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Gestern, kurz vor Mittag. Das Telefon klingelt auf der BLICK-Redaktion. Nella Martinetti (63) ist am Apparat. Seit Kurzem weiss sie, dass sie am gleichen Krebs leidet, an dem Schauspieler Patrick Swayze (57) diese Woche starb. Nellas Stimme ist leise, sie spricht langsam, aber ganz klar. Als sie kürzlich von der «GlücksPost» im Spital Männedorf ZH besucht wurde, wirkte Nella noch total gelassen, beinahe fröhlich. Jetzt, Tage später, tönt sie am Telefon deutlich bedrückter.
Nella Martinetti: Ich rufe Sie an, um mich für die feinfühligen Worte im BLICK zu bedanken. Viele Menschen haben sich inzwischen bei mir gemeldet. Ich bekomme Blumen, Briefe und Mails. Dieses Mitgefühl der Leute, die mich alle nicht vergessen haben, hilft mir im Moment sehr.
BLICK: Was sagen Ihnen die Leute, die Ihnen begegnen?
Nella Martinetti: Dass man mir meine schwere Krankheit nicht ansieht. Darüber bin ich glücklich.
Sie machen ja im Moment auch eine Chemotherapie. Gibt es also doch noch Hoffnung?
Nein, es gibt keine Hoffnung mehr. Das haben mir die Ärzte mehrere Male bestätigt. Aber ich bin erleichtert, dass ich die Chemotherapie einigermassen gut ertrage. Ich habe keine starken Nebenwirkungen. Ausser dass meine Zunge belegt ist und ich Probleme mit dem Geschmacksempfinden habe.
Seit wann machen Sie diese Therapien?
Noch nicht lange, seit etwa einem Monat. Inzwischen waren es zwei Chemotherapien. Ich bin beruhigt, dass ich bisher keine grossen Nebenwirkungen spüre. Die Behandlung wird noch einige Wochen, wenn nicht Monate dauern. Wie lange genau, weiss niemand.
Als Laie stellt man sich die Frage, warum man bei einer Krebspatientin noch Chemotherapien macht, wenn es kaum noch Hoffnung auf Heilung gibt. BLICK erkundigte sich bei einem Spezialisten. Nella befindet sich in einer sogenannten palliativen Situation. Das heisst: Der Tumor und die Metastasen, die sich in der Leber gebildet haben, sollen möglichst klein gehalten werden. Die Ärzte versuchen mit der Chemotherapie Nellas Lebensqualität möglichst lange zu erhalten und ihr Leben zu verlängern.
Müssen Sie für die Therapien ins Spital?
Ja, ich gehe einmal pro Woche dafür ins Spital. Nächste Woche muss ich aber auch noch für einen Eingriff in die Klinik. Sie müssen mir endoskopisch eine Kanüle ersetzen, aus der eine Flüssigkeit fliesst. Sie ist kaputt gegangen.
Vermutlich meint Nella folgendes: Bei Patienten mit diesem Krebs wird oft ein Kunststoffröhrchen gelegt, das gewährleistet, dass die Gallenflüssigkeit abfliessen kann. Bei vielen Patienten mit Bauchspeicheldrüsen-Krebs ist das nötig.
Haben Sie Schmerzen?
Heute morgen hatte ich gerade Schmerzen, aber es ist nicht immer so. Wenn es zu schlimm wird, nehme ich Morphium. Ich muss viele Tabletten gegen den Krebs nehmen. Am Morgen sind es zwölf, am Abend zehn Pillen.
Das Pankreas-Karzinom (Bauchspeicheldrüsen-Krebs) ist eine der aggressivsten Krebsformen und wird meistens zu spät diagnostiziert. Es trifft Frauen und Männer etwa gleich oft, tritt aber meistens ab einem Alter nach 60 auf. Rauchen und Alkoholkonsum gelten als Ursachen – beides hat Nella aber nicht getan.
Der Moment, als Sie die Diagnose erfahren haben, muss schrecklich für Sie gewesen sein.
Ja, es war schlimm. Aber der Arzt hat es mir sehr liebevoll, sehr human beigebracht. Dafür möchte ich mich bei ihm bedanken. Aber er hat ganz klar den Tod beim Namen genannt.
Sie haben Ihre Haare noch nicht verloren. Empfinden Sie das als beruhigend?
Ja, ich habe sie noch (sie lacht). Aber kürzlich habe ich davon geträumt, dass ich eine Kapuze trage, unter der ich meine Glatze verstecke. Ich träume überhaupt sehr viel. Jede Nacht auch über den Tod. Es sind seltsame Bilder, komische Symbole, die auftauchen. Ich kann sie nicht erklären.
Was glauben Sie, wartet nach dem Tod auf uns?
Ich mache mir nicht so oft Gedanken darüber. Ich hoffe einfach, dass ich ohne viel Schmerzen einschlafen kann. Was danach kommt, weiss doch niemand, auch ich nicht.
Wie verbringen Sie den Tag?
Ich bewege mich in meiner Wohnung. Manchmal setze ich mich an den Computer und lese die Mails, die mir die Leute schreiben. Das stellt mich auf. Ich hoffe jetzt nur, dass sich keine Menschen melden, die mir irgendwelche Heilmittel oder Ratgeber aufdrängen wollen. Ich bin bei meinen Ärzten in guten Händen. Ich könnte auch in viele Fernsehsendungen gehen, aber ich will das nicht. Aber ich bin doch nicht auf einem Basar, es geht um etwas Ernstes.
Das Problem von Bauchspeicheldrüsen-Krebs ist ja, dass die Patienten viel Gewicht verlieren. Aber was Sie lange zu viel auf die Waage brachten, hilft Ihnen jetzt.
Ja, ich habe schon 13 Kilo verloren. Aber ich habe immer noch Appetit. Vor allem Poulet mit Kartoffeln sowie Spaghetti schmecken mir immer noch sehr. Es ist schön, was bei mir zu Hause im Moment alles passiert. Viele Leute kümmern sich um mich, kochen für mich. Vor allem meine Freundin Marianne ist sehr lieb zu mir. Ohne sie wäre mein Leben schon lange nicht mehr lebenswert, sie ist unersetzbar.
Wie geht es jetzt weiter?
Ich mache weiterhin Chemo. Aber sie wollen auch noch eine neue Methode anwenden, nämlich den Tumor in der Bauchspeicheldrüse mit einer neuartigen,
gezielten Bestrahlung einzudämmen versuchen.
Es ist schön zu hören, wie zuversichtlich Sie sind. Ihre Kraft ist bewundernswert.
Ich möchte zum Schluss noch etwas sagen. Ich danke wirklich allen Menschen, die mir Briefe schreiben. Ich kann mich nicht bei allen persönlich bedanken, es sind einfach zu viele. Aber jetzt muss ich los – zum Coiffeur. (sie lacht). Ich will doch schön aussehen. Es wäre doch schlimm, wenn ich mich gehen liesse.
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Nella Martinetti im November 2008 vor dem Bild, das sie zusammen mit dem Weltstar Céline Dion zeigt. Sie textete den Song, mit dem Dion den Eurovision Song Contest gewann. (RDB)