Vetternwirtschaft hinter der Kamera Samir bläst zum Angriff

  • Publiziert: 02.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Reza Rafi

Der erfolgreiche Regisseur wirft der Schweizer Filmförderung vor, den Filz zu fördern. Und will Belege haben. Pünktlich zum Filmfestival Locarno kündigt er Rekurs gegen einen Entscheid der Behörde an.

Samir (54) ist sauer, sogar stinksauer auf Teile der Schweizer Filmszene: «Ein übler Sumpf der Vetternwirtschaft.» Auch auf den obersten Filmförderer, Nicolas Bideau: «Sein Abgang ist überfällig.» Und auf einige Berufskollegen: «Da schaufeln sich welche gegenseitig Fördergelder zu.»

Zwar sind die Vorwürfe des Regisseurs und Produzenten nicht neu. Neu aber ist: Filz und Kumpanei sind laut Samir nun schwarz auf weiss belegbar.

Den Ausschlag gab die schriftliche Ablehnung seines Projekts «Anna Böhny» an einer Sitzung der Schweizer Filmförderung. Der Ausschuss Spielfilm tagte vom 8. bis 10. Juni 2009. Mitglieder waren gemäss Protokoll Andrea Staka und Thierry Spicher, Chef der Filmkommission.

Was Samir besonders stossend findet: Beide profitieren direkt von Empfehlungen des eigenen Gremiums. Regisseurin Andrea Staka (35) soll 45000 Franken für die Drehbuchentwicklung von «Cure» erhalten. Spicher (46) ist mit seiner Firma Box Productions an «A perdre la raison» beteiligt.

Dieselbe Kommission beschloss, den Film mit 350000 Franken aus öffentlichen Mitteln zu unterstützen. «Dabei wird», so Samir, «sogar die Obergrenze von 300000 Franken für Koproduktionsgelder verletzt.» Auffällig ist auch, dass die sechs zugesprochenen Zusagen für Herstellung und Koproduktionen nur den Projekten der IG Film zugute kommen – die Produzentenverbände GEARP und SFP gingen leer aus.

Ausschussmitglieder, die über Gelder entscheiden, welche ihren eigenen Projekten zufliessen – das sei illegal. Samir: «Ein Verstoss gegen die allgemeine Ausstandsregel beim Bund.» Er begründet dieses Verhalten mit den vielen Seilschaften, die es im Geflecht von Behörden und Kulturschaffenden gebe. Nun bereitet seine Produktionsfirma Dschoint Ventschr einen juristischen Rekurs vor, «und zwar gegen sämtliche Entscheide der Sitzung».

Mit den Vorwürfen konfrontiert, räumt Staka ein, dass sie damals Ausschussmitglied war. «Aber als es um mein Projekt ging, bin ich in den Ausstand getreten», sagt sie.

Nicolas Bideau (40), Chef der Schweizer Filmförderung, betont: «Die jeweiligen Personen waren nicht anwesend, als es um ihr Projekt ging.» Doch Samir reicht das nicht. «Das Bundesverwaltungsgesetz gibt vor: Wer ein Projekt hat, soll der ganzen Sitzung fernbleiben, die über die Gelder bestimmt.» Thierry Spicher sagt nur: «Kein Kommentar.» Er bestreitet aber vehement, dass er Mitglied des Ausschusses war. Obwohl er als Ausschussmitglied im Protokoll steht.


Persönlich

Samir (54) ist das Enfant terrible der Schweizer Filmszene. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, anders als die meisten in der vom Staat unterstützten Branche.

1955 in Bagdad geboren, begann der Kameramann in den 80er-Jahren, Regie zu führen. Bis heute entstanden 35 Spielfilme und TV-Krimifolgen. Samirs letzter Film «Snow White» (2005), mit seiner Firma Dschoint Ventschr produziert, war ein Kassenschlager.

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