Kommen die Holländer mit den Wohnwagen in die Schweiz, Herr Nydegger?

  • Publiziert: 06.10.2007, Aktualisiert: 03.01.2012

AMSTERDAM – Er verkauft den Holländern die Schweiz: Martin Nydegger (36), Direktor von Schweiz Tourismus in den Niederlanden. Im Gespräch mit Patrick Rohr erzählt er, weshalb die Schweiz in dem flachen Land so steil herauskommt. Und warum in jedem Klischee auch etwas Wahres steckt - vor allem wenns um Wohnwagen geht.

Patrick Rohr Herr Nydegger, braucht die Schweiz die Holländer als Touristen?
Martin Nydegger Was für eine Frage! Im Auslandmarkt ist Holland, gemessen an den Logiernächten, zusammen mit England das zweitwichtigste Land für die Schweiz. Nach Deutschland.

Sind die Holländer denn gute Touristen? Man sagt ihnen ja nach, sie seien äusserst sparsam.
Das ist in der Tat ein Klischee, und jedes Klischee hat auch etwas Wahres. Es stimmt, dass der Holländer sehr preisbewusst ist, aber es ist nicht so, dass er kein Geld ausgibt. Die Unterkunft ist für den Holländer vielleicht eher sekundär. Dafür rüstet er sich sehr gut aus, zum Beispiel zum Wandern. Und diese Ausrüstung kauft er in der Schweiz. Und dann ist der Holländer sehr gesellig, er bleibt also am Abend nicht im Hotelzimmer oder in der Wohnung, sondern geht aus und gibt sein Geld in der Beiz aus.

Was heisst: «Die Unterkunft ist eher sekundär?»
Wir kennen die Zahl der Hotelübernachtungen, das sind im Jahr 860000. Wir gehen aber davon aus, dass es etwa doppelt so viele Übernachtungen in der Parahotellerie gibt.

Dann stimmt es also, dass alle Holländer mit dem eigenen Wohnwagen in die Schweiz kommen?
Das ist jetzt sehr pointiert formuliert. Aber tatsächlich: In 10 Prozent der holländischen Haushalte gibt es einen Wohnwagen, das ist eine ausserordentlich hohe Zahl. Die Holländer verbringen ihre Ferien einfach gerne draussen. Das hat auch damit zu tun, dass die Hälfte der Holländer im Gebiet Amsterdam-Utrecht-DenHaag-Rotterdam lebt, der sogenannten «Randstad». Dort ist es sehr eng, weil das Gebiet relativ klein ist. Deshalb wollen die Holländer sich nicht auch noch in den Ferien eingeengt fühlen.

Dafür nehmen sie ihre eigenen Kartoffeln mit, weil die günstiger sind als die in der Schweiz?
Wenn ich dieses Klischee entkräften wollte, wäre das wahrscheinlich nicht sehr glaubwürdig.

Also kann man sagen, dass viele der Klischees, die man in der Schweiz von den holländischen Touristen hat, stimmen?
Ja.

Jetzt müsste Ihr Job aber sein, die Holländer vermehrt in die Hotels zu locken, damit etwas mehr Geld in der Schweiz bleibt?
Hier haben wir tatsächlich grosses Verbesserungspotenzial. Unser grosser Vorteil ist, dass die Schweiz bei den Holländern einen hervorragenden Ruf geniesst: Die Holländer finden alles, was mit der Schweiz zu tun hat, sehr sympathisch. Jetzt müssen wir diesen Trumpf nur noch besser ausspielen.

Wenn ich mich hier in Holland so umhöre, klingt es aber oft anders: Die Schweiz gilt als eher langweilig und verstaubt – um den Klischee-Spiess mal umzudrehen.
Ja, ich höre auch oft, dass die Schweizer «etwas streng» seien. Gut strukturiert und organisiert. Und immer darauf bedacht, die Regeln einzuhalten.

Was die Holländer doch eher langweilig finden.
Genau. Und trotzdem ist es so, dass gerade Städte wie Genf, Basel und Zürich in den letzten zwei Jahren massiv an Logiernächten zugelegt haben. So schlimm kann es also nicht sein.

Sie scheinen die Holländer sehr gut zu kennen, dabei sind Sie erst seit zweieinhalb Jahren hier auf Ihrem Posten in Amsterdam. Wie gut kannten Sie das Land davor?
Ich habe meinen Arbeitsvertrag hier unterschrieben, ohne dass ich jemals in diesem Land war.

Sie hatten noch nie einen Fuss nach Holland gesetzt, bevor Sie Ihren Vertrag unterschrieben?
Ja.

Muss man denn ein Land nicht kennen, bevor man einen solchen Job annimmt?
Nein, ich mache ja diesen Job nicht alleine. Ich habe ein hervorragendes Team, das zur einen Hälfte aus Holländern besteht und zur anderen Hälfte aus Schweizern, die das Land sehr gut kennen. Ich lernte sehr schnell die Sprache, und dadurch fing ich auch rasch an, die Kultur zu begreifen. Ich behaupte heute zu wissen, wie der Holländer tickt, was mir der Erfolg auch bestätigt.

Das klingt alles sehr selbstverständlich. Erlebten Sie keinen Kulturschock?
Natürlich. Ich hatte es zum Beispiel plötzlich mit zwei völlig unterschiedlichen Arbeitswelten zu tun.

Das heisst?
Der Holländer arbeitet sehr effizient, aber irgendwann ist die Arbeit auch vorbei, dann hat er keine Lust mehr, über das Geschäft zu reden. Am Abend kommt das Gesellige, und das hat einen sehr hohen Stellenwert hier. Nach der Arbeit sind dem Holländer Familie, Freunde, Sport sehr wichtig.

Und dann kommt da der Manager aus der Schweiz, für den die Arbeit vielleicht nicht gerade alles, aber doch sehr viel ist.
Ja, aber inzwischen hat auch bei mir ein Wertewandel stattgefunden. Ich arbeite heute immer noch sehr gerne und sehr viel, aber ich habe von den Holländern gelernt, das Leben viel mehr zu geniessen.

Sie hatten schon früher beruflich mit Holland zu tun, als Tourismusdirektor von Scuol im Unterengadin. Damals erfanden Sie den Piz Amalia, Sie gaben einem namenlosen Berg den Namen der künftigen holländischen Königin.
Das war in der Tat mein erster beruflicher Kontakt mit Holland. Eine tolle Geschichte, ich werde schauen, dass sie weitergeht.

In Holland kam dieser Gag gut an, in der Schweiz wurden Sie heftig kritisiert.
Dafür brachte ich sogar ein gewisses Verständnis auf. Eine territoriale Bezeichnung sollte tatsächlich nicht für einen kurzfristigen Marketing-Gag missbraucht werden. Aber es war mehr als das: Heute gibt es eine bezeichnete Route auf den Piz Amalia, und der Berg ist bereits auf mehreren Landkarten mit diesem Namen vermerkt. Ausserdem bekommt Prinzessin Amalia jedes Jahr am 7. Dezember vom Unterengadin ein Geburtstagsgeschenk, und wir arbeiten fest darauf hin, dass die Prinzessin, wenn sie einmal bergfest ist, ihren Berg auch anschauen kommt. Irgendwann wird Amalia ja auch Königin von Holland sein.

Haben Sie als Tourismuschef Kontakte zum Königshaus?
Der Kontakt zum Königshaus läuft immer über die Botschaft, das ist auch richtig so. Ich weiss einfach, dass Prinz Willem-Alexander, der Vater von Amalia, unsere Bergtaufe eine tolle Sache fand. Die Flitterwochen verbrachten er und seine Frau Maxima übrigens in St.Moritz – und man geht davon aus, dass Amalia sogar dort entstanden sein könnte ...
Sie sind Berner, Ihre Frau ist Inderin, Sie arbeiteten im Unterengadin und jetzt in Amsterdam.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
In der Schweiz. Ich bin stolz auf die Schweiz. Wahrscheinlich sind die Schweizer, die im Ausland leben, sogar noch etwas stolzer auf ihr Land, als die, die dort leben. Und bünzliger.

Ah ja?
Ja, wenn man im Ausland lebt, weiss man die Werte, die man in der Schweiz als selbstverständlich anschaut, viel mehr zu schätzen: Sicherheit, Stabilität, Sauberkeit.

Und Sie fühlen sich wohl als Schweizer Bünzli in Amsterdam, dieser sehr liberalen, sehr unkonventionellen Stadt?
Ja, ich weiss den «Bünzli» auch gut zu kaschieren. Und gerade weil die Holländer so offen und unbeschwert sind, fühle ich mich hier so wohl.

Vom Landmaschinen-Mechaniker zum Tourismusfachmann

Martin Nydegger ist am 3. Februar 1971 in Biel BE als Bauernsohn geboren. Er machte eine Lehre als Landmaschinenmechaniker, bevor er sich in den Jahren 1993 bis 1996 im Engadin zum Tourismusfachmann weiterbildete. Ab 1996 arbeitete er für den Kurverein Scuol im Unterengadin, dem er ab 1999 als Direktor vorstand. Im Sommer 2005 wurde er Direktor von Schweiz Tourismus Niederlande, dem für die Schweiz wichtigsten Tourismusmarkt nach Deutschland. Nydegger ist mit der gebürtigen Inderin Tehiya Narvel verheiratet, die er während eines Praktikums in Indien kennenlernte. Das Paar lebt in Amsterdam und hat einen einjährigen Sohn.

Dieses Stück gibt Nydegger preis

«Meinen Squashschläger. Ich spielte schon in der Schweiz leidenschaftlich Squash. Hier in Holland ist dieser Sport sehr verbreitet, es gibt überall grosse Squashhallen. Ich bin Mitglied zweier Clubs, denn über das Squashen lerne ich hier die Leute kennen. Lustig ist, dass man hier über alles, nur nicht über den Beruf spricht. Mit einem Holländer, den ich in einem Club kennenlernte, spielte ich acht Matches, bevor er mich das erste Mal fragte, was ich eigentlich arbeite.»

Top 3

1 Heiss Ronja zeigt ihren Busenbullet
2 Teleboy-Legende Fredy Lienhard (85) totbullet
3 Michelle Hunziker: «Vielleicht heiraten wir in einer Woche»bullet

People Schweiz