Beni Thurnheer macht sich Gedanken über seine Pensionierung: «Ich habe Angst vor der Leere»

  • Publiziert: 19.10.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Interview: Monika Schärer

Nach mehr als drei Jahrzehnten vor der Kamera kennt «Beni National» alle Höhen und Tiefen seines Berufs. Trotzdem kann er nicht ohne das Fernsehen leben.

Was reizt dich am Beruf des Moderators?
Beni Thurnheer:
Der grösste Thrill ist die Reaktion auf alles, was du machst. Jeder Aufwand, den du betreibst, wird vergolten. Dein Tun verpufft nicht. Aber ich muss sagen, ich könnte nie moderieren, wenn mir eine andere Person die Texte schreiben würde.

Warum?
Ich möchte kein Schauspieler sein. Meine Persönlichkeit, meine Denkweise sollen einfliessen. Ich will die Leute unterhalten. Aber nicht platt oder blöd. Ich versuche immer, neue Formulierungen zu finden.

Hast du das Gefühl, dass du im Vergleich zur jüngeren Generation eine andere Arbeitsmoral hast?
Ich glaube, die Andersartigkeit lässt sich an einem kleinen Gegenstand festmachen: am «Ohrwurm», dem Knopf im Ohr des Moderators. Ich hasse ihn. Du wirst fremdgesteuert. Der Produzent denkt mit und formuliert Fragen an die Gäste in dein Ohr. Damit geht viel von deiner Persönlichkeit verloren. Nicht deine eigene Neugier zählt; du bist zum Sprecher degradiert.

Ist das eine negative Entwicklung?
Ich weiss nicht, ob es negativ ist. Es ist einfach so. Man muss heute als Moderator weniger können. Kein Berufsbild wurde in den letzten 30 Jahren derart abgewertet wie das des Moderators. Als ich anfing, war ich auf Höhe Bundesrat. Wenn du heute bei den Miss-Schweiz-Wah-len Vierte wirst und nicht weisst, was du machen sollst, dann fängst du an zu schauspielern oder nimmst eine CD auf. Und wenn gar nichts funktioniert, kannst du immer noch eine Fernsehsendung moderieren.

Bist du sicher?
In der Schweiz – und nicht nur hier – haben wir zu wenig Stoff für die Boulevardmedien. Wirklich bekannt sind nur die Menschen, die im TV auftreten. Leute, die gut aussehen oder besonders doof sind, liefern offensichtlich mehr Stoff. Sie finden es «geil», in irgendeiner Form Aufmerksamkeit zu erregen. Es gibt sogar Kolleginnen und Kollegen, die treten im Fernsehen vor allem auf, um in die Medien zu kommen, und nicht, weil sie der Job interessiert.

Würdest du heute noch als Neuling reüssieren?
Ich bin mir nicht sicher, ob man mich überhaupt noch nehmen würde.

Wie meinst du das?
Das Aussehen ist heute wichtiger als damals. Interessant wäre die Frage, was ich gemacht hätte, wenn man mich nicht genommen hätte, so wie ich war. Hätte ich mich verändert, weil es der Job verlangt hätte? Ich weiss es nicht.

Ein anderes Phänomen ist: Je länger man am Fernsehen präsent ist, desto mehr wird man vom Publikum akzeptiert. Es spielt dann auch keine Rolle mehr, ob man Homestorys macht oder keine Journalisten zu sich nach Hause lässt.
Ich habe trotzdem das Gefühl, dass das Aussehen heute das A und O ist. Wenn ich junge Leute nach ihrem Lebenstraum frage, dann antworten sie mir meist: «Ich möchte mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Geld verdienen.» Und wenn sie viel Geld haben, dann ist das nächste Ziel, berühmt zu werden. Das Fernsehen ist dafür das einfachste Mittel. Bei gewissen Moderatorinnen denke ich, sie würden lieber selber über den roten Teppich gehen, als darüber zu berichten.

Überrascht es dich manchmal, wie weit du es gebracht hast?
Das überlege ich mir nicht. Dreissig Sekunden vor dem «Benissimo» stelle ich mir die typische Moderatorenfrage: «Warum tust du dir das eigentlich an?» Und beantworte sie gleich selbst: «Du willst ja wohl nicht, dass es jemand anderer macht!»

Du bist süchtig. Süchtig nach guten Quoten. Süchtig nach Fernsehen.
Eindeutig. Fernsehen durchdringt mein ganzes Leben. Wenn ich ein Buch lese, wenn ich reise – alles speichere ich im Hinterkopf. Ich könnte es irgendwann für eine Moderation oder beim Kommentieren eines Fussballspiels brauchen. Bei jedem lustigen Spruch denke ich reflexartig: «Den könnte ich mal verwerten.»

Wenn Fernsehen eine Sucht ist, dann stehst du in deinem Alter knapp vor dem Entzug.
Wenn ich frei entscheiden könnte, würde ich ab 61 jedes Jahr zehn Prozent weniger arbeiten, bis ich 70 bin. Mit 69 hätte ich noch ein Pensum von zehn Prozent. Das wäre ein sanfter Entzug. Auf einen Schlag aufzuhören stelle ich mir «heavy» vor.

Du hast diesen Plan bereits in Angriff genommen.
Ich kommuniziere ihn meinen Chefs und hoffe, dass er funktioniert. Mit «Benissimo», dessen Ende seit zehn Jahren vorausgesagt wird, würde ich 2011, nach der 100. Sendung, aufhören. Mit 64 würde ich mein letztes «Sportpanorama» moderieren, und mit 65 würde ich aufhören mit den Matchberichten am Samstag und Sonntag. Das ist der Plan.

Und dieser Plan geht bis ins Detail.
Es geht nicht um die finanziellen Aspekte. Ich habe Angst vor der Leere, dass ich nicht wüsste, was ich den ganzen Tag mit mir anfangen soll, dass alles, was ich mache, keinen Sinn mehr hätte. Der Besuch einer Ausstellung käme mir sinnlos vor, wenn ich das Erlebte nicht fürs Fernsehen weiterverwerten könnte.

Du machst dein Glück also vom Fernsehen abhängig.
Das hat nichts mit Narzissmus zu tun oder der Lust nach Selbstdarstellung. Es ist die Lust, kreativ zu sein. Alles, was ich als Privatperson erlebe, möchte ich verarbeiten und in eine andere Form bringen.

Hast du Angst, in die zweite Reihe zurückzufallen?
Nein. Aber als Fernsehmoderator hast du dein Hobby zum Beruf gemacht. Stell dir mal vor, du bist «Hündeler» und mit 65 dürftest du keinen Hund mehr haben. Das, was dich am meisten interessiert, darfst du plötzlich nicht mehr tun. Davor fürchte ich mich.

Persönlich

Bernard Thurnheer (59), geboren in Winterthur ZH, ist der klassische Quereinsteiger. Zum TV kam der studierte Jurist über einen Talentwettbewerb. Seinen ersten Auftritt absolvierte er 1975 im «Sportkalender». Seit 1992 zählt «Beni National» als Moderator der Unterhaltungsshow «Benissimo» zur ersten Garde beim Schweizer Fernsehen. 

Prominente im Ruhestand

Ob einer das Leben lockernimmt oder nicht – die Pensionierung ist ein schwerer Einschnitt. Ernst Mühlemann, Ex-Nationalrat, hat den Schock auch mit 78 Jahren nicht überwunden: «Der Abgang von der Bühne war reine Frustration.» Auf dem «Bänklein sitzen», die Herbstsonne geniessen, das ist Gift für ihn. Er ist gottfroh, dass er noch zwei Tage pro Woche in Brüssel «am Schicksal Europas» mitarbeiten kann. Jeden Morgen steckt er sich «ein Tagesziel».

Menschen mit anspruchsvollen Berufen seien besonders gefährdet, sagt die Zürcher Psychologin Marie-Louise Ries (72). In Kursen zur Vorbereitung auf den Ruhestand erlebte sie die Not ehemaliger Kaderleute: «Früher waren sie aktiv, nun fühlen sie sich schon am Vormittag todmüde.» Ein Hobby «nützt gar nichts», warnt sie. Der einzige Weg aus der Krise sei die «Selbstreflexion».

Fernsehstar Kurt Felix (67) hat schon früh eine Strategie für das «Leben B» entwickelt, wie er sich ausdrückt. Den «geordneten Rückzug aus der Medienwelt» traten er und seine Frau Paola bereits vor 17 Jahren an. Sie «gaben alle Sendungen ab», ohne sich aber der Öffentlichkeit «total zu verschliessen», so Felix. «Anfragen für dies und jenes kommen ja immer noch vor.»

Frauen kämen mit der neuen Lebenssituation besser klar, sagt die Psychologin, «sie sind flexibler». So ist die Schauspielerin Stephanie Glaser (88) mit sich und der Welt zufrieden: «Ich stehe um 7 Uhr auf, gehe um Mitternacht ins Bett, aber Langeweile kenne ich nicht.» Allerdings hatte sie Glück: Mit 86 Jahren spielte sie im Film «Die Herbstzeitlosen» die erste Hauptrolle ihres Lebens und ist seither gefragt wie nie. 

CHRISTIANE BINDER

Das Buch der Fernseh-Stars

Lesen Sie das Gespräch mit Bernard Thurnheer in voller Länge in «Wir Süchtigen von Leutschenbach», wo TV-Moderatorin Monika Schärer (40) weitere Schweizer Fernseh-Grössen zu Wort kommen lässt.

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