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Es war der 4. Juli 2002, der amerikanische Unabhängigkeitstag, als Steve mir zufällig genau gegenüber am Tisch sass. Gotthard hatten gerade ihr erfolgreiches Konzert beim Open Air in Frauenfeld beendet und waren hungrig.
Als ich Steve so zufrieden und innerlich erfüllt sah, hatten die anderen Personen in dem Moment für mich aufgehört zu existieren. Unsere Augen trafen sich, und dieses Aufeinandertreffen brannte sich tief in unsere Seelen ein.
«Wir zogen einander auf»
Und dann gings einfach ab: Wir flirteten den ganzen Abend miteinander, zogen einander auf, und als ich ihm einen Vortrag über richtige und falsche Ernährung hielt und ihm vor allem vom zu späten Genuss von Früchten abriet, bombardierte er mich übermutig mit den Kirschen, die er auf seinem Riz Casimir hatte.
Und wieder vernahm ich die innere Stimme, die mich schon so oft in meinem Leben auf etwas hingewiesen hatte: «Schau, das ist der Mann, der dir einige Jahre Licht und Liebe in dein Leben bringen wird»...
«Wir hielten uns zurück»
Steve versprach mir, sich mal über Nicole bei mir für eine gemeinsame Wanderung zu melden. Wir hielten uns zurück und tauschten unsere Telefonnummern nicht aus. Und so hatten wir auch keinen Kontakt, bis zum September 2002, wo Steve bei der Miss-Schweiz-Wahl in der Jury sass. Er wusste von Nicole, dass ich nachher auch am gemeinsamen Tisch sitzen würde.
Er war schon vor uns dort und reservierte für mich gleich den Platz neben sich. Als ich ankam, nahm er sofort seine schwarze Tasche von besagtem Platz und sagte nur leise und mit gesenktem Blick: «Setz dich doch!» Mein Herz machte Sprünge, ich freute mich unbeschreiblich, ihn zu sehen.
Dieses Mal gab es wirklich nur noch uns beide. Wir schwatzten den ganzen Abend, bis Antonini zum Aufbruch drängte: «So, wir gehen jetzt! Steve fliegt ja morgen nach Sardinien, er will sicher nach Hause.» Doch zur Überraschung aller Anwesenden sagte er ganz locker: «Aber nein, ich bleibe gerne noch ein bisschen länger.» Und ganz leise flüsterte er mir ins Ohr: «Weisst du, früher wollte ich immer sofort nach Hause, aber jetzt, wenn ich mal länger bleiben möchte, springen gerade alle auf …»
Sein Handy meldete den Eingang eines SMS, er entschuldigte sich kurz und war ganz in sich gekehrt, eine Antwort zu schreiben. Ich signalisierte ihm, dass das kein Problem sei, da schaute er mich an und erwiderte halb ernst und halb lustig: «Weisst du, sonst muss ich mir noch ein neues Haus kaufen, weil ich ausziehen muss.»
Ich stellte natürlich erst im Laufe der Jahre fest, dass Steve einen absolut tollen Humor hatte, aber in dieser Situation kam er mir so verloren und heimatlos vor. Unser Gespräch setzte sich auf diese Weise noch eine Weile fort – lustig und doch gleichzeitig mit so viel Ernst dahinter.
Brief mit Pflanzensamen drin
Zum Abschied schliesslich gab ich ihm auch noch einen Brief mit, allerdings «nur» mit Pflanzensamen drin, die er tatsächlich zu Hause heimlich anpflanzte. So hatte er etwas von mir, das ihn täglich an unsere Begegnung erinnerte.
Zum Glück wartete jetzt Lisbeth Egli auf mich und ich musste mich mit der Verabschiedung beeilen. Also flüsterte ich ihm nur noch kurz zu: «Ganz schöne Ferien, ich werde an dich denken, du bist ja sowieso in meinem Herzen.» Er schluckte und antwortete nur: «Du auch, machs gut!»
Oh mein Gott, was hinterliess dieser Abend für eine Leere! Ich war vollkommen durcheinander. War ich etwa dabei, mich in einen verheirateten Mann zu verlieben?
Ich ermahnte mich selbst, wieder bei der Realität anzukommen, aber dass ausgerechnet dieser tolle Mann viel Licht und Liebe in mein Leben bringen sollte, diesen Gedanken fand ich trotz allem sehr beglückend. Ich beschloss einmal mehr, es zu nehmen, wie es eben kommt.
Das Leben nehmen wie es kommt
Während Steve nun in Sardinien war, auch ständig an mich dachte und sein einziges Highlight dort anscheinend eine schöne Segelfahrt mit einer Gruppe netter Leute war, ging ich zwar mit ein paar Bekannten zum Abendessen, brachte aber Steve nicht mehr aus meinem Sinn.
Ich beschloss, so könne es nicht weitergehen. Also erzählte ich Nicole davon und meinte: «Jetzt fällt mir nur noch eines ein, was mich garantiert retten kann: Du stellst mir seine Frau vor, und dann, so wie ich mich kenne, bin ich geheilt.»
Irgendwie fand Nicole die Idee auch heilsam: «Gute Idee. So kannst du dir gleich selber ein Bild von Karin machen, das ist immer am besten.»
Treffen mit Steves Frau
Wenige Zeit danach stellte sie mir Karin dann kurz in Leos Haus vor, als diese auf Steve wartete, der im Musikstudio unten Proben hatte. Gleich zwei Wochen später begegneten wir uns wieder, als Nicole noch ein Abendessen in einem Restaurant organisierte. Diese Idee kam von mir, wollte ich doch Steve und Karin noch zusammen sehen und mir ein Bild der Lage machen, bevor ich in die deutsche Schweiz zurückkehrte, wo ich mit den Kindern ein neues Leben anfangen wollte.
Das hat so leider nicht geklappt, denn der Abend war wohl als Frauenabend geplant, so dass Steve «nicht mit durfte». Es hätte mir so gutgetan, eine Atmosphäre zwischen ihnen zu spüren, um zu wissen, wo ich meine Verliebtheit einordnen konnte.
Der Abend an sich war sehr lustig und unterhaltsam. Ich beobachtete Karin von der Seite. Sie entsprach absolut nicht meinen Vorstellungen von einer Rockerbraut, aber sie war wirklich eine lustige Person, die ich mir zwar nicht als Freundin vorstellen konnte, aber als angenehme Kollegin.
Der Umzug
Kurz darauf zog ich mit den Kindern in die deutsche Schweiz um und erlangte zumindest räumlich eine gewisse Distanz zu Steve. Allerdings wirklich nur räumlich, mein Herz sagte mir etwas anderes. Ich dachte ständig an ihn, aber auch an Nicoles Beurteilungen und meine eigene Wahrnehmung bezüglich Karin.
Als dann Steve kurz vor Weihnachten 2002, wie man mir mitteilte, vom Tessin zum Flughafen fuhr, um nach Amerika zu fliegen, schrieb ich ihm einen lieben Brief, in dem ich ihm viel Kraft wünschte und dass er ganz tief in meinem Herzen sei. Diesen Brief wollte ich ihm persönlich am Flughafen übergeben und ihm dabei nochmals einen guten Flug wünschen. Doch leider hatte ich ihn damals verpasst und nach einer Weile des Wartens ging ich wieder zurück nach Hergiswil, mitsamt dem Brief.
Jahre später, als ich beim Aufräumen Steve diesen Brief zeigte, umarmte er mich ganz fest und sagte: «Ich weiss schon, warum ich dich in mein Leben gelassen habe. Wenn ich diesen Brief anschaue, fröstelt es mich, denn deine Zeilen hatten mir den Horror dort zwar nicht erspart, aber mit deinen liebevollen Gedanken wäre alles einfacher gewesen.»
Damals hatte Steve nämlich, kaum in den USA angekommen, sofort die Aufforderung erhalten: «Follow the blue line!» Kommentarlos nahm man ihm alles ab, selbst die Schnürsenkel, und steckte ihn mit Schwerverbrechern in U-Haft.
Mit anderen Worten: Er wurde wie ein Krimineller behandelt. Und das nur, weil er sich 1995 fünf Tage länger als erlaubt in Amerika aufgehalten hatte. Zuzuschreiben ist das Ganze einem seiner damaligen Manager, der sich zuvor nicht einmal erkundigt hatte, sondern ihn einfach ins Verderben laufen liess. Steve musste immer die Fehler der unfähigen Leute um ihn herum ausbaden. So eben auch damals. Mit Handschellen verfrachtete man ihn wieder in ein Flugzeug nach Hause, erst in London wurden sie ihm abgenommen. Das war natürlich eine grosse Demütigung für Steve und er hatte seit diesem Erlebnis eine Hassliebe zu Amerika.