Sonntags bei Beat Schlatter «Meine Pointen sind meine Kinder»

  • Publiziert: 02.05.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Barbara Lienhard
play Bücher, Bilder, Beamer: Alles im Wohnzimmer Beat Schlatters erzählt eine eigene Geschichte. Selbst ein Nacktmodel lag mal auf seinem Sofa und wurde auf einem Gemälde fest­gehalten. (Markus Bertschi)

Jeder kennt einen anderen Schlatter: den Schauspieler, Komiker oder Kabarettisten. Wie das Zürcher Original wirklich lebt, erspürten wir in und an seinen vier Wänden im Niederdorf.

Betritt Beat Schlatter seine Wohnung mitten in der Zürcher Altstadt, wird er zum Statisten. Hier erzählen Stühle, Bilder, Sofas die Geschichten Akt für Akt: ein Vier-Zimmer-Heim als Bühne. Unter der Regie des eigenen Lebens.

Da gibt es den Sessel aus den 50er-Jahren, ein Requisit aus der TV-Serie «Lüthi und Blanc», wo Schlatter jeden Sonntagabend als Willi die Strassen fegte. Gleich dahinter eine wandhohe Fotografie des Ida-Platzes, ebenfalls ein Überbleibsel aus der Soap über die Schokoladen-Dynastie. Im Wohnzimmer dominiert eine Spielwiese in blutrotem Plüsch: ein Sofa, das mal einer Malerin Modell stand – mit einer nackten Dame drauf.

Der Schauspieler, Komiker und Kabarettist sitzt am langen, weiss betuchten Küchentisch und telefoniert. Vor ihm eine gemütliche Auslage aus Büchern, bunten Espressotassen, Miet-DVDs, Tageszeitungen. Auf denen liegt eine dicke, schwarze Hornbrille: Schlatters «Zugabe» an sein Alter. Nächste Woche wird er 48.

«Der Tisch gehörte einer verstorbenen Schauspielkollegin», sagt er und legt sein iPhone zur Seite. «Auf dem schrieb ich unter anderem die Drehbücher für ‹Ferienfieber›, ‹Der beliebte Bruder› mit Patrick Frey und ‹Die Bingoshow›.»

Abends sind oft alle zehn Stühle besetzt. Dann steht Schlatter am Herd und kocht «Robespierre», dünn geschnittenes Rindsfilet, dazu Gemüse und Risotto. «In Restaurants gehe ich höchstens, um was zu trinken. Zum Beispiel in die ‹Bodega› gleich um die Ecke. Dort gibts den besten weissen Rioja. Um zu essen, bleibe ich lieber daheim. Hier kann ich mit meinen Freunden essen und reden, ohne beobachtet zu werden.»

Schlatter und der Ruhm – kein Liebesakt, aber auch keine tiefe Ablehnung. Das verraten die vielen Film- und Theaterplakate an den Wänden, die den Hausherrn in unzähligen Rollen zeigen. «Klar bin ich narzisstisch und egozentrisch, sonst wäre ich nicht Schauspieler geworden. Doch so sehr ich die Aufmerksamkeit auf der Bühne geniesse, so gerne tauche ich nach meinem Auftritt wieder unter.»

Und das kann er am besten im belebten Niederdorf. Unter all den Künstlern und eigenwilligen Charakteren, die hier wohnen, fällt auch ein Schlatter nicht auf. Ausserdem: «Wer hier lebt, lernt sich azyklisch zu bewegen.» Wenn am Wochenende die Massen über die Pflastersteine flanieren, bleibt er zu Hause. Ins Kino geht der Komiker nur nachmittags, mindestens dreimal die Woche; und zwar in Hausschuhen, schliesslich muss er nur über die Gasse. «Ein weiterer Grund, weshalb ich das Niederdorf so liebe: Alles ist ohne Auto erreichbar.»

«Mein Ferrari steht im Schlafzimmer», sagt er. «Die Ex-Freundin hat nach unserer Trennung das Bett gleich mitgenommen.» Also ging der Exzentriker zum Bettenverkäufer im Quartier. Und der brachte ihm monatelang immer wieder neue Modelle zum Testen. Immer bessere, immer teurere. «Am Schluss habe ich mich bis in die Suite des Dolders hochgeschlafen.» Wie das? «Dort steht das gleiche Bett, im Wert eines Autos.»

Das Telefon klingelt. Pornoproduzent Preissle, auch ein Niederdörfler, spricht am anderen Ende. «Und, klappt es mit dem Sexfilm? Super!»

Schlatter sammelt Preise für seine legendäre «Bingoshow». Nach drei Jahren Pause geht er wieder auf Tournee, zu gewinnen gibt es wie immer Unbezahlbares: eine private Wetterprognose von Thomas Bucheli auf dem eigenen Balkon, einen der begehrten Heiratstermine am 9. 9. 09 im Grossmünster, aber auch eine «Rolle» in einem Pornofilm. Schlatter erklärt: «Natürlich kann der Gewinner nicht richtig mitspielen! Aber er wird eine Woche lang als ‹Presenting Act› im Abspann des Films erwähnt.»

Von Moral hält der einstige Schlagzeuger der Punkband Sperma nicht viel. Bevor er Komiker wurde, träumte er von einer Karriere als Musiker, spielte bei der Frauenband Liliput und war zusammen mit Stephan Eicher bei der Strassenmusikantentruppe Die Reisenden.

«Im Herzen bin ich ein Rocker geblieben. Ich lasse mir nicht gerne was aufdrängen. Ich will selber entscheiden, was ich gut oder schlecht finde», sagt er und streckt sich am Küchentisch aus. «Das gleiche Recht haben meine Zuschauer. In meinen Stücken vermeide ich deshalb jeden moralischen Unterton.»

Nein, Schlatter will Menschen nicht erziehen, er will sie berühren. Auch als Gemeindepräsident, seine aktuelle Rolle im Kinofilm «Die Standesbeamtin» von Micha Lewinsky. Er erzählt die Geschichte der Standesbeamtin Rahel, die den Glauben an die Liebe verloren hat, bis sie den Musikstar Ben trauen soll – ihre Jugendliebe. Als ihr Chef, Gemeindepräsident Morger, die VIP-Hochzeit nutzen will, um sein Dorf bekannt zu machen, bricht das Chaos aus.

«Am Anfang ist jede Rolle tot. Um ihr Leben einzuhauchen, muss ich sie verstehen, ihre Beweggründe sezieren», sagt er, steht auf, läuft zum wandbreiten Regal, zieht einen Thriller von Patricia Highsmith aus dem Gestell. «Sie war eine Meisterin der Analyse.» So ergründet Schlatter erst den Charakter, dann entwickelt er die Rollenfantasie, bevor er der Figur Humor einhaucht. Und wenn das Publikum bei der Premiere über den Gemeindepräsidenten lacht, ist Schlatter glücklich. «Schliesslich ist jede Pointe ein Kind von mir.»

Viele glauben ihren Schlatter mit seinen «Kindern» – Pointen, Witze und Anspielungen – zu kennen. Wenige wissen, dass er nur selten seinen inneren Vorhang lüftet. «Komiker laufen Gefahr, Sklaven ihrer Eitelkeit zu werden und spielen nur noch das, was das Publikum hören will. Dabei werden sie unglaubwürdig.»

Das Geheimnis des Stars Schlatter ist: Bei allen Rollenwechseln, bleibt er immer authentisch, verrät seinen Charakter nicht. Wenn nötig greift er dabei auch zu göttlicher Unterstützung. «Hab ich aus einem Sankt-Antonius-Fanshop in Lissabon», sagt er und zeigt auf seinen Schreibtisch, der mit Wimpeln, Aufnähern und Klebern des heiligen Antonius übersät ist. «Der hilft verlorene Dinge wieder zu finden – auch Charaktereigenschaften.»



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