Tims letzter Vorhang

  • Publiziert: 04.04.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
play 09.05 Uhr: Tim Wielandt bei Radio Pilatus in Luzern: «Es wird wärmer in Luzern, der Mister Schweiz steht im Studio.» (BLICK/Christian Aeberhard)

ZÜRICH – Was treibt eigentlich unser Mister Schweiz, wenn er nicht auf roten Teppichen herumsteht? BLICK liess Tim Wielandt kurz vor Ende seiner Amtszeit einen Tag lang nicht aus den Augen.

Finstere Gesichter überall. Die wenigen Menschen, die in Luzern zu Fuss unterwegs sind, gehen schnell. Der Mittwochmorgen ist grau und nass. Japanische Touristen fotografieren Regenwolken.

Es ist halb neun. Tim Wielandt (34) tritt aus dem Lift der Luzerner Shopping-Mall Löwencenter. Ein prüfender Blick in die Glastür von Radio Pilatus. Tim strubbelt seine Frisur zurecht. Dann tritt er ein. Das Interview in der Morgenshow ist sein erster Termin. Ein gewöhnlicher Arbeitstag im Leben des amtierenden Mister Schweiz.

Tim lächelt. «Supergenial», der Kaffee vom Empfangspersonal, «besser als in jeder Beiz.» Da lächeln alle. Kurz darauf ist der Mister live auf Sendung. Die Moderatorin sagt: «Es wird etwas wärmer in Luzern. Mister Schweiz Tim Wielandt steht neben mir.» Dann kommen die Fragen, die Tim immer wieder beantworten muss: Wie war sein Amtsjahr? Wie fühlt sich Tim drei Tage vor Ende seiner Zeit als Mister? Und wie geht es weiter?

Tims Antworten: Das Jahr sei sehr interessant und abwechslungsreich gewesen. Auch nach seiner Mister-Zeit warten Aufträge auf ihn. Und er will sein Studium beenden. Das alles sagt Tim immer sehr fröhlich. «Noch bin ich ja am ‹Tieren›», sagt er lachend, «und ich weiss nicht, ob ich meinen Titel überhaupt abgebe am Samstag.»

Halb zehn. Interview beendet. Zurück zum Lift, runter in die Parkgarage. Tim zahlt sein Parking-Ticket. Man sieht, dass er viel Zeit im Auto verbringt. Anzüge und Hemden hängen drin. Unter dem Vordersitz liegen Stöckelschuhe von Tims Freundin Nina Sonder (28). Es hat Halterungen für iPod und iPhone. Zahnputzkaugummis. GPS. Papier, Stifte, Quittungen. Eine Packung Kaffeelöffel. Einen Duftbaum («Vanillaroma»).

Tim schaut in den Rückspiegel. Strubbelt seine Frisur zurecht. Strahlt: «Jetzt hole ich Nina bei mir ab, dann fahren wir nach Zürich zum nächsten Radiointerview.»
Auf der Fahrt nach Meggen LU fängt Tim an zu erzählen. «Ich hatte wirklich ein tolles Mister-Jahr. So viel Abwechslung, ich kann jeden Tag etwas anderes machen. Und der Lohn ist natürlich auch gut.»

«Verbiegen» habe er sich nie müssen. «Ich muss mich nicht anstrengen, nicht als Tölpel durchs Leben zu gehen. Da ist ein kleiner Mister-Filter, sicher. Mit den engsten Freunden beim Grillieren mit Bier kann ich dümmer tun. Aber kein Verbiegen! Ich hoffe nicht, dass irgendjemand das machen muss. Das kommt nie gut.»
Meggen. Ein Haus. Ein Hof. «Sehr friedlich hier!», sagt Tim lächelnd, während er seine Haare erneut zurechtstrubbelt. Der Wohnort des Mister Schweiz: Felder, Wald und Wiesen. Kühe muhen. Schweine grunzen. Es regnet immer noch.

Nina konnte nicht gut schlafen. Tim spricht leise mit ihr, heitert sie auf. Sie zieht ihre Chanel-Sonnenbrille an, deckt sich mit einem Schal zu und schläft während der ganzen Fahrt nach Zürich.

Der Mister gibt Gas, er ist etwas spät dran. «Ich würde das sofort wieder machen. Es gab mir viel Lebenserfahrung. Das müsste jeder Schweizer mal erleben dürfen.»

Zürich. Nina steigt am Bellevue aus. Bei Radio Energy warten alle schon. Dieselben Fragen. Dieselben Antworten – Tim formuliert sie frisch um. Radio Zürisee ist auch im Haus. Dasselbe Spiel. Bald lächeln wieder viele.

Tims Telefon klingelt pausenlos. Diesmal ist es die «Berner Zeitung». Ein Artikel kommt per
Mail zum Gegenlesen. Tim setzt sich und checkt die wohlbekannten Themen schriftlich durch. Dann gibt er per Telefon sein Okay.

Mittagessen im schicken «Nine». Eine schnelle Tasse Kaffee – der nächste Termin steht an. Kaum im Auto, ruft Radio Top an. Wieder ein Interview. Tim gibt es im Parkhaus. Er hat unterdessen neue Termine erhalten. Die organisiert die Agentur für ihn.

Nächster Halt: PKZ, Bahnhofstrasse. Der Mister muss einen Smoking aussuchen für den grossen TV-Auftritt am Samstag. Klassisch oder modern? «Modern.» Tim wird vermessen, von Kopf bis Fuss. Strubbelt die Haare, sieht sich zufrieden im Spiegel an. Fehlt nur noch die Fliege. «Ja keine schwarze», rät Verkäufer Wirschinger, «das sieht kellnermässig aus.» Tim nimmt eine silberne.

Weiter gehts zum nächsten Sponsor. Eine neue Uhr von
Montblanc soll das Handgelenk des Misters zieren bei der TV-Show. Schon 16 Uhr. Schnell zurück ins Parkhaus. Die Leute vor dem Ticket-Apparat lächeln, als sie den Mister sehen. Ein fremder Mann schüttelt Tim die Hand. «Es ist doch schön, wenn man Menschen mit so wenig eine Freude machen kann», sagt Tim im Auto.
Der Mister macht ein ernstes Gesicht: «Ich sah das, als ich noch nach Zürich pendelte. Die Leute schauen alle auf den Boden, alles ist Grau in Grau. Dabei bräuchte es doch hie und da nur ein Lächeln.»

Tim fährt zum Fitnessstudio von DJ Bobos Ex-Frau Daniela Baumann (41), dem Loft 1 in Zürich. Zu Hause trainiert er auf einer Power-Plate-Maschine, auf einer solchen lernt er jetzt neue Übungen. Jeder Mister-Muskel wird durchvibriert. «Jetzt das Gesäss! Go go go! – so ist es gut!», sagt Daniela. Tim stöhnt. «Wenn du da nicht stöhnst, machst du es nicht richtig», lächelt er schwitzend.

Abend. Tim fährt nach Hause. Auf ihn wartet ein Online-Interview fürs SF – und für den SonntagsBlick muss er noch ein paar Zeilen schreiben. Tim: «Und dann schaue ich Champions League mit Kollegen. Das wird super!»

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