Dramatisches Treffen nach 70 Jahren Verdingbub findet Bruder wieder

  • Publiziert: 07.11.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Peter Padrutt

Ein 77-jähriger Rentner liest den BLICK-Bericht über den ehemaligen Verdingbub Hugo Zingg (76). Und erkennt ihn ihm seinen Bruder. Jetzt haben sich die beiden getroffen.

Sein Schicksal rührte die ganze Schweiz: Vor drei Wochen schilderte Hugo Zingg im BLICK sein trauriges Leben als Verdingbub. Während des Zweiten Weltkriegs auf einen Bauernhof im Berner Gürbetal verfrachtet, wurde er über Jahre hinweg geschlagen, gequält und ausgenutzt. Zingg wirkt im Schweizer Film «Der Verdingbub», der derzeit im Kino läuft, als Statist mit. «Weil mir dieser Film sehr wichtig war», wie er betonte.

Einen pensionierten Schlosser aus Koppigen BE berührten die Schilderungen von Hugo Zingg besonders tief: «Auch ich kam wie er als Sohn von einfachen Arbeitern im Berner Mattenquartier zur Welt und trug als Kind den Namen Zingg», erzählt Heinz Egger. Weil er später von Pflegeeltern adoptiert wurde, trägt er heute einen anderen Nachnamen.

Seinen Bruder hat er zum letzten Mal vor 70 Jahren gesehen

Sechs Kinder seien sie gewesen, alle seien sie von ihren Eltern «weggegeben» worden. «Ich wurde wie Ware herumgeschoben – zuerst zu Pflegeeltern, dann in ein Heim, schliesslich kam ich als Verdingbub auf einen Bauernhof», erinnert sich Egger. Seinen Bruder hat er zum letzten Mal vor über 70 Jahren gesehen, als er ihn mit seinen Pflegeeltern im Kinderheim besuchte. Oft habe er darüber nachgedacht, was wohl aus Hugo geworden sei.

Aus dem BLICK-Artikel erfuhr er, dass der Bruder heute in Lyss BE lebe. «Fünf Tage habe ich nach ihm gesucht, auf der Post, überall herumgefragt, weil er im Telefonbuch nicht zu finden war.» Dann hatte er ihn endlich gefunden. Und klingelte bei ihm.

Hugo Zingg über das nicht mehr für möglich gehaltene Wiedersehen: «Ein Mann stand unangemeldet an der Türe, sagte: ‹Lueg mi gnau aa – i bi di Brüetsch!› Mir ist der Kiefer runtergefallen – erst bin ich erschrocken.»

Dann sassen die beiden lange zusammen, Heinz erzählte seine Geschichte.

«Ich wurde zum Glück aber nicht geschlagen wie Hugo»


Auch er hat gelitten, geschwiegen und geduldet. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er in der Obhut seiner Pflegeeltern in Farnern BE. «Dort habe ich anfangs eine glückliche Zeit verbracht.» Doch eines Tages klopften Beamte an der Türe, zerrten den Erstklässer fort und steckten ihn in ein Heim. «Ich weiss bis heute nicht, warum», so Egger.

Das Leben in der Anstalt sei knallhart gewesen. «Wir schliefen in einem grossen, kalten Raum – es gab drei Reihen à 20 Betten. Oft gingen die Zöglinge aufeinander los – und die Leiter behandelten die Kinder wie Ware.

1946 sei er dann auf einen Bauernhof in Attiswil BE abgeschoben worden. Dort habe er als Verdingbub schuften müssen. «Ich wurde zum Glück aber nicht geschlagen wie Hugo. Ich war das Knechtli für alles.»

Schlimm sei gewesen, wenn er vom Feld aus seinen Pflegevater gesehen habe, der auf dem Weg zur Arbeit war. «Er hat dann ein paar liebe Worte mit mir gewechselt, aber mehr war ihm nicht erlaubt.» Als Pflegeeltern waren sie rechtlos.

Erst als sein leiblicher Vater die Einwilligung gab, durften die Pflegeeltern Heinz mit 16 adoptieren.

Gemeinsamkeiten

Die Brüder Hugo und Heinz haben sich jetzt schon zwei Mal getroffen. Stundenlang sprachen sie über ihre Kindheit, die ihnen gestohlen wurde.

«Uns bleibt nicht mehr viel Lebenszeit, um uns kennenzulernen», sagt Zingg. Gemeinsamkeiten haben sie schon gefunden. «Wir fotografieren beide gern», fügt er an. Und Bruder Hugo meint: «Wir haben beide einen ‹Gring›. Wir denken laut, wenn uns was nicht passt.»

Heinz fügt an: «Wenn man als Verdingkind die ganze Zeit dächelet wird, lernt man sich zu wehren!»

Sollen die Verdingkinder eine Entschädigung erhalten?»

  • 47,0% Ja, die Schweiz hat von ihnen profitiert und sie ausgenutzt.
  • 25,7% Ja, aber die Milliardenforderung ist zu hoch.
  • 27,2% Nein, wir sind nicht schuld an dem, was vor Jahrzehnten geschah.

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