Walter Roderer: «Ich musste pickeln, bis es so weit war»

  • Publiziert: 24.07.2010, Aktualisiert: 02.01.2012
  • INTERVIEW: Hannes Britschgi; FOTOS: Lindroos Toini

Der Volksschauspieler Walter Roderer (90) heiratete vor sechs Jahren seine Grossnichte Anina (30). Diese Liebe über alle Altersgrenzen hinweg bewegt. «Rodi» erklärt sich.

Walter, wir haben im letzten SonntagsBlick deine Heirat mit Anina publik gemacht. Was hast du seither erlebt?
Walter Roderer:
Viele Leute haben mir gratuliert. Auf der Strasse beim Einkaufen in Effretikon oder per Brief in der Post. Alle reagierten positiv und das freut mich natürlich.

Wie konntet ihr eure Heirat fast sechs Jahre lang geheim halten?
Kein Mensch hat davon gewusst, nicht mal die Eltern von Anina. Ein einziger Freund und das Zivilstandsamt waren informiert.

Warum habt ihr ein Geheimnis aus eurer Hochzeit gemacht?
Ich habe mich geschämt. Denn ich dachte, die Leute würden bei unserem Altersunterschied sagen: Dieser alte Glütschtli, jetzt hat er sich – Herrgott noch mal – noch ein junges Meitli unter den Nagel gerissen.

War es für dich ein Schock, dass die Heirat jetzt bekannt wurde?
Für mich weniger als für Anina. Ich wusste, dass das eines Tages herauskommt. Nie hätte ich gedacht, dass es fast sechs Jahre gehen würde.

Kannst du es deshalb mit einem Lächeln akzeptieren, dass es jetzt bekannt ist?
Ja, vor allem natürlich, weil die Reaktionen durchwegs positiv sind und ich merke, dass ich mich nicht schämen muss.

Ist es für dich eine Befreiung? Denn wer das Glück erlebt, möchte es teilen!
So ist es, aber ich musste mich zügeln.

Wieso habt ihr euch gefunden?
Sie hat mich bedauert, weil ich so allein gewesen bin. Ich musste in meinem grossen Haus alleine kutschieren. Und ich wollte ihr was Gutes tun, weil sie in dieser Zeit das Ballett aufgegeben hat.

Du warst mit Anina in Thailand unterwegs, als ihr euch entschlossen habt zu heiraten.
Nein, da war es noch nicht so weit. Wir sind uns immer näher gekommen. Ich habe mich ihr gegenüber mehr als Vater gefühlt und wollte schauen, dass ihr Leben gesichert ist. In Thailand war es erst ein Jawort.

Und was bedeutete dieses Jawort?
Das hiess, dass wir uns verbunden fühlen. Ich war damals 84. Sie fand, ich sei es wert, dass wir bis an mein Lebensende zusammen sind und ich fand es sowieso. So konnte ich nochmals ein Glück erleben. Ich bin richtig glücklich geworden. Seither haben wir eine wunderschöne Zeit erlebt.

Dein Leben hat sich durch dieses Jawort verändert?
Ja, absolut. Später wollte ich dann dieses Glück zementieren. Ich wollte es halten und nicht mehr loslassen. Deshalb habe ich mich entschlossen, sie zu heiraten. So habe ich eines Tages die Initiative ergriffen.

Wie hatte sich denn dein Leben verändert?
Wenn du plötzlich merkst, du hast einen Menschen gefunden, bist nicht mehr alleine, nicht mehr einsam. Du hast einen Menschen, der zu dir gehört. Das alles hatte ich nicht mehr. Ich hatte keine Kinder, höchstens einen Freund. Aber ein Freund ist was ganz anderes.

Mit Anina hast du eine nahe, intime Beziehung?
Ja – und ich wollte diese Beziehung zementieren. Vielleicht war das egoistisch, aber es war so.

Hast du sie sofort überzeugen können, dich zu heiraten?
Nein, nein, ich musste schon pickeln, bis es so weit war. (Lacht)

Wann habt ihr geheiratet?
Das war am 5. Januar 2005.

Und wo denn?
Nicht in der Schweiz, in Süddeutschland.

Warum dort?
Weil es am nächsten lag. Ich wollte aus Diskretionsgründen nicht in der Schweiz heiraten. Dort haben sie mich zum Glück nicht gekannt.

Wie hast du das eingefädelt?
Wir mussten uns in Baden-Baden anmelden und die Gemeinde in Deutschland hat sich um die Papiere in der Schweiz gekümmert.

Wie habt ihr geheiratet?
Wir gingen dort aufs Standesamt. Wir waren nur zu zweit. Im Deutschen braucht es keine Trauzeugen mehr.

Und da habt ihr auf Hochdeutsch Ja gehaucht?
Ja, wie das halt Deutschschweizer so machen. (Lacht)

Was hat die Standesbeamtin über die Ehe erzählt, bevor ihr Ja gesagt habt?
Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich hab da nicht so genau zugehört. Mir war wichtig, dass sie dann endlich mal den Stempel gemacht hat.

Dann kam ein Fest zu zweit?
Wir gingen in ein währschaftes, deutsches Restaurant. Bayerische Küche. Was genau wir assen, weiss ich nicht mehr. Vermutlich habe ich ein Bier getrunken, weil ich deutsches Bier sehr mag. Und zur Feier des Tages ein Glas Wein. Dann sind wir noch am selben Tag zurück in die Schweiz nach Hause gefahren.

Und jetzt denken alle an die Hochzeitsnacht!
Die ist bei uns nicht passiert. Dafür bin ich ja zu alt. Unsere Liebe ist rein platonisch.

Was fasziniert dich an Anina?
Dass sie eine Künstlerin ist und dass sie einen andern Horizont hat als bürgerliche Leute.

Kein Bünzli!
So kann man es sagen. Sie ist sehr gescheit. Seit wir uns kennen, hat sie Sprachen gelernt, sich Computerwissen angeeignet. Sie macht mir die ganze Buchhaltung.

Ist sie auch in deine geschäftlichen Aktivitäten involviert?
Nein. Sie macht den ganzen Versicherungskram von meinen Angestellten. Schreibt an die Ämter. All die Formulare. Macht die nötigen Telefonate.

Was fasziniert dich sonst noch?
Sie ist eine hübsche, schöne Frau. Auch eine geheimnisvolle Frau. Sie hat mütterlicherseits rumänische Wurzeln. Ich schaue ihr in die Augen und sage: «Du bist für mich eine Zigeunerin.»

Eine schöne Frau mit schönen Augen: Ist neben der platonischen Liebe nicht auch eine erotische Faszination im Spiel?
In einem gewissen Masse natürlich schon. Aber für uns ist hier eine strikte Grenze vorhanden. Sex muss nicht sein. Ich habe auch meine Mutter geliebt, war aber nie mit ihr im Bett.

Eine Liebe, die nicht im sexuellen landet. Viele sagten sich natürlich: Mensch, der Walter ist ein toller Hecht!
Vor dem hatte ich ja Angst. Du sagst es jetzt recht toll, aber es gibt eben auch die, die sagen: der alte Glüschtli, der Zittergreis!

Anina lebt nicht bei dir, sondern in Florenz.
Nur vorübergehend!

Aber im Moment lebt ihr eine Fernbeziehung.
Das ist überhaupt sehr gut. Wir sitzen eben nicht dauernd eng aufeinander. Da geht man sich schnell auf die Nerven. So freue ich mich, wenn sie immer wieder regelmässig kommt. Alle drei Wochen kommt sie ein paar Tage. Fast jeden Tag telefonieren wir. Das ist schön.

In der vergangenen Woche hast du auf Anina lange warten müssen, aber schliesslich ist sie am Donnerstag doch noch aufgetaucht.
Das hat uns gut getan. Plötzlich stand sie da, als ich am Frühstück sass. Ich hörte etwas däpperle und da stand sie vor mir. Wie ein Geist, wie eine Erscheinung!

Hat sie dich fast erschreckt?
Ein wenig. Dann hatten wir eine gute Aussprache miteinander. Wir sind vor lauter Presserummel selber hintereinander gekommen. Wenn Fotografen auftauchen, verschwindet sie sofort.

Das kannst du respektieren?

Absolut! Ich finde es nur etwas schade. Ich bin da anders. Ich bin halt stolz auf sie und zeige mich gerne an ihrer Seite.

Wie war die Aussprache?
Ich musste mal erklären, dass nicht ich schuldig bin, an der ganzen Berichterstattung über unsere Hochzeit. Nicht ich habe die Redaktionen angerufen. Alle telefonieren mir – wie wild.

Hat sie es verstanden?
Ja, und sie konnte es ihren Eltern erklären. Die haben die Hochzeitsgeschichte erst jetzt erfahren.

Was haben sie dazu gesagt?
Zur Hochzeit gar nichts. Aber sie sind böse, weil sie meinen, ich hätte das ganze Coming-out inszeniert.

Ist Anina auch etwas erleichtert, dass das Hochzeitsgeheimnis gelüftet ist?
Schon auch. Für sie ist es schlimmer als für mich. Dann heisst es, sie sei eine Erbschleicherin. Und das ganze Theater wegen der Erbschaftssteuer. Ich habe sie aus Liebe und Sympathie geheiratet. Die Steuergeschichte ist ein Nebenaspekt.

Was macht Anina eigentlich genau in Florenz mit dem Bed-&-Breakfast-Hotel?
In Florenz gibt es viele Touristen, aber zu wenige Übernachtungsmöglichkeiten. Das gibt ein gutes Geschäft. Aber wegen der Bewilligungen dauert es noch etwas. Sie macht das mit einem Geschäftspartner zusammen, der schon zwei andere Bed-&-Breakfast-Lokalitäten führt. Anina hat sich jetzt am dritten beteiligt.

Warst du auch schon in ihrem Hotel?
Nein. Sie hat mir aber Fotos gezeigt. Sobald es läuft, gehe ich mal schauen.

Ist dein Freund Arpagaus auch an diesem Florenzprojekt beteiligt. Der hatte doch auch in den Tourismus investiert.
Der hat mit dem überhaupt nichts zu tun. Er ist mein Geschäftspartner in der RRT, wo ich Aktionär bin.

Was ist die RRT?
Wir machen Kraftwerke! Es sind Biomasse-Kraftwerke. Zuerst war es schwierig, es lief nicht so. Aber jetzt machen wir kleine Kraftwerke mit Biomasse, mit Palmöl oder Rapsöl. Das läuft jetzt gut an. Die Sonntagszeitung im Aargau hat mal so blöd geschrieben, ich hätte in der RRT viel Geld verloren, weil sie Pleite gegangen sei. Die ging nie pleite. Die UBS-Aktien gingen auch runter, aber die Bank nicht pleite. Ich hatte auch UBS-Aktien, habe sie aber rechtzeitig verkauft.

Du bist Millionär. Wie wird ein Schauspieler Millionär?
Indem er 40 Jahre lang nie vor einem halben Haus gespielt hat! Und indem er 20 Jahre Fernsehreklame gemacht hat.

Geerbt hast du nie?
Nein. Meine Eltern waren nicht vermögende Leute. Ich war gleichzeitig Schauspieler, Produzent und Theaterunternehmer. Immer hatte ich sieben bis zehn Schauspieler angestellt.

Vom Image her meinen die Leute, du seiest – wie Buchhalter Nötzli – ein Rappenspalter und deshalb reich geworden.
Ich habe kein ausschweifendes Leben geführt – grosse Gelage oder solche Sachen.

Aber ein grosses Haus hast du dir gebaut!
Das habe ich mir gegönnt. Aber ein Rappenspalter bin ich nicht. Ich bin auch immer wieder grosse Risiken eingegangen. Und ich habe meinen Schauspielern pro Saison 140 Vorstellungen garantiert! Das machte kein anderer. Darum spielten die so gerne bei mir.

Du hattest aber auch Zeiten mit Geldsorgen.
Zehn Jahre lang ging es mir hundsmiserabel. Ich habe mich mit Selbstmordgedanken beschäftigt. Nirgends bin ich erfolgreich gewesen. Ich arbeitete in der Roten Fabrik, habe Bodenwichse mit dem Velo in der Stadt verkauft, habe in Schreibstuben Adressen geschrieben.

Wieso hast du als Volksschauspieler einen so überwältigenden Erfolg gehabt?
Der Erfolg basierte nicht auf meinen schauspielerischen Fähigkeiten, sondern war eine Frage der Ausstrahlung. Ich bin zum Volksschauspieler geworden, weil ein solcher dem Publikum ans Herz geht. Das ist der Unterschied zwischen einem Komödianten und einem Volksschauspieler.

Die Leute lieben dich!
Alle duzen mich. Sie haben das Gefühl, der gehört zu uns.

Bist du ein gläubiger Mensch?
Ja. Ich bin von Haus aus reformiert, gehe zwar nie in die Kirche, aber ich habe eine Beziehung zu Gott. Ich bin ein Pantheist, das heisst: Für mich zeigt sich Gott in der Natur.

Du bist 90, in einem biblischen Alter. Sicher beschäftigst du dich mit dem Tod. Hast du Angst vor ihm?
Nein. Natürlich beschäftige ich mich mit dem Tod. Angst habe ich keine. Höchstens vor dem Sterben, wenn ich qualvolle Schmerzen hätte.

Viele Leute fürchten sich vor dem Tod. Du nicht!
Weil es für mich dann nicht zu Ende ist. Ich glaube an ein Jenseits und hoffe, dass ich dort meine Verwandten und meine Frauen wiedersehen werde.

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