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BLICK: Am 18. März sehen wir Sie in «Hunkeler und die Augen des Oedipus». Ihre Abschiedsvorstellung als Kommissar?
Mathias Gnädinger: Das habe ich zuerst auch befürchtet. Doch ich habe gehört, dass es noch einen Teil geben wird, von Kommissar Hunkeler in Pension.
Was bedeutet für Sie das baldige Ende der Reihe?
Das nahe Aus ist schon recht hart, und für mich eine Art Endzeiterscheinung. Ich bin jetzt über 70 und da fängt man an zu überlegen, wie lange man eigentlich noch lebt und was man noch machen will.
Was schliessen Sie daraus?
Ich mag kein Theater mehr spielen. Mittlerweile hätte ich auch fast Angst davor. Man wird nachdenklicher mit dem Alter, verstrickt sich in Details. Dadurch geht die Lockerheit verloren, einfach zu spielen.
Weshalb sind Sie Schauspieler geworden?
Schon als Kind wollte ich mich immer verkleiden und Theater spielen. Auf der Heubühne hatten ich und meine Brüder jeweils unsere Aufführungen. Doch bei der Berufswahl sagten meine Eltern dann: Lern zuerst etwas Rechtes! Und ich wurde Schriftsetzer.
Später haben Sie dann doch einen anderen Weg eingeschlagen.
Wenn früher ein Fest war, haben alle getanzt, nur ich habe mich nicht getraut. Also lernte ich Schlagzeug spielen. Meistens hat dann so auch ein Mädchen auf mich gewartet und mir geholfen, das Schlagzeug abzubauen (schmunzelt). Da habe ich erkannt, dass es Vorteile hat, auf der Bühne zu sein.
Gehen Sie heute noch aus?
Meine Frau Ursula und ich gehen abends nicht mehr gerne aus dem Haus. Das hat etwas mit dem Alter zu tun. Mann kocht halt lieber noch etwas zusammen, schaut vielleicht noch ein bisschen in die Glotze. Und ich bin wohl auch ein wenig menschenscheu.
Das müssen Sie erklären.
Kürzlich spielte Gardi Hutter bei uns in Stein am Rhein. Bei Anlässen schleichen wir uns jeweils auf den letzten Moment irgendwo rein. Doch die Theaterbesitzerin wollte mir unbedingt Plätze in der ersten Reihe geben. Da ist es mir dann peinlich, wenn alle Augen auf mich gerichtet sind. Ich bin da ein wenig schizophren: Als Schauspieler will ich ja, dass mich die Leute erkennen. Doch wenn sie es dann tun, ist es auch nicht recht.
Wie halten Sie sich fit?
Ursula und ich gehen regelmässig ins Fitness bei uns im Städtchen. Da stehen wir um sechs Uhr früh auf – und trotzdem hat es jeweils schon fünf bis sechs alte Männer, die «Hoi Hunkeler!» rufen. Die Trainerinnen kommen erst um halb acht Uhr. Und das ist noch praktisch, weil, die wollen meiner Frau immer sagen, was sie falsch macht – und das mag sie nicht. Bei mir trauen sie sich schon gar nicht, weil ich so grimmig dreinschaue. Doch momentan ist nichts mit Training.
Sie tragen einen dicken Verband am linken Fuss. Was ist passiert?
Nach einer Routineoperation wegen einer Arthrose am grossen Zeh kam es zu einer Infektion. Ich habe die dann ein wenig verschleppt, bis der Fuss so dick angeschwollen war, dass Ursula den Arzt gerufen hat.
Und was hat der gesagt?
Gleich alles aufschneiden! Es kam zu einer Blutvergiftung – zum Glück nur am Fuss. Doch sie mussten viel Fleisch rausschneiden. Man hat voll den weissen Knochen gesehen. Es war ein grausamer Anblick! Jetzt schaffen wir seit mehr als zehn Wochen daran, dass sich das Loch wieder schliesst. Langsam wächst das Fleisch nach – das beweist doch, dass ich noch nicht am Verwesen bin! Es war faszinierend zu sehen, wie plötzlich wieder Äderchen über den Knochen wachsen.
Das tönt ziemlich dramatisch.
Es war wirklich fünf vor zwölf. Mein Chirurg hat mir gesagt, dass sie in den USA den Fuss wohl amputiert hätten, weil es unkomplizierter wäre. Doch ich bin froh, stehe ich noch mit beiden Beinen auf dem Boden.
Was ist das Schöne am Alter?
Eigentlich nichts, ausser, dass man noch lebt. Mich scheisst es echt an, schon 70 zu sein. Ich realisiere es gar nicht, dass ich jetzt zu den Alten gehöre. Ich spüre auch nichts von dieser Altersweisheit. Bin immer noch ein ungehorsamer Luus-Cheib, der sich nichts sagen lässt.
Manchmal wird Ihnen ein Selbstzerstörungstrieb nachgesagt.
Das ist so. Wenn es mir zu gut geht, mache ich vieles kaputt. Das sind Sachen, die ich mit dem Kopf nicht steuern kann. Ich weiss, ich sollte es nicht machen, aber mache es trotzdem. Es passiert auch noch ab und zu, dass ich zu viel trinke – auch wenn ich weiss, dass es mir nicht gut tut. Doch wenigstens trinke ich keinen Schnaps. Und Ursula schaut schon, dass ich es nicht zu sehr übertreibe.
Sie haben vor sieben Jahren Ihre Jugendliebe Ursula geheiratet. Haben Sie nie das Gefühl, sie hätten etwas verpasst, dass Sie solange aufeinander warten mussten?
Nein, sonst wären wir längst wieder auseinander. Jeder hatte zwischendurch noch ein anderes Leben – oder sogar mehrere! Ein Leben lang hätte es keine mit mir ausgehalten. Ich bin ein eigenwilliger Siech, ein Schlitzohr, eine Wildsau. Aber ich habe wohl auch etwas Nettes an mir. Sonst wäre mir Ursula längst davongelaufen. Doch das passiert nicht. Wir bleiben zusammen bis zum Schluss.
Angst vor dem Tod?
Ich versuche sie mir zu nehmen. Ich befasse mich vermehrt mit dem Ende meines Lebens und möchte für diesen Moment gerüstet sein. Ich musste mich ja jetzt ein paarmal narkotisieren lassen wegen meines Fusses. Und ich stelle mir den Tod ähnlich vor wie eine Narkose. Der Unterschied ist, dass man nicht mehr aufwacht. Mit dem Tod ist das Leben zu Ende. Da kommt nichts mehr. Kein Paradies.
Was ist der Sinn des Lebens?
Mein Onkel Seppel hat es in seinem letzten Tagebucheintrag vor seinem Tod treffend formuliert: Konfuzius sagt, auf die Frage, was der Sinn des Lebens sei: Treue zu dir selbst und Güte den anderen gegenüber.
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