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Karina Berger (40) ist anderes gewohnt. Seit 15 Jahren organisiert die Ex-Miss die Wahl zur schönsten Schweizerin. Locations bislang: Maag EventHall in Zürich, Filmfestival-Palazzo Fevi in Locarno oder eine aufgeputzte Arena in Genf.
Dieses Jahr steigt die Glitzer-Krönung in Lugano im Centro di Esposizioni. Das Hallen-Labyrinth hat 60 Jahre Ausstellungstradition und erfordert guten Orientierungssinn.
Zielsicher schreitet Karina Berger durch die Hallen Mac 7 und Mac 5. Bepackt mit Taschen und Tüten. Die Basisausrüstung des Missen -Mamis: Pflaster, Nasenspray, Einlegesohlen, Klebeband, Sicherheitsnadeln, Nähzeug. «Für die Pannen. Ist der Schuh zu gross, muss eine Einlage her. Rutscht das Décolleté, kleben wir es mit Scotch fest. Die Mädchen dürfen bloss nicht krank werden. Also gebe ich Vitamin C und Resistenztropfen.»
Die « Mädchen », das sind die 16 Kandidatinnen, die es ins Finale der Miss-Schweiz-Wahl geschafft haben. Sie wohnen seit Sonntag im Hotel Seegarten. Vom See allerdings haben sie nicht viel. Aufstehen um sieben. Trainingbeginn um 8.30 Uhr. Warming-up mit Dauerlauf, Bauch-und Po-Übungen, Power-Yoga. Dann proben, proben, proben im Centro – oft bis 23 Uhr. Tanzchoreografien, Aufmarsch, Haltung. Hüftschwung. Posen und Smile. Am Samstag steigt die grosse Live-Show. Bis dahin muss jedes Detail sitzen.
Es zieht im Padiglione di Conza. Der Bau in Gammelgelb beherbergt den ältesten Saal im Centro, war früher auch mal Viehmarkt. Acht Meter Deckenhöhe, mit Teppich verklebter Boden, konstante zwölf Grad Celsius. Karina behält die Jacke an. Choreografin Grazia Covre (47) hat sich einen Nierengurt angelegt. Die Mädchen frieren. Sie studieren den Bikini-Part ein. «I want you to be crazy», schepperts aus dem Recorder. Locker, crazy. Das verlangt auch Grazia. Die Missen balancieren eher unsicher auf den zwölf Zentimeter hohen Pfennigabsätzen ihrer Stöckelschuhe. Der Sex-Appeal verkriecht sich unter Gänsehaut. Tippeln. Bis acht zählen. Lächeln. Bis acht zählen. «... five, six, seven, eight. Stopp, mes amours, shoobedoo», krächzt Grazia mit heiserer Stimme. Dann gehts multikulti weiter: «On y va, come on, Girls. Kopf hoch. Nicht stampfen. Anche tu, Lucile.»
Es ist die dritte Miss-Schweiz-Show, bei der die gebürtige Italienerin die Finalistinnen bis zur Bühnenreife aufpäppelt. «Die Mädchen kommen nicht aus dem Business. Es fehlt ihnen an Spannung und Kondition. Doch sie begreifen schnell. Sie sind intelligent, spontan und offen. Hier lernen sie körperliche und mentale Stärke.»
Es hämmert und brummt nicht nur aus dem Lautsprecher. In der Halle nebenan karren Gabelstapler Spanplatten herum, werkeln Schreiner. Neben TV-Studio, Garderoben und Galasaal wird auch die Möbel-Herbstmesse Artecasa aufgebaut.
Im Padiglione gehts leger mit Léger, der leichten Genusslinie von Migros, weiter. Die Missen schlüpfen in die blauen T-Shirts des Sponsors, üben das Showfinale ohne Abendkleider in Jeans. Das Haar wird strähnig, das Make-up blass. Das Lächeln fällt schwer. Die Füsse schmerzen. «Das geht rauf bis in die Waden», klagt Lisa Panigada (22) aus Sementina TI. Miss Zürich Alexandra Feybli (19): «Nach vier Stunden wird das richtig schlimm.» Doch Grazia bleibt hart: «Stöckelschuhe gehören zum Business.» Karinas Tipp: kalte Dusche am Abend. Überhaupt führt das Missen -Mami ein strenges Regime. Morgens zieht sie die Handys ein. «Die Mädchen sollen nicht durch eifersüchtige Freunde, übereifrige Mütter und lästige Journalisten gestört werden.» Es wird ordentlich gefrühstückt und zu Mittag gegessen. «Hungern ist verboten», sagt Karina Berger, «die Mädchen brauchen Kraft für die anstrengenden Proben.»
«Wir wussten ja, dass es hart wird», sagt Stefanie Frei (22) aus Brugg AG. Aber es sei okay. Allein schon der Erfahrung wegen. Wäre sie nicht im Missen -Camp, würde sie jetzt im Büro Sachschadenfälle bearbeiten, sagt Kollegin Alexandra. Diana Knezevic (22) aus Grenchen SO schaut auf die Uhr: «Ich hätte jetzt an der pädagogischen Schule eine Ringvorlesung.» Alle drei sind sich einig: «Hier lernen wir an Grenzen zu stossen und mit Stresssituationen fertig zu werden. Auch das ist wichtig fürs Leben.»
Die Proben im schmucklosen Padiglione rauben der Krone ein wenig den Glanz. «Jede von uns weiss, dass die Chancen, Miss Schweiz zu werden, 1 zu 16 stehen. Niemand hier fühlt sich wirklich als Favoritin», sagt Alexandra. Ein Hauch Mutlosigkeit vor dem grossen Tag.
Morgen Abend kurz nach acht steigt die grosse Show auf allen Schweizer Kanälen. Coiffeure, Visagistinnen, Ankleidehilfen trimmen die Mädchen auf Hochglanzformat. Professionelle Beauty für 250 Scheinwerfer, sieben Fernsehkameras, für Jury und ein Millionenpublikum. Und der Traum, Miss Schweiz zu werden, erwacht.