Helge Schneider, Entertainer «Steinbrück ist dumm»

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Interview: Reza Rafi
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Seit «Katzenklo» kennt ihn das grosse Publikum. Bald tritt Multitalent Helge Schneider wieder in der Schweiz auf. Im Gepäck hat er seine neue Autobiografie.

«Die Penisverkürzung? Doch, doch, die habe ich machen lassen», meint Helge Schneider (53) auf eine Frage. Die Journalistenmeute im Kölner Brauhaus krümmt sich vor Lachen. Es ist Donnerstagmittag, Herr Schneider präsentiert seine Autobiografie, «Bonbon aus Wurst», erstmals der Öffentlichkeit. Kölsch wird serviert und – natürlich – eine grosse Auswahl an Würsten.

Weshalb das Buch? «Ich las Eric Claptons Memoiren. Die waren so langweilig, da dachte ich, so was kann ich auch.» Der Saal brüllt. «Übrigens, ich halte mein Werk für das bessere; aber Herr Clapton sieht das bestimmt anders.» Im Saal herrscht kein Halten mehr.

Die Vorstellung ist eine Kostprobe des Nonsens-Helge, den das Publikum so liebt: Mit sicherem Instinkt führt der überaus filigran gebaute Jazzmusiker jede Situation ad absurdum, hebelt noch das letzte Denkmuster aus. «Nennt mich Helge», sagt er. Später, im Haus seines Kölner Verlags, treffen wir den anderen Helge: den Familienvater, Vagabunden, das ewige Kind. Der unabhängigste Mensch der Welt.

Helge, deine ...
Helge Schneider: (Schaut runter auf den Platz vor dem Kölner Dom) Kuck mal, die vielen Leute. Wo die alle hinwollen. (Zeigt auf einen Passanten im Wall-Street-Look) Schau mal der da, der sich die Zigarette anzündet. Was der wohl vorhat? Sprengstoffanschlag? Damaskus? Ach so, wir wollten ja ein Interview machen.

Helge, du sagst, deine erste Autobiografie von 1992 basiere «auf erfundenen Lügenmärchen». Schreibst du in «Bonbon aus Wurst» nun über Tatsachen?
Meist. Aber die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist ja fliessend.

Dann hast du die Penisverkürzung tatsächlich vorgenommen?
Bloss: Die Wahrheit hat immer mehrere Ebenen. (Lacht)

Und das Schweizer Ferienhaus aus deinem Buch gibt es das tatsächlich?
Ich habe schon häufig meinen Urlaub bei euch in der Schweiz verbracht, und zwar im Berner Oberland.

Deine Landsleute haben einen schweren Stand bei uns.
Ich habe ja den merkwürdigen Indianervergleich unseres Finanzministers Peer Steinbrück mitbekommen. Dabei finde ich Indianer eigentlich etwas Tolles. Und ausserdem sind die Schweizer gar keine Indianer, das sind Bergleute. Wirklich schlimm finde ich allerdings seinen Vergleich mit der Kavallerie.

Weshalb?
Mit der Kavallerie zu drohen, ist für deutsche Politiker nicht sehr weitsichtig. Man kann ja gegen Steueroasen argumentieren, aber solche Tiraden schaden nicht nur Steinbrück selbst, sondern auch allen anderen hier. Wie nennt man das schon wieder? Dumm! Dumm ist Steinbrück nur schon deshalb, weil er damit seine eigene Position ungemein schwächt.

Hätte Steinbrück eigentlich Bühnenpotenzial?
Nein! Politiker gehören generell nicht auf die Bühne.

Wie hättest du als Schweizer Regierung auf Steinbrücks Angriffe reagiert?
Ich hätte ihn eingeladen und ihm gesagt: «Kuck mal, wir machen das bei uns so und so.»

Das Thema scheint dich zu beschäftigen. Hast du ein Schweizer Bankkonto?
Nein, dazu bin ich viel zu ehrlich. Von dieser Kungelei habe ich nichts.

Hast du ja auch nicht nötig – spätestens seit «Katzenklo» hast du ausgesorgt.
Na ja, aber ich muss unheimlich viel Steuern bezahlen und auch eine Grossfamilie ernähren. Millionärssteuer müsste ich keine zahlen – so viel habe ich gar nicht.

Du bist auf eine andere Art verwöhnt – du kannst wie kein anderer in der Öffentlichkeit tun und sagen, was du willst.
Stimmt. Wenn ich behaupten würde, dass die Schweizer Indianer sind und ich mit der Kavallerie komme, würde das niemanden aufregen ...

... und würdest damit noch Geld verdienen.
Ich mache nur Sachen, die mir gefallen und die Leute freuen. Ich will nicht mein Geld für mich arbeiten lassen, sondern für mein Geld arbeiten. Und das Geld gebe ich auch richtig aus!

Wofür?
Für Essen, für Hunde, für Autos ...

Wie viele Autos besitzt du?
Das weiss ich auch nicht, ich glaube vier momentan. Und dann noch einen Tourneebus und einen LKW. Ich habe mittlerweile ein kleines Fuhrunternehmen, mit dem wir gerade wieder auf Tour sind.

Bald besuchst du auch Zürich und Basel. Was darf das Publikum erwarten?
Ich leiste mir diesmal den Luxus, einen Pianisten zu haben. Dann bin ich auf der Bühne noch freier.

Also noch mehr Helge?!
Genau.

Auf was bist du in deiner Karriere besonders stolz?
Weder auf einen konkreten Song noch auf einen Film. Ein Hit wie «Katzenklo» ist reiner Zufall. Stolz bin ich auf die Freiheit, die ich mir hart erarbeitet habe. Ich bin völlig unabhängig, ich habe noch nie Werbung für etwas gemacht.

Es wurde aber auch schon mit deiner Stimme geworben.
Ja, manchmal passiert das. Dann fragen mich die Leute: Helge, bist du das? Ich sag dann: Nein, bin ich nicht.

Dann schickst du die Anwälte los?
Ach nein, wieso auch? Das ist überhaupt nicht mein Ding. Ich bin ja in der glücklichen Lage, Geld zu haben. Und ich habe so viel anderes im Leben, ohne das ich viel ärmer wäre.

Hast du manchmal Mitleid mit den Stars, die nicht so ungezwungen sind wie du?
Nö. Das ist ja selbst gewählt. Mitleid muss man mit Leuten haben, die nichts zu essen haben. Diese Stars, die in irgendwelchen Limousinen fahren, in irgendwelchen Hotels absteigen und irgendwelche Kleider tragen müssen – da ist Mitleid fehl am Platz. Es gibt Leute, die ich jedenfalls nicht beneide ...

Wen denn?
Manchen Lebensstil verstehe ich überhaupt nicht. Mein Freund Udo Lindenberg zum Beispiel, der wohnt in einem Hotel. Furchtbar. Oder Madonna: Diese ständige Präsenz in der Öffentlichkeit würde mich erdrücken. Nichts fände ich schlimmer als eine Frau wie Angelina Jolie zu haben, die sämtliche Details der Beziehung in den Medien ausbreitet. Die müssen dann zu euch in die Schweiz flüchten.

Kennst du eigentlich einen Schweizer Komiker?
Ja, da gibts doch einen, Markus Rima heisst der. Oder ist der Italiener?

Marco Rima ist Schweizer. Das Land scheint für dich ein weisser Fleck auf der Humorlandkarte zu sein.
Ich kenne auch die wenigsten deutschen Komiker. Und die Schweiz ist halt so weit weg für mich, 800 Kilometer. Da fahre ich nicht einfach so mal hin. In meinem Alter!

Du siehst aber toll aus für deine 53 Jahre. Was ist dein Geheimnis?
Du musst jahrelang einen Bart tragen, und dich erst sehr spät rasieren.

Persönlich

Geboren im Ruhrgebiet, Hippie-Leben, Schulabbruch – auf dieser Basis startete Helge Schneider (53) seine Karriere. Zunächst tingelte er als Jazzmusiker durch die Lande, bis das Publikum seinen unorthodoxen Humor lieben lernte. Heute ist der Vater von fünf Kindern, der in Mülheim an der Ruhr lebt, die Kultfigur der deutschsprachigen Komik. Am 27. 5. steht er in Zürich auf der Bühne, am 30. 6. in Basel.
Im Gespräch: Schneider und SonntagsBlick-Redaktor Rafi im Büro seines Kölner Verlags am Domplatz.- Thomas Rabsch

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