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Wegen seiner Leseschwäche wurde Mister Schweiz André Reithebuch (22) in den letzten Wochen arg geprügelt. Als «hirnloser Schnösel», als «katastrophal» betitelten ihn Medien, als bekannt wurde, dass er Illetrist ist. Dann erhielt der Glarner Zimmermann Rückendeckung von prominenter Seite: Ausgerechnet Bundesrat Moritz Leuenberger (64), der eloquenteste Schweizer Bundesrat, meldete sich zu Wort. «Ich gestehe meine Solidarität zu André Reithebuch ganz und gerne», schrieb er in seinem Blog.
Und: «Auch ich tue mich ab und zu schwer mit dem Lesen.» Als SonntagsBlick um ein Treffen mit den beiden bat, zögerte er keine Sekunde und lud den neuen Mister Schweiz zum Gespräch zu sich ins ins Bundeshaus. Eine Premiere in der Geschichte der Mister-Schweiz-Organisation!
Herr Leuenberger, warum ist Ihnen dieses Treffen mit dem Mister Schweiz so wichtig?
Moritz Leuenberger: Ein Mensch besteht ja nicht nur aus einer Eigenschaft. Er hat einen Beruf, eine Persönlichkeit. Bei André Reithebuch hat sich die öffentliche Diskussion auf einen Nebenaspekt eingeschossen, der mit dem Charakter und der Intelligenz nichts zu tun hat. Das hat mich genervt.
André Reithebuch, Ihre Lese- und Schreibschwäche macht grosse Schlagzeilen. Ist das unangenehm?
André Reithebuch: Ich habe mich schon lange daran gewöhnt. Bereits im Militär bin ich dazu gestanden. Ich finde es verrückt, was für einen Zauber diese kleine Schwäche von mir auslöst.
Sie haben mit dem Mister-Schweiz-Titel eine neue Rolle übernommen. Spüren Sie die damit verbundene Verantwortung?
Reithebuch: Auf jeden Fall. Gerade für junge Leute bin ich ein Vorbild. Ich werde mich deshalb verbessern und Bücher lesen. Jetzt muss ich!
Können Sie das?
Reithebuch: Natürlich. Ich werde als Analphabet hingestellt. Das bin ich nicht. Ich mache bloss Flüchtigkeitsfehler. Das tun viele Leute.
Leuenberger: Durch seine Funktion als Mister Schweiz hat Herr Reithebuch jetzt einen neuen Beruf mit grosser öffentlicher Wirkung. Er ist Politiker geworden. Dass er öffentlich zu seinem Leseproblem steht und es diskutiert, ist ein politischer Akt. Ich gratuliere! Da wird politische Verantwortung wahrgenommen.
Herr Reithebuch hat sich neulich nicht ganz freiwillig geoutet.
Leuenberger: Als ich Bundesratskandidat wurde, hat mich eine Journalistin gedrängt, zuzugeben, dass ich geschieden bin und mit meiner Freundin zusammenlebe. Ich bin der erste Bundesrat, der geschieden ist. Der erste! Das muss man sich mal vorstellen! Zuerst machte mir das Mühe. Dann merkte ich aber, was dieses Bekenntnis für eine Bedeutung hat. Wie viele Leute in der gleichen Situation sind und sich so besser repräsentiert fühlen! Das ist eine Parallele. Man spielt eine positive Rolle für viele Leute.
Wo spüren Sie Ihr Handicap im Alltag, Herr Reithebuch?
Reithebuch: Beim Schreiben von offiziellen Briefen. Da wünsche ich mir schon, ich hätte mir in
der Schule etwas mehr Mühe gegeben.
Herr Leuenberger, Sie haben in Ihrem Blog geschrieben, auch Sie hätten Mühe mit dem Lesen. Sie kokettieren!
Leuenberger: Selbstverständlich ist das nicht ganz dasselbe. Zum Teil bin ich einfach müde, weil ich wahnsinnig viel lesen muss. Manchmal bekomme ich Unterlagen für eine Sitzung und beginne gar nicht erst mit Lesen. Über meinen Vorgänger Adolf Ogi hat man gewitzelt, weil er alle wichtigen Informationen auf einem A4-Blatt zusammengestellt haben wollte. Ich schaffe manchmal nicht einmal mehr das. Und noch was: Wenn ich lese, tue ich das sehr langsam. Viel langsamer als andere. Ich brauche Zeit, um den Inhalt zu verstehen.
Wie informieren Sie sich, was so läuft in der Welt? Schauen Sie dafür in die Zeitung, Herr Reithebuch?
Reithebuch: Na ja, ich überfliege sie eher.
Leuenberger: Sie lesen doch einfach die Überschriften, oder? Das mache ich auch so. Es ist selten, dass ich einen ganzen Zeitungsartikel lese.
Und im Internet. Stossen Sie da an Grenzen?
Reithebuch: Das ist überhaupt kein Problem. Im Chat schreibe ich auf Mundart.
Leuenberger: Interessant, dass Sie Mundart schreiben. Das macht mir Mühe.
Reithebuch: Das kommt vom SMSlen. Da schreibt man Mundart.
Illetrie, die Lese- und Schreibschwäche, ist in der Schweiz ein verbreitetes Problem. Weit über eine halbe Million Leute sind betroffen.
Reithebuch: Ich finde das gar nicht so schlimm. Schliesslich ist niemand perfekt.
In unserem Bildungssystem kann etwas nicht stimmen, wenn man die Realschule beendet und mit Lesen und Schreiben Mühe hat.
Leuenberger: In der Ausbildung wird die Sprache oft zu hoch eingeschätzt. Die Intelligenz äussert sich ja nicht einfach nur in der Sprache, sondern auch in der Mathematik, in der sozialen Intelligenz. Deshalb wird vielen ausländischen Kindern der Zugang zur Universität verwehrt, obwohl sie das Potenzial zum Ingenieur oder Mathematiker hätten!
Herr Reithebuch, Sie sind mit Ihrer Auftritts-Intelligenz Mister Schweiz geworden. Hatten Sie dieses Talent schon immer?
Reithebuch: Es war mir nicht bewusst. Ich gewinne sehr viel durch mein sympathisches Auftreten. Damit kann ich wirklich punkten.
Leuenberger: Sehr gut! Sie haben eine Begabung, natürliche Sympathien beim Gegenüber zu wecken. Sie waren mir sofort sympathisch. Das ist etwas, was zwischen Menschen passiert. Es ist kein Zufall, wer Mister Schweiz wird. Seine Ausstrahlung berührt auch mich.
Moritz Leuenberger ist berühmt für seine Reden. Müssen Sie bei Ihren Auftritten auch Ansprachen halten, Herr Reithebuch?
Reithebuch: Hie und da schon. Am liebsten bereite ich mich nicht lange vor, sondern rede spontan. Doch manchmal merke ich mir einige Punkte im Kopf und bilde dann meine Rede darum herum.
Es ist eine Premiere, dass ein Bundesrat den Mister Schweiz bei sich im Büro für einen Gedankenaustausch empfängt!
Leuenberger: Auch solche Dinge gehören zu den Aufgaben eines Bundesrats. Ich baue nicht nur Schienen und Strassen, Tunnel und Brücken. Es geht darum, das Land zusammenzuhalten, und dafür braucht es den Austausch miteinander. Wir sind zwei Generatio-nen, zwei Welten, die zusammen-kommen. Indem wir uns treffen, machen sich auch alle, die das lesen, Gedanken. In der Schweiz ist es möglich, sich in kürzester Zeit zu finden, wie wir zwei das jetzt tun. Und darauf bin ich etwas stolz.
Haben Sie den Bundesrat getroffen, den Sie sich vorgestellt haben?
Reithebuch: Ich bin eher der Typ, der sich nie grosse Vorstellungen macht, sonst ist die Enttäuschung zu gross. Es ist aber speziell, dass ich hier sein kann. Das freut mich sehr.