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Was reizt dich am Beruf des Moderators?
Beni Thurnheer: Der grösste Thrill ist die Reaktion auf alles, was du machst. Jeder Aufwand, den du betreibst, wird vergolten. Dein Tun verpufft nicht. Aber ich muss sagen, ich könnte nie moderieren, wenn mir eine andere Person die Texte schreiben würde.
Warum?
Ich möchte kein Schauspieler sein. Meine Persönlichkeit, meine Denkweise sollen einfliessen. Ich will die Leute unterhalten. Aber nicht platt oder blöd. Ich versuche immer, neue Formulierungen zu finden.
Hast du das Gefühl, dass du im Vergleich zur jüngeren Generation eine andere Arbeitsmoral hast?
Ich glaube, die Andersartigkeit lässt sich an einem kleinen Gegenstand festmachen: am «Ohrwurm», dem Knopf im Ohr des Moderators. Ich hasse ihn. Du wirst fremdgesteuert. Der Produzent denkt mit und formuliert Fragen an die Gäste in dein Ohr. Damit geht viel von deiner Persönlichkeit verloren. Nicht deine eigene Neugier zählt; du bist zum Sprecher degradiert.
Ist das eine negative Entwicklung?
Ich weiss nicht, ob es negativ ist. Es ist einfach so. Man muss heute als Moderator weniger können. Kein Berufsbild wurde in den letzten 30 Jahren derart abgewertet wie das des Moderators. Als ich anfing, war ich auf Höhe Bundesrat. Wenn du heute bei den Miss-Schweiz-Wah-len Vierte wirst und nicht weisst, was du machen sollst, dann fängst du an zu schauspielern oder nimmst eine CD auf. Und wenn gar nichts funktioniert, kannst du immer noch eine Fernsehsendung moderieren.
Bist du sicher?
In der Schweiz – und nicht nur hier – haben wir zu wenig Stoff für die Boulevardmedien. Wirklich bekannt sind nur die Menschen, die im TV auftreten. Leute, die gut aussehen oder besonders doof sind, liefern offensichtlich mehr Stoff. Sie finden es «geil», in irgendeiner Form Aufmerksamkeit zu erregen. Es gibt sogar Kolleginnen und Kollegen, die treten im Fernsehen vor allem auf, um in die Medien zu kommen, und nicht, weil sie der Job interessiert.
Würdest du heute noch als Neuling reüssieren?
Ich bin mir nicht sicher, ob man mich überhaupt noch nehmen würde.
Wie meinst du das?
Das Aussehen ist heute wichtiger als damals. Interessant wäre die Frage, was ich gemacht hätte, wenn man mich nicht genommen hätte, so wie ich war. Hätte ich mich verändert, weil es der Job verlangt hätte? Ich weiss es nicht.
Ein anderes Phänomen ist: Je länger man am Fernsehen präsent ist, desto mehr wird man vom Publikum akzeptiert. Es spielt dann auch keine Rolle mehr, ob man Homestorys macht oder keine Journalisten zu sich nach Hause lässt.
Ich habe trotzdem das Gefühl, dass das Aussehen heute das A und O ist. Wenn ich junge Leute nach ihrem Lebenstraum frage, dann antworten sie mir meist: «Ich möchte mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Geld verdienen.» Und wenn sie viel Geld haben, dann ist das nächste Ziel, berühmt zu werden. Das Fernsehen ist dafür das einfachste Mittel. Bei gewissen Moderatorinnen denke ich, sie würden lieber selber über den roten Teppich gehen, als darüber zu berichten.
Überrascht es dich manchmal, wie weit du es gebracht hast?
Das überlege ich mir nicht. Dreissig Sekunden vor dem «Benissimo» stelle ich mir die typische Moderatorenfrage: «Warum tust du dir das eigentlich an?» Und beantworte sie gleich selbst: «Du willst ja wohl nicht, dass es jemand anderer macht!»
Du bist süchtig. Süchtig nach guten Quoten. Süchtig nach Fernsehen.
Eindeutig. Fernsehen durchdringt mein ganzes Leben. Wenn ich ein Buch lese, wenn ich reise – alles speichere ich im Hinterkopf. Ich könnte es irgendwann für eine Moderation oder beim Kommentieren eines Fussballspiels brauchen. Bei jedem lustigen Spruch denke ich reflexartig: «Den könnte ich mal verwerten.»
Wenn Fernsehen eine Sucht ist, dann stehst du in deinem Alter knapp vor dem Entzug.
Wenn ich frei entscheiden könnte, würde ich ab 61 jedes Jahr zehn Prozent weniger arbeiten, bis ich 70 bin. Mit 69 hätte ich noch ein Pensum von zehn Prozent. Das wäre ein sanfter Entzug. Auf einen Schlag aufzuhören stelle ich mir «heavy» vor.
Du hast diesen Plan bereits in Angriff genommen.
Ich kommuniziere ihn meinen Chefs und hoffe, dass er funktioniert. Mit «Benissimo», dessen Ende seit zehn Jahren vorausgesagt wird, würde ich 2011, nach der 100. Sendung, aufhören. Mit 64 würde ich mein letztes «Sportpanorama» moderieren, und mit 65 würde ich aufhören mit den Matchberichten am Samstag und Sonntag. Das ist der Plan.
Und dieser Plan geht bis ins Detail.
Es geht nicht um die finanziellen Aspekte. Ich habe Angst vor der Leere, dass ich nicht wüsste, was ich den ganzen Tag mit mir anfangen soll, dass alles, was ich mache, keinen Sinn mehr hätte. Der Besuch einer Ausstellung käme mir sinnlos vor, wenn ich das Erlebte nicht fürs Fernsehen weiterverwerten könnte.
Du machst dein Glück also vom Fernsehen abhängig.
Das hat nichts mit Narzissmus zu tun oder der Lust nach Selbstdarstellung. Es ist die Lust, kreativ zu sein. Alles, was ich als Privatperson erlebe, möchte ich verarbeiten und in eine andere Form bringen.
Hast du Angst, in die zweite Reihe zurückzufallen?
Nein. Aber als Fernsehmoderator hast du dein Hobby zum Beruf gemacht. Stell dir mal vor, du bist «Hündeler» und mit 65 dürftest du keinen Hund mehr haben. Das, was dich am meisten interessiert, darfst du plötzlich nicht mehr tun. Davor fürchte ich mich.