Gleich zwei Premieren gab es gestern im Fernsehen: SF verzichtete erstmals auf die Ausstrahlung von «Wetten, dass ..?», schickte dafür den jungen Nicolas Senn ins Rennen. Im ZDF anderseits feierte Markus Lanz seinen Einstand. Wer war besser?
Der HSG-Wirtschaftsstudent wurde 1989 in St. Gallen geboren und lebt in Gais AR. Seine Liebe zur Musik ist legendär: Schon als Vierjähriger spielte er – inspiriert von den Appenzeller Alderbueben – auf dem Hackbrett. Mit diesem Instrument gab er schon auf der ganzen Welt Konzerte, spielte etwa auf dem 5895 Meter hohen Kilimandscharo, ging auch mit Rapper Bligg (36) auf Tour. Seit August moderiert Senn «Potzmusig», die Nachfolgesendung von «Hopp de Bäse» mit Kurt Zurfluh (63).
Die Eröffnung: Kamera zoomt von weit oben herab ins Publikum zu den Fahnenschwingern auf der Bühne. Moderator Nicolas Senn hüpft heraus, begrüsst Publikum und TV-Fans zu Hause etwas spröde auf Schweizerdeutsch: «Grüezi mitenand und herzlich willkommen!»
Das Outfit: Senn kommt in Schwarz-Weiss daher, ohne einen einzigen Farbtupfer. Dunkler Anzug, weisses Hemd, schwarze Hochglanz-Schuhe. Pochettli im Revers, Brosche am Kragen, breiter Gurt an der Hose. Na ja.
Die besten Sprüche: «Die Sprache der Musik versteht man überall», gibt Senn von sich. Ein Sprücheklopfer ist der junge Moderator (noch) nicht. Ein lockerer Seitenhieb zu seinem Lieblingsfussballklub, dem FC St. Gallen, der gestern Abend gegen Lausanne spielte? Fehlanzeige!
Gastgeber-Qualität und Gäste: Der Moderator könnte lockerer sein. Eine spontane Umarmung gibt es nicht. Trotzdem spart das Publikum nicht mit Beifall. Florian Ast, Lisa Stoll, Kliby und Caroline sind die bekanntesten Gäste, Martina Linn, die englisch jodelt, eine Entdeckung.
Action-Qualität: Der Wettbewerb der neuen Show hat Potenzial: Es wird der «Viva-Tüftler», der originellste Instrumenten-Bauer, gesucht. Ein lustiger Vorschlag – mit einem Gewinner: Oliver Lüttin mit seinem riesigen Waldbaum.
Witz-Qualität: Humor kommt zu kurz. Für Lacher sorgte einzig Kliby. So richtige Lachanfälle wird wohl kein Zuschauer gehabt haben. Bis zum Schluss bleibt alles schön und brav. Genaustens eingeprobt und vorgetragen. Für Spontanität fehlt Moderator Senn noch die Routine.
Skandal-Faktor: Gleich null! Der Jungmoderator hat zweifelsfrei Talent, lässt sich aber nie auf irgendwelche Äste hinaus. Müsste sich Nicolas Senn gegen einen Skandal versichern, wäre die Prämie gratis.
Résumé: Senn moderiert korrekt. Brav wie ein Schulbub vor dem Samichlaus zeigt er praktisch keine Emotionen. Er muss mehr Gas geben. Potenzial hat er!
Bis der Südtiroler Fernsehmann mit italienischer Staatsbürgerschaft Deutschlands erfolgreichste Sendung «Wetten, dass ..?» moderierte, war es ein langer Weg. Markus Lanz begann während seines Studiums als Moderator des Heimatsenders Holiday Radio. Inzwischen ist er der beliebteste ZDF-Talker. Lanz ist bodenständig geblieben, führt einen Bauernhof in seiner alten Heimat und fotografiert aus Leidenschaft. Er war mit der Moderatorin Birgit Schrowange verheiratet (ein Sohn), lebt inzwischen in zweiter Ehe mit der Deutsch-Japanerin Angela Gessmann.
Die Eröffnung: Michael Schumacher chauffiert Lanz im Taxi zu «Wetten, dass ..?» – als Show-007. Die ersten Worte: «Herzlichen Dank!», dann Handshake mit Legende Frank Elstner. Erster Satz: «Ich bin Markus Lanz, ich bin der Neue!» Bescheidene Grösse!
Das Outfit: Wohlgebräunt, schwarzer Anzug, offenes Hemd. Etwas überkandidelt die neue Bühne mit rollender Sofaecke. Lanz hat einige Orientierungsprobleme auf der Giga-Szene, lebt sich aber ein.
Die besten Sprüche: Lanz ist kein Sprücheklopfer, lässt lieber die Stars reden, balanciert zwischen dem Journalisten und Showmoderator. Die geschriebenen Gags der Redaktion für Lanz und Cindy aus Marzahn sind grottenschlecht!
Gastgeber-Qualität und Gäste: Die Stars kommen mit den Wettkandidaten von der Treppe. Lanz begrüsst sie per Handschlag. Manchmal vergisst er das Moderieren, holt Jennifer Lopez nicht von der Bühne ab. Angenehm nach Gottschalks Ego-Show.
Action-Qualität: Lanz fiebert mit: Ein Kandidat schiesst auf einer Slackline Tore mit Fallrückzieher (scheitert), ein Ruder-Achter zieht ein Wakeboard (gewinnt). Highlight: Lanz verliert bei Liegestützen mit Bierkästen.
Witz-Qualität: Lanz ist noch Talkmoderator. Vorteil: Seine Gäste kommen (anders als bei Gottschalk) auch mal zu Wort. Nachteil: Witze gibt es nur auf den Moderationskarten – und die sind miserabel.
Skandal-Faktor: Saalwette: Gast-Stadt Düsseldorf soll mit Nackten das Vereinslogo des Fussballclubs nachstellen. Selbst Campino («Tote Hosen») will sich ausziehen. Sittsamer Skandal.
Résumé: Lanz ist noch nicht zu Hause. Aber nach Gottschalk bringt er wieder Spontanität in die Sendung. Manchmal wundert er sich, dass er selbst da ist. «Wetten, dass ..?» ist auf einem neuen, spannenden Weg.
Beliebteste Kommentare
Alle Kommentare (28)