Jetzt spricht seine Lehrerin

Drei Jahre lang sass André Reithebuch bei Vroni Kamber im Unterricht. Doch er ist nicht der einzige, der einen Bogen um Bücher macht, weiss seine Reallehrerin.

  • Publiziert: 05.06.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Kaye Anthon und Nicole Freudiger

Sie kennt die schulischen Stärken und Schwächen von Mister Schweiz André Reithebuch so gut wie sonst kaum jemand: Reallehrerin Vroni Kamber aus Luchsingen GL. Von 1999 bis 2002 drückte der Schöne bei ihr die Schulbank.

«Ich habe André in allen Fächern ausser Buben-Turnen unterrichtet», so die Glarnerin. «Deutsch war überhaupt nicht sein Lieblingsfach, er war eher mathematisch begabt», sagt die Lehrerin. Bei Realschülern sei aber eine einseitige Begabung ganz normal – sonst wären sie in der Sekundarstufe.

Einseitige Begabungen sind bei Realschülern normal

Erkannte Vroni Kamber damals die Lese- und Schreibschwäche ihres Schülers? «Nein. Er war schon schlecht – aber nicht auffällig schlecht. Ein Wechsel in die Oberschule stand nie zur Diskussion.» Aber sie wisse nicht, was er nach der Schule gemacht habe. Lesen und Schreiben vergesse man wieder ohne Übung.

Dass André an Illetrismus leidet (siehe unten), kann und will Kamber einfach nicht glauben. Und dass er bisher nur ein Buch gelesen hat (im BLICK), sei gar nicht so aussergewöhnlich: «Das ist halt so. André ist kein Einzelfall. Internet und Fernsehen sind eben viel spannender für die Jungen.»

Vroni Kamber ist trotzdem stolz auf ihren Ex-Schüler, der jetzt Mister Schweiz ist. Sie glaubt, dass er es weit bringen kann: «André war schon in der Schule ein Mädchenschwarm. Er hat sich unglaublich gemacht in den drei Jahren!»

«Illetristen sind nicht dumm»

Was ist Illetrismus? Rosita Della Morte, Expertin des Vereins Lesen und Schreiben, gibt Auskunft.

Blick: Frau Della Morte, André Reithebuch nennt seine Leseschwäche Illetrismus. Was ist das?
Rosita Della Morte: Illetrismus ist der wissenschaftliche Begriff für Menschen, die mit einer Lese- und Schreibschwäche zu kämpfen haben. Die Betroffenen sind keine Analphabeten, sie haben Lesen und Schreiben gelernt. Sie haben aber oft Mühe, sich im von Schrift geprägten Alltag zurechtzufinden.

Wer ist davon betroffen?
In der Schweiz etwa 800 000 Personen. Wichtig ist, dass die Schreibschwäche nichts mit Intelligenz zu tun hat. Die Betroffenen sind weder dumm noch faul!

Was sind die Ursachen?
Eine Leseschwäche resultiert immer aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren wie Schwierigkeiten in der Familie oder Probleme in der Schule. Oder aber blinde Flecken im Hirn, die verhindern, dass Kinder richtig lesen lernen.

Was kann man dagegen tun?
Mit Früherkennung könnte viel aufgefangen werden. Für Erwachsene bieten wir Kurse an, in denen jeder gezielt seine Wissenslücken angehen kann.
play Reithebuchs Reallehrerin: Vroni Kamber aus Luchsingen.