Wiedersehen 50 Jahre nach der Seegfrörni: «Wir sind die Seilschaft vom Bodensee»

Am 6. Februar 1963 überquerten sechs deutsche Männer den zugefrorenen Bodensee. Heute noch schwelgen sie in Erinnerungen.

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Fünfzig Jahre ist es her, seit sechs Männer aus Hagnau (D) über den zugefrorenen Bodensee in die Schweiz kamen. Sie waren die Ersten, die den See zu Fuss überquerten seit der vorangegangenen Seegfrörni 1880.

«Am Dienstag kamen wir auf die Idee», erzählten sie damals dem BLICK-Reporter. «Hermann Urnauer fing davon an. Wie weit das ist, wussten wir allerdings nicht. Nur eins: Dass es ein grosses Risiko ist.»

Am Mittwoch, den 6. Februar 1963, um 09.50 Uhr marschierten sie los. Der See war erst zwei Tage zugefroren. «Hin und wieder war uns schon etwas schummrig», gestand Berthold Arnold, «draussen hatte es viele Löcher im Eis, in welchen Enten schwammen. Ausserdem war das Eis teilweise spürbar fedrig.»

Die Hagnauer waren gut ausgerüstet. Nebst Proviant hatten sie eine Leiter dabei, Handtuch und Ersatzwäsche – und eine Trompete. Mit einem Seil hatten sie sich aneinander gebunden. Wie bei einer Bergtour.

«Ein bodenloser Leichtsinn»

Zwei Stunden später kamen sie in der Schweiz an. Sie landeten direkt vor dem Restaurant Schiff in Güttingen TG, wo sie erst mal etwas assen: Gulasch mit Kartoffelstock.

Genau fünfzig Jahre später sitzen vier ältere Herren im selben Restaurant. Die Seilschaft von damals. Zu essen gibt es zwar nicht Gulasch mit Kartoffelstock. Und Eis hat es auf dem Bodensee auch nicht. Nur der Nebel ist genauso dick wie damals. «Die Sichtweite war nicht mal ein Kilometer», erinnert sich Berthold Arnold (75). «Die Pappeln am Ufer, die hab ich als Erstes gesehen», sagt August Knoblauch (63), der als 13-Jähriger den Spuren der andern folgte und alleine über den See ging. «Das war schon ein bodenloser Leichtsinn, so im Nachhinein», sagt er. «Meinen Eltern habe ich nichts gesagt, sonst hätten die mich eingesperrt. Abends hats dann was gesetzt. Aber das habe ich in Kauf genommen.»

Es war ein richtiges Abenteuer. «Ich weiss bloss noch, als das Eis dünn wurde und vor allem kein Raureif mehr drauf war», sagt Arnold. «Man hat runtergesehen. Schwarz. Einmal hat sich das Eis unter unseren Füssen gesenkt.»

Heute, da sind sich die vier Männer einig, wäre das ganz anders. «Das Abenteuer, das wir damals hatten, gibt es so nicht mehr. Heute hätte jeder ein Handy dabei, wenn was schiefläuft, kann man den Hubschrauber rufen.» Hermann Urnauer (82) meint: «Statt dem Handy hatten wir die Trompete. Damit hätten wir ein Signal geblasen.» Arnold erwidert: «Was denn? Wir sind tot?» Alle lachen. «Wir haben nicht gedacht, dass man so was wahrscheinlich gar nicht mehr erlebt», sagt Knoblauch. Und Anni (66), Arnolds Frau: «Dass das eine so historische Sache gibt, war ihnen nicht bewusst.»

Historische Liebesgeschichte

Ein bisschen historisch ist auch die Liebesgeschichte der Arnolds. Anni kam mit Freundinnen Stunden später über das Eis. «Als Berthold mich sah, fragte er: ‹Wo kommst du her?› Ich sagte: ‹Wir sind deinen Spuren gefolgt.› Da haben wir zum ersten Mal miteinander geredet. Obwohl wir nur 300 Meter entfernt voneinander gewohnt haben. Nächstes Jahr feiern wir goldene Hochzeit.»

Falls der Bodensee bald wieder eine Eisschicht hätte: Würden sie es nochmals wagen? «Ich glaube nicht», sagt Josef Ritter (69). «Zumindest nicht mehr als Erste», meint Urnauer, «danach sicher schon.»

«Was?», unterbricht ihn seine Frau, «du würdest nochmals gehen?» – «Wenn das Eis zehn Zentimeter dick wäre, würde ich es schon probieren.»

Zuerst am Schweizer Ufer: Mit Kompass, Schlitten, Skis und Ersatzwäsche ausgerüstet, erreichen die sechs Männer nach zwei Stunden das sichere Ufer. play

Zuerst am Schweizer Ufer: Mit Kompass, Schlitten, Skis und Ersatzwäsche ausgerüstet, erreichen die sechs Männer nach zwei Stunden das sichere Ufer.

Am anderen Ufer: Der Kreuzlinger Statthalter Otto Raggenbass wollte von Gustav Knoblauch (13) wissen, ob er einen Ausweis dabei hat. play

Am anderen Ufer: Der Kreuzlinger Statthalter Otto Raggenbass wollte von Gustav Knoblauch (13) wissen, ob er einen Ausweis dabei hat.

Beliebteste Kommentare

  • Winfried  Schulte
    Es gibt eine Ballade "Der Reiter und der Bodensee", die von Gustav Schwab im frühen 19. Jahrhundert verfasst wurde. Dabei geht es um einen Reiter, der über den Bodensee reitet und erst als er das gegenüberliegende Ufer erreicht realisiert, dass die schneebedeckte Ebene, die er gerade überquert hat, der zugefrorene Bodensee war. http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Reiter_und_der_Bodensee


    • 07.02.2013
    • 18
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  • Peter Christian  Nigg , Natal , via Facebook
    datum weiss ich nicht mehr. bin mit freunden von rorschach nach wasserburg de, hin und zurück, ca. 28.km , marschiert. tolles erlebnis.
    bei der stadtverwaltung von wasserburg bekamen wir noch eine urkunde für die seeüberquerung "zu fuss".
    • 08.02.2013
    • 16
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Alle Kommentare (3)

  • Peter  Stoffel , Rorschach
    Es kommt drauf an, WO diese Deutschen die Schweiz erreichten. Doch mehr als 6 bis 7 Kilometer haben die nicht überwunden. Allerdings hat eine Gruppe SBB-Angestellter, denen ich mich anschloss, den See noch VOR der Freigabe, von Rorschach CH nach Nonnenhorn D überquert, Das waren just 14 Km, also das Doppelte, was die Deutschen machten. In der ASeemitte war das Eis nicht sehr dick und wir mussten weit auseinander weiter marschieren um einen Einbruch zu vermeiden. DAS war Leichtsinn. Da können diese Deutschen nur noch mit offenem Mund staunen.
    • 08.02.2013
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  • Peter Christian  Nigg , Natal , via Facebook
    datum weiss ich nicht mehr. bin mit freunden von rorschach nach wasserburg de, hin und zurück, ca. 28.km , marschiert. tolles erlebnis.
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  • Winfried  Schulte
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