Der grosse Komiker Emil Steinberger wird bald 80 Jahre alt und zieht im grossen BLICK-Lebensinterview Bilanz.
BLICK: Am 6. Januar werden Sie 80 Jahre alt. Sie sagten einmal, Sie wollten unbedingt Steinbock werden. Weshalb?
Emil Steinberger: Wenn man liest, dass das Tier immer gerne den Berg raufkraxelt, es ihm aber stinkt, den Berg runterzugehen, ist das eine lustige, kleine Parallele zu mir. Er ist mutig – und Hauptsache, es geht bergauf.
Steinböcke sind ehrgeizig, vom Erfolg getrieben, rational. Wie Sie?
Emil: Ja, auch. Eine berühmte Astrologin hat einmal ein Horoskop für mich gemacht. Sie sagte, bei all dem Glück, das ich habe bei allem, was ich mache, sei sie richtig eifersüchtig.
Sie hatten immer Glück?
Emil: Ja, mir ist wohl ein grosses Glück in die Wiege gelegt worden. Die Symbiose zwischen Humor und Ausstrahlung, die seit so langem funktioniert, das empfinde ich als grosses Glück.
Was bereuen Sie im Leben?
Emil: Ich bereue es, dass ich nie studiert habe.
Sind Sie sich Ihres Alters bewusst?
Emil: Es ist mir erst vor zwei Monaten bewusst geworden. Ich lag morgens im Bett und dachte plötzlich, so, jetzt wirst du also 80, so lange bist du schon auf der Welt. Ich gebe ja sonst überhaupt nichts auf Geburtstage oder Zahlen. Hätten wir alle keinen Pass und müssten unser eigenes Alter schätzen, lägen wir wohl alle falsch.
Frau Steinberger, ist Ihnen bewusst, dass Ihr Mann 80 wird?
Niccel: Wir bleiben im Unterschied ja immer gleich. Wenn Emil mir sagt, dass ich bald 50 werde, fühlt sich das ähnlich an. Uns geht es darum, was wir machen und wie wir uns wohlfühlen. Ist einer von uns müde, schreiben wir das nicht dem Alter zu, sondern dem, was wir am Tag geleistet haben.
Setzen Sie sich mit dem Tod auseinander?
Emil: Ich setze mich vor allem mit dem Leben auseinander. Das Schönste ist, wenn man ein erfülltes Leben leben durfte, bevor man stirbt. Dass niemand weiss, was nachher genau passiert, finde ich ein gutes Geheimnis. Ich weiss nicht, wie wir leben würden, wenn wir es wüssten.
Macht das keine Angst?
Niccel: Für die, die bleiben, ist es wohl viel schlimmer.
Emil: Plötzlich sind Menschen, die man gern hat, verschwunden, einfach weg, man kann sie nicht zurückholen, das ist schon verrückt. Man weiss nicht, sind sie oben oder hinten, einfach weg, ade, tschüss. Abgesehen davon, dass es jeden mal trifft, trifft es immer die Falschen.
Niccel: Ich habe Angst, dass meinen Liebsten etwas passiert, dass ich etwas Falsches tue, dass ich durch meine Art verletze oder etwas nicht gut genug mache.
Sonstige Ängste?
Emil: Also ich würde nie von einer Brücke springen, eine Ballonfahrt machen, auch nicht segeln. Wenn mal wieder ein Amateurpilot kommt und mich auf einen Flug einladen will, denke ich nur, sicher nicht mit mir. Nervenkitzel brauche ich überhaupt nicht. Der Hoger sieht von unten auch schön aus, ich muss ihn nicht von oben sehen.
Das Verrückteste, was Sie je gemacht haben?
Emil: Ich habe in Luzern ein Kino ohne Bewilligung gebaut. Alles war schon betoniert, ich musste vors Obergericht, die haben mir die Bewilligung auch nicht gegeben. Dann zog ich vor Bundesgericht und habe gewonnen.
Niccel: Verrückt war auch, dass er mit 60 fast ohne Englischkenntnisse allein nach New York gezogen ist. Ich hätte diesen Mut nicht gehabt.
War das damals eine Flucht?
Emil: Es war eine Zäsur. Ich musste einerseits Abstand vom Arbeitsaufwand nehmen. Ich war dreissig Jahre auf Tournee, ständig hundert Prozent ausgelastet. Alle wollten etwas von mir, haben mich völlig vereinnahmt. Von der Figur Emil habe ich nie Abstand genommen, ich lache ja selbst, wenn ich meine alten Sketche sehe. Als 1989 die Scheidung mit meiner ersten Frau kam, lebte ich alleine in Luzern. Ich war auch alleine, hatte keine Freunde, mit denen ich über meine Arbeit diskutieren konnte, sie haben sich mein Programm nicht einmal angeschaut. Das war eine bittere Erkenntnis. Ich war isoliert und alleine. Zudem wurden auch zunehmend viele eifersüchtig und neidisch auf mich.
Weshalb?
Emil: Ich hatte ein Theater, zwei Kinos, ich organisierte Ausstellungen, dann kam der Zirkus, die «Schweizermacher» – alles war erfolgreich. Für die Leute war ich wie überall. Wäre Niccel nicht in mein Leben gekommen, wäre ich wohl in New York geblieben. Nun sind wir zu zweit, das gibt mehr Stärke, Schutz.
Das Erfolgsrezept von Emil?
Emil: Ich glaube, die Zeit, die ich mir nahm für Gestik, Mimik und die Worte, und das ist gut so. Heute wird nur geredet und geredet. Wie bei der Feuerwehrmann-Nummer, wo ich mit dem Arm mit den Abzeichen in Richtung Publikum sitze, kann ich ohne Worte kommunizieren, und sie wissen, was ich denke. Das ist gewaltig. Bei meiner Lesung «Drei Engel!» bin ich auf der Bühne, ich habe einen Tisch, einen Stuhl, ein Glas Wasser. Lese zehn Minuten vor und erzähle neunzig Minuten Geschichten. Dass ich je den Mut hätte, das so zu tun, hätte ich nicht gedacht.
Das Geheimnis Ihrer Liebe?
Emil: Interessant ist, dass unser gemeinsamer Nenner so stark ist. Wir denken oft in den gleichen Momenten genau das Gleiche. Wir haben den gleichen Geschmack, die gleichen Ideen und das gleiche Humorverständnis. Obwohl Niccel mehr als dreissig Jahre jünger ist, gefällt uns in jeder Beziehung das Gleiche.
Seit 16 Jahren sind Sie täglich fast 24 Stunden zusammen. Vermissen Sie sich so sehr, wenn Sie mal getrennt sind?
Emil: Ja. Weil bei uns einfach alles wunderbar Hand in Hand geht. Ohne Niccel würde ich wohl den halben Tag mit Zeitunglesen verbringen, ich bin ein Zeitungs-Freak. Ausser dem Eishockey-Teil, den überblättere ich. Wir haben den Verlag, machen unsere Wochenblätter, planen die Tourneen, Lachseminare und Ausstellungen. Niccel ist in allem perfekt.
Gibt es nie Streit zwischen Ihnen?
Niccel: Doch klar. Aber es geht nie darum, wer den Staubsauger nicht versorgt hat. Es sind eher Spannungen in Stresssituationen.
Emil: Niccel ist studierte Germanistin, da legt sie manchmal jedes Wort auf die Goldwaage.
Warum tragen Sie keinen Ehering?
Das habe ich schon früher nicht. Es war für mich komisch, wenn ich in meiner Rolle mit dem Besen den Boden wischte und einen Ehering trug. Das hat für mich einfach nicht gestimmt. Für die Hochzeit mit Niccel haben wir zwei einfache Ringe gekauft, die wir aber nicht tragen. Einfach für unseren grossen Tag. An dem Tag hat Niccel in dem schönen Kleid richtig scharf ausgesehen.
Waren Kinder nie ein Thema?
Emil: Doch, das war ein Thema. Ehrlich gesagt, ich hatte Angst davor. Angst, als 60-Jähriger kaum mehr auf die Knie zu kommen, um mit dem Kleinen zu spielen. Niccel kommt aus einem anderen Haushalt, sie waren fünf Kinder. Sie fand, es wäre alles gegangen, auch mit unserer intensiven Arbeit. Diesen Wunsch konnte ich leider nicht erfüllen.
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