Die Missen liegen nach der Wahl-Verschiebung am Boden, das Nachtreten hat begonnen. Jetzt hat Vize-Miss-Schweiz und Psychologie-Studentin Julia Flückiger (23) genug.
Geschätzte Kritiker der Miss-Schweiz-Wahl
Sie haben recht. Es existiert eine massive Übersättigung an Castingshows aller Art, explizit an Schönheitswahlen. Von der Apfelkönigin bis zur Miss Alpenrhein kann man sich nahezu in allen Bereichen eine Schärpe umhängen lassen. Die Absetzung vom Schweizer Fernsehen empfinden Sie als folgerichtig, am liebsten würden Sie die Wahl gar ganz absetzen, um diesem «narzisstischen Trend» ein Ende zu setzen.
Ich stimme Ihnen zu, ich mag auch keine Menschen, die sich per se und mit absoluter Talentfreiheit nur über ihren Titel profilieren.
Am liebsten wettern Sie, falls möglich noch unter der Gürtellinie, über Ex-Miss-Schweiz Melanie Winiger, betitelt sie in Kommentaren als «unechte Schauspielerin», welche nur «eine billige Schauspielschule, die man ohne Talent besuchen kann», absolvierte. Und «Tages-Anzeiger»-Redaktorin Simone Meier schreibt in einem Kommentar gar von einer «Parade der Peinlichkeiten – Kerstin Cooks Studienlüge, das national sichtbare Tamponschnürchen der Cleo Heuss, all die Mädchen, die das Matterhorn nicht erkannten und höchstens vier Kantonswappen richtig zuordnen konnten.» Besten Dank an dieser Stelle für dass Kompliment. Schmeissen Sie uns bitte alle in einen Topf und sprechen Sie uns ruhig jegliche Form von Individualität ab.
Respektlosigkeit über Respektlosigkeit macht sich in der momentanen Debatte über die Miss-Schweiz-Wahl breit. Die Mädchen werden schubladisiert und das Negative wird aus allem herausgequetscht. Wobei ich Ihnen eines versichern kann: Diese Seiten findet man bei jedem und allem. Wer suchet, der findet. Wo aber bleibt Offenheit und Toleranz gegenüber Andersartigen und Andersdenkenden?
Die Miss-Schweiz-Wahl hat kein Recht mehr auf Existenz, weil sie in der momentan vorherrschenden neoliberalen Strömung nichts mehr zu suchen hat. Was keine Leistung bringt, ist nichts wert. Es geht um Leistungs-, Wettbewerbs- und Konkurrenzfähigkeit. Chancengleichheit, Integration und Partizipation ist ein müdes Echo aus der wilden 68er-Bewegung.
Die Quotenfrage scheint mir eher fragwürdig. Vergleicht man die Miss-Schweiz-Wahl mit der Hauptausgabe der Tagesschau sind die Quoten natürlich bedenklich. Grundsätzlich ist es aber so, dass das Schweizer Fernsehen allgemein mit der Quote kämpft, dies vor allem aus zwei Gründen: die primäre Zuschauergruppe wird immer älter, und die Jungen haben ein anderes Medienverhalten. Die Miss-Schweiz-Wahl war mit Sicherheit eine der Sendungen mit dem jüngsten Zuschauerschnitt und hätte durchaus auch als Zielgruppenverjüngung funktioniert. Die Kooperation für eine Veränderung hätte diesbezüglich aber von beiden Seiten kommen müssen.
Der Urtrieb, besser, schöner und schneller zu sein, ist in uns – ob bewusst oder unbewusst, ob Sie es, geschätzte Kritiker, sehen wollen oder nicht. Durch Impulse kommt er immer wieder zum Vorschein. Den menschlichen Urtrieb, sich zu gleichen, hat es immer gegeben – und es wird ihn immer geben.
Es stimmt, es braucht eine Veränderung am Konzept Miss Schweiz, es braucht mehr Charakter und mehr Hintergrund. Trotzdem bitte ich Sie, Ihren Habitus der Nörgelei endlich einmal einzustellen. Die Miss-Schweiz-Wahl ist nicht abgesetzt, sondern nur verschoben.
Ich bitte Sie daher, geschätzte Miss-Wahl-Gegner, die Sie sich gegen die Sinnlosigkeit dieser Wahl aussprechen: Hören Sie auf, sich den Kopf zu zerbrechen, was Sie mir nun über meine Zeilen an den Kopf werfen wollen, denn das ist auch sinnlos, und tun Sie stattdessen etwas Sinnvolles. Es gibt genug zu tun auf dieser Welt.
Mit freundlichen Grüssen
Julia Flückiger
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