausdruck. Aber es war sicher mein ungewöhnlichstes Interview was den Ort, die Situation und die Person betrifft.

Seit wann wussten Sie, dass es mit dem Assad-Interview klappen wird?
Seit 10 Tagen. Die Vorbereitungen liefen unter strengster Geheimhaltung, auch intern bei uns. Die Abmachung war, dass wir erst nach der Produktion das Interview ankündigen. Erst wenn das Film-Material in der Schweiz ist.

Reisten Sie alleine nach Damaskus?
Nein, zusammen mit der Produktionsleiterin Samira Zingaro. Sie war auch beim Vorgespräch und während dem Interview mit Assad dabei. Dieses Teamwork war sehr hilfreich, auch weil Samira die Arabische Sprache beherrscht.

Rundschau-Sandro Brotz zu Assad: Versuchte Normalität zu präsentieren play
Zwanzig Minuten hat Assad auf alle kritischen Fragen von «Rundschau»-Moderator Sandro Brotz geantwortet. SRF

Es gab ein Vorgespräch?
Ja. Wir wurden mit einem Auto des Informationsministerium zu einem grossen Haus mitten in Damaskus chauffiert. Als wir durch die Türe traten, stand Assad bereits da und wartete auf uns. Das ist doch ziemlich ungewöhnlich, denn meistens müssen wir Journalisten warten. Anschliessend gingen wir zu Dritt in einen Nebenraum zu einem Vorgespräch.

Sie, die Produzentin Samira Zingaro und der Diktator und niemand sonst in einem Raum?
Ja.

Was wurde denn da vorbesprochen?
Es war eine Art politischer Smalltalk. Assad wollte wissen, wie die Schweiz ihre Rolle in diesem Konflikt sieht.

Und wie lautete Ihre Antwort?
Ich sagte, er kenne bestimmt die Rolle der Schweiz. Als Vermittlerin bei Konflikten und Gastgeberin für internationale Friedenskonferenzen.

Das war alles? Keine privater Smalltalk? Was ist das für ein Mensch, der vom Augenarzt in London zum brutalen Diktatoren in Syrien wurde?
Ich wollte keine People-Story machen und war voll konzentriert auf all die kritischen Fragen, die ich anschliessend Assad vor laufenden Kameras stellen wollte. Ich denke aber, dass Assad versuchte, mit diesem Vorgespräch eine Art Normalität zu demonstrieren. So hat er auch über seinen Alltag gesprochen. Er sagte, dass er viel Zeit mit der Familie verbringe und viele Kontakte habe zu den einfachen Menschen auf der Strasse. Um diese Menschen zu treffen, sei er oft unterwegs.

Also gab es doch noch ein wenig «Assad-Privat»?
Man kann dem so sagen. Doch das war alles. Nach zehn Minuten gingen wir einen Stock höher, in den Raum, wo wir dann das Interview führten. Dort warteten über 30 Leute auf uns: Fernseh-Technisches Personal, Fotografen und Regierungsbeamte.

«Es gab keine Zensur»

Das TV-Interview wurden von Mitarbeitern des Informationsministerium aufgezeichnet. Ist das nicht heikel, die Kontrolle über ein Interview den Mitarbeitern des Interview-Partners zu überlassen?
Nein. Ich konnte sämtliche kritische Fragen stellen, es gab keine Zensur. Und technisch lief alles hochprofessionell ab: Fünf Kameras filmten das Interview. Und anschliessend erhielten wir das ganze vollständige Material.

Assad liess zwar alle Fragen zu, doch er stellte trotzdem Bedingungen: Die genaue Dauer des Interviews wurde vorher festgelegt. Das Gespräch musste in voller Länge in der Schweiz ausgestrahlt werden. Damit verhinderte Assad, dass das Interview in Abschnitten gesendet wird, unterbrochen von Bildern, die zum Beispiel Opfer von Giftgas-Angriffen zeigen, die er mutmasslich zu verantworten hat.
Das ist so. Doch das Interview wird heute Abend in einer «Rundschau»-Spezialsendung zu Syrien eingebettet, in der wir Hintergründe zum Konflikt liefern, kritische Fragen stellen und mit Experten sprechen. Zudem habe ich während dem Interview mit Assad ein Bild «eingeblendet», von Hand halt. Ich zeigte Assad das Bild mit dem traumatisierten Jungen in den Trümmern von Aleppo.

Ein genialer Sandro Brotz-Trick, um Assads Bedingungen zu unterlaufen?
Wenn Sie dem so sagen wollen…

Assad könnte jedoch auch Sie unterlaufen. Indem er das Interview in den syrischen Medien zu seinen Gunsten darstellt, mit der Schlagzeile: «Schweizer Star-Polit-Moderator besucht unseren Präsidenten».
Die Gefahr besteht, aber ich habe das Problem umgangen, weil ich keine einzige anbiedernde Frage gestellt habe. Ich habe ihn 20 Minuten lang mit kritischen Fragen eingedeckt, zu den Greueltaten seiner Truppen, zu seinen Foltergefängnissen etc.

Haben Sie keine Angst vor einem Shitstorm, weil Sie einem mutmasslichen Kriegsverbrecher und Massenmörder eine Plattform geboten haben?
Wenn das passiert, bleibe ich gelassen, denn ich habe meinen Job gemacht. Und dazu gehört es eben auch einen mutmasslichen Verbrecher zu interviewen.

«Ich war nicht in politischer Mission unterwegs»

Denken Sie, dass Sie mit diesem Interview etwas bewirken können?
Ich war nicht in politischer Mission unterwegs. Doch, wenn es helfen sollte in diesem grauenhaftesten Krieg der Neuzeit, den Dialog zu fördern, dann ist das sicher nicht schlecht. Ich war insgesamt vier Tage in Damaskus. Und obwohl in Damaskus vordergründig eine Art Normalität herrscht, sind die Menschen müde und verzweifelt. Fast überall hörte ich die gleiche Aussage: «Wir hatten Frieden. Wir wollten diesen Krieg nicht. Wir wollen den Frieden zurück.»

Publiziert am 19.10.2016 | Aktualisiert am 20.10.2016
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