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Patrick Rohr Sie parodieren unter anderem die fünf männlichen Bundesräte. Müssen Sie die Menschen, die Sie parodieren, mögen?
Walter Andreas Müller Unbedingt. Ich glaube, anders geht es nicht.
Sie mögen also alle fünf Bundesräte?
Ja, mit Unterschieden natürlich. Es hängt vor allem davon ab, wie gut ich eine Figur spielen kann. Bundesrat Blocher, der mir physiognomisch sehr nahe kommt, habe ich – in Anführungs- und Schlusszeichen – sehr gerne, weil er für mich einfach zu parodieren ist. Pascal Couchepin ist optisch so weit von mir entfernt, dass es nicht mehr um mögen oder nicht mögen geht, sondern einfach darum, dass er für mich sehr schwer zu parodieren ist.
Die politische Ausrichtung der einzelnen Bundesräte spielt dabei keine Rolle?
Natürlich spielt die für mich als Privatmensch eine grosse Rolle, aber als Parodist will und darf ich keine politische Meinung haben.
Im Moment treten Sie sehr oft als Herr Blocher auf. Mit Ihrer Parodie geben Sie ihm eine sympathische Note. Machen Sie sich dadurch zum Wahlhelfer für ihn, beziehungsweise die SVP?
Das kann man tatsächlich so sehen. Meine Auftritte bekommen jetzt, so kurz vor den Wahlen, natürlich ein ganz anderes Gewicht als sonst. Aber bei meinen Auftritten bekommen alle Bundesräte ihr Fett ab, auch Herr Blocher.
Sie mögen die Menschen, die Sie parodieren. Mögen diese auch Sie?
So weit ich das erfahre, ja. Ich stelle immer wieder mit Freude fest, dass die Bundesräte meine Arbeit offensichtlich wahrnehmen. Herr Blocher versprach mir zum Beispiel einmal bei einer Begegnung, dass er mir ein Duplikat seiner Brille schicken würde, falls er eine neue machen lasse. Das machte er dann tatsächlich auch. Und Moritz Leuenberger sagte mir einmal, dass er nicht mehr so oft äh sagen würde, seit er gesehen habe, wie ich ihn parodiere.
Wenn man so oft und so intensiv wie Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpft, besteht da nicht die Gefahr, dass plötzlich das ganze Leben eine Rolle wird?
Diese Gefahr besteht bei jedem Schauspieler. Sobald eine Kamera oder ein Mikrofon läuft, will man etwas Gescheites sagen, passt man auf, wie man formuliert und in welchem Winkel einen die Kamera erfasst. Ein Schauspieler oder Moderator ist nicht dann am besten, wenn er sich selbst ist, sondern dann, wenn er seine Rolle als Schauspieler oder Moderator gut spielt. Es interessiert keinen Menschen, wer Walter Andreas Müller privat ist, sondern nur, ob er sein Produkt gut verkauft.
Ich meine aber auch dann, wenn keine Kamera da ist.
Ich denke, alle Menschen schlüpfen in eine Rolle, sobald sie nicht zu Hause sind, sei das nun der Banker oder der Bäcker. Zu Hause fluche ich vielleicht vor mich hin und mache einen sauren ‹Stein›, doch kaum klingelt es an der Tür, bin ich der fröhliche WAM. Man will ja die Menschen nicht enttäuschen.
Wäre das schlimm für Sie, die Menschen zu enttäuschen?
Ja, ich bin ungeheuer harmoniesüchtig. So wie ich die Menschen gern habe, so will ich von ihnen auch geliebt werden.
Das muss aber ein Chrampf sein, immer geliebt werden zu wollen?
Gott sei Dank habe ich das bis jetzt nie als ‹Chrampf› empfunden. Ich hätte sonst auch diesen Beruf nie wählen dürfen. Geliebt zu werden ist ja Bestandteil des Schauspielberufes.
Warum ist es denn so wichtig für Sie, geliebt zu werden?
Geliebt zu werden erspart viele Unannehmlichkeiten. Jeder Mensch hat doch das Bedürfnis, bei den anderen Menschen gut anzukommen, einen guten Eindruck zu machen. Als anstrengend habe ich das noch nie empfunden. Aber es fällt mir natürlich auch leicht, weil ich ein positiver Mensch bin und mich nicht allzu sehr verstellen muss.
Seit einem Jahr ist öffentlich bekannt, dass Sie mit einem Mann zusammenleben. Kann es sein, dass es Ihnen auch darum so wichtig ist, geliebt zu werden, weil Sie schon früh merkten, dass Sie ‹anders› sind als die Mehrheit?
Das könnte tatsächlich einen Einfluss haben – das Gefühl, anders zu sein. Und zwar in verschiedener Hinsicht. Ich litt zum Beispiel jahrelang darunter, so klein zu sein. Mit meinen 162,5 Zentimetern Körperlänge fühlte ich mich in einem gewissen Sinn immer behindert. Ich dachte, als Schauspieler müsste ich mindestens 1,80 Meter gross sein, um die wirklich grossen Rollen zu bekommen. Bis mir dann einmal jemand sagte, ich könne dafür Rollen spielen, die andere nicht spielen könnten. Und tatsächlich konnte ich zum Beispiel mit 30 noch Buben spielen. Und dann war ich auch ein Einzelkind, konnte mich also nie mit Geschwistern austauschen. Auch das prägte mich. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsste viel mehr kämpfen als einer, dem alles in den Schoss gefallen war.
Ihre Mutter starb, als Sie fünf waren. Fehlte Ihnen auch die Geborgenheit, das Vertrauen, das einem eine Mutter geben kann?
Ja. Aber zum Glück hat mein Vater etwa sechs Jahre später wieder geheiratet. Ich habe heute ein fantastisches Verhältnis zu meiner – nein, Stiefmutter mag ich nicht sagen – zu meiner Mutter.
Haben Sie heute immer noch das Gefühl, dass Sie sich alles erkämpfen müssen? Oder haben Sie heute das Gefühl, es geschafft zu haben?
Wenn man als Schauspieler das Gefühl hat, man sei an dem Punkt angelangt, an dem man es geschafft hat, dann ist das der Tod dieses Berufes. Ich kämpfe noch jeden Tag mit dem Schlotteri und frage mich, ob ich dieser oder jener Rolle gewachsen bin.
Sie werden also mit dem Alter nicht gelassener?
Nein, mein Lampenfieber wird immer schlimmer.
Wie sieht es aus mit der Gelassenheit dem Alter gegenüber?
Das Alter! Ich merke, dass ich damit kämpfe. Ein Indiz war mein sechzigster Geburtstag vor zwei Jahren. Vor sechzig fühlte ich mich eher den Vierzigjährigen nah, seit ich sechzig bin, rechne ich immer, wie viel Zeit mir wohl noch bleibt. Dann denke ich: «Heinamal, ich muss mich beeilen, damit ich noch alles erleben kann, was ich erleben will!» Ich glaube, ich habe nicht Angst vor dem Alter, aber ich habe Angst, von den Jungen nicht mehr akzeptiert zu werden. Selber fühle ich mich noch sehr jugendlich, aber wenn ich dann mit einer Gruppe junger Menschen zusammenbin, realisiere ich plötzlich, dass ich ein ‹Papeli› bin unter all diesen Jungen.
Und dann altern Sie auch noch in der Öffentlichkeit. Macht es das nicht noch schwieriger?
Solange die Menschen mir sagen, wie gut ich aussehe und sie mir Komplimente machen, fällt es mir leicht. Aber ich muss auch mir selber zu Hause vor dem Spiegel gefallen, und dafür mache ich einiges. Ich bin ein ästhetischer Mensch, ich würde mich nicht aushalten, wenn ich mich gehen lassen würde. Ich will in Würde altern, wie man so schön sagt.
Als Schauspieler werden Sie nicht mit 65 pensioniert. Wie lange werden Sie noch in der Öffentlichkeit stehen?
Wenn ich eine Krankheit hätte, die mich völlig verunstaltet, würde ich mich sofort aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Aber sonst würde ich gerne so lange weiterspielen, wie ich die Kraft dazu habe. Wer weiss, vielleicht habe ich als alter Mann ja noch die Möglichkeit, einmal in einem Schweizer Spielfilm mitzuspielen, so wie Stephanie Glaser in die «Herbstzeitlosen». Das würde ich gerne einmal noch machen.