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Annina Frey: Die Schwerverbrecherin
Wisst ihr, wie es sich anfühlt, in Handschellen abgeführt zu werden??? Ich auch nicht. Aber ich war zwei Millisekunden davor, es herauszufinden...
Wie ihr wahrscheinlich schon aus meinen früheren Blogs wisst, bin ich nicht der beste Freund der Schweizer Polizei. Und Polizisten sind im Gegenzug auch weder meine Freunde noch meine Helfer. Im Gegenteil. Ich wage sogar zu behaupten, dass mein Bildnis irgendwo im Hauptrevier an einer Pinnwand klebt, mit einer aufgemalten Dartscheibe und angeworfenen Pfeilen. Wobei ich mir sicher bin, dass kein einziger Pfeil im innersten Kreis steckt. Ich wage nämlich zu bezweifeln, dass unsere Schweizer Gesetzeshüter eins-A Schützen sind. Wie denn auch? In Sachen Schwerverbrecher haben sie ja auch nicht gerade viel zu tun. Aber hey – dafür stehen sie ganz oben auf der Liste der «Bussen-Verteilerlis»-Spielchen! Bravo!
Gut, ich denke wir lassen das Geplänkel. Darüber könnte ich mich jetzt noch den ganzen Nachmittag auslassen, und das wäre nicht gut für meine Blutwerte. Kommen wir zu den schweren Geschützen:
Nichtsahnend und teilnahmslos müde fahre ich vorletzten Dienstag Abend durch die Zürcher Innenstadt. Auf dem Weg nach Hause, wie man das halt so macht um 23.41 (die magische Zahl, die ich nie vergesse werde). Plötzlich hängt sich ein Polizeiwagen an meinen Kofferraum und verfolgt mich durch die Strasse Richtung Zürcher Paradeplatz. Ich bin noch in Gedanken versunken, ob das denen um diese Zeit nachts nicht langweilig wird, da sowieso nichts weltbewegendes passiert, da reisst mich auch schon eine schallende Durchsage aus der Träumerei und beschert mir den ersten Herzinfarkt: «Fahren sie rechts ran!!!». Und wo bleibt denn das «BITTE», bitte? Dicht gefolgt von einem «Können sie vielleicht etwas gescheiter anhalten?». Das war der zweite Herzinfarkt. Der Lautsprecher ist nämlich wirklich saumässig laut, und was heisst denn ausserdem «gescheit anhalten»...? Den Feierabend-Verkehr um 23.41 in einer Dienstag Nacht nicht behindern??? Da fragt man sich schon, ob unsere Blauuniformierten gegen Mitternacht den Anstand verlieren. Oder ist ihnen etwa Tempo 50 zuviel des Guten? Ich bin entsetzt, aber das ist nur der Anfang. Nachdem ich angehalten habe, parkiert die weiss-orange Kutsche mit drei männlichen Insassen hinter mir und Testoseron pur entsteigt dem Wagen. «Annina-die-Schwerverbrecherin» reklamiert natürlich sofort ob dem forschen Ton der Lautsprecheransage, sobald sich einer der jungen Polizisten (gibts da keine Altersbegrenzung mehr?) an ihre Windschutzscheibe wagt.
«Geht das auch freundlicher, junger Mann?», frage ich leicht irritiert.
«Wie meinen Sie das?», kommt die etwas stupide Antwort. Ich will daraufhin das Wort «freundlicher» buchstabieren, entschliesse mich aber dagegen. «Sie müssen mich weder anschreien noch mir unterstellen, dass ich etwas nicht gescheit mache. Ein bitte wäre auch angebracht, ich habe ja nichts verbrochen.» (in Gedanken bin ich währenddessen am lynchen...)
«Wir nehmen das zur Kenntnis» kommt die forsche Antwort. Huui, mit denen ist nicht gut Kirschen essen... Mein Einwand wird garantiert in der Versenkung verschwinden. «Ruhig Blut», versuche ich mein hitziges Temperament unter Kontrolle zu bringen. Respektlosigkeit und Unhöflichkeit kann ich nicht ausstehen. «Alkoholkontrolle. Bitte aussteigen!» bellt der freundliche Herr. Wow, wenigstens ein «bitte» – mais cest le ton qui fait la musique... Dann pfurrt er mich auch noch an, dass ich nicht direkt angehalten habe, als sie ihr rotes Leuchttäfelchen mit der Aufschrift «Anhalten, Polizei» eingeschaltet haben. Dummerweise sind sie aber sehr nahe hinter mir gefahren, und wenn man so tief sitzt, wie ich in meinem MINI, dann SIEHT MAN EBEN DIE SCHRIFT NICHT. Weil die ZU HOCH OBEN STEHT!!! Logisches denken scheint den Jungs nicht zu liegen. Klar, wenn man als Mann 10 cm sowieso des öfteren für 20 hält... (sorry an dieser Stelle an alle unbeteiligten jungen Männer, meine Nerven gehen manchmal mit mir durch...)
Und deswegen unterbreche ich jetzt auch an dieser Stelle. Mein Kopf wird sonst zu rot für die Sendung.
FORTSETZUNG FOLGT....
Teil 2
«Sie müssen jetzt blasen!», wurde ich durch das offene Fenster angeblafft. Mir blieb die Spucke weg! Es muss doch selbst einem Bulldoggen-ähnlichen Staatsangestellten klar sein, was für ein verhängnisvoller Satz ihm da gerade über die Lippen ging. Nichts dergleichen. Herausfordernd schielte er immer noch ins Innere meines Autos. Irgendwie gewann das Ganze eine Art Situationskomik, und ich war mir nicht sicher, ob ich vielleicht einen Scherz reissen sollte, um die Stimmung etwas aufzulockern. Wer meinen Humor kennt, der weiss, dass es eine weise Entscheidung war, auf den Mund zu sitzen. Es konnte nur noch schlimmer kommen. Aber ich wollte wenigstens endlich auf gleicher Augenhöhe wie meine Piesacker stehen. Also entstieg ich meinem verhängnisvollen Mini, und befand mich – wer hätte das gedacht – ungefähr zwei Köpfe über dem netten Polizisten. War ja klar, oder? Ich werde mich hüten an dieser Stelle ein Wort über Männer, Körpergrösse und Komplexe zu verlieren...
Wie auch immer. Besagter Herr wiederholte seine «Bitte» bezüglich des «Blasens» ein zweites Mal, allerdings deutlich genervter (ob es wohl daran lag, dass er nun nicht mehr auf mich herabblicken konnte???). Ich beschloss, zuerst ein Telefonat zu machen. Das Ganze ging mir langsam zu weit. Ich wurde hier umzingelt, angeschnödet, zurechtgewiesen und im Grossen und Ganzen behandelt, als hätte ich ganz offensichtlich etwas falsch gemacht. Bevor ich aber etwas unternahm, wollte ich sicher gehen, dass alles mit rechten Dingen zu und her ging. Dummerweise war mein Natel jetzt im Auto, und ich cirka zwei Schritte vom Auto entfernt, eingepfercht von drei Blauuniformierten. Also machte ich einen Schritt auf meinen Wagen zu, und dann – haltet euch fest – DANN ging es erst richtig los! Von rechts schnellte eine kleine stämmige Hand hervor und hielt mich am Handgelenk fest, der «Baumstamm» links kam einen bedrohlich grossen Schritt näher, und der Dritte im Bund sprang doch tatsächlich mit einem Satz vor meine Autotüre und nahm irgendeine komische Abwehrhaltung ein. Das war der Gipfel! Ich durfte tatsächlich nicht einmal mehr telefonieren!
«Das darf doch nicht wahr sein! Ist das alles etwa ein schlechter Witz? Versteckte Kamera oder so?», wollte ich wissen. Die Situation war so absurd, dass ich zuerst lachen musste. Schnell dämmerte mir allerdings, dass ich die einzige war, die es lustig fand. Auf der anderen Seite des Schützengrabens herrschte beinharter Krieg! Eine falsche Bewegung und ich würde auf den Wachposten mitgehen müssen. «Wenn Sie nicht sofort tun, was wir Ihnen sagen, werden sie abgeführt», kam die gnadenlose Antwort. JETZT?!? Nach (mittlerweile) 24 Uhr? Im Gegensatz zu den drei Charmebolzen, musste ich um 6 Uhr wieder aufstehen. Ich hatte keine Nerven mehr, war völlig sprachlos. Ich wurde festgehalten, stand vor einer Barriere von einem Mann, der geschätzte 40 Kilo schwerer war als ich, und mich (wenn nötig auch mit Gewalt) daran hinderte, zu meinem persönlichen Hab und Gut zu gelangen. Kurz: Ich wurde behandelt wie eine Schwerverbrecherin, die jeden Moment wegen Mordes abfgeührt wird. Und das alles als Frau, ganz allein gegen drei bewaffnete Männer mitten in der Nacht auf menschenleerer Strasse...
Ich gab mich geschlagen. Was blieb mir denn schon anderes übrig?! Rotzend und rauchend liess ich diese blöde Prozedur über mich ergehen und enthielt mich jeglichen Kommentars. Nur noch ins Bett, Augen schliessen – und die ganze Sache vergessen...
Bis heute ist mir nicht klar, was genau der Antrieb ist, Polizist zu werden. Der Wunsch die Menschheit zu verbessern, kann es offensichtlich nicht sein. Denn wären wir alle so, wäre die Welt eine Katastrophe. Oder vielleicht ist es einfach der Frust, im privaten Leben niemanden rumkommandieren zu können, was sich natürlich schlagartig ändert, sobald man in so eine «respektable» Uniform steigt? Ich kann es mir nicht erklären, aber ich habe daraus gelernt: Traue NIE einem Polizisten...
PS: Da mir leider die entsprechende Uniform fehlt, muss ich hier öffentlich zugestehen, dass mich die ganze Geschichte doch etwas frustriert hat. Und falls ich (in Ermangelung einer Möglichkeit, jemanden rumzukommandieren), einem netten Polizisten auf die Dienstmarke gestanden bin: Ich lasse mich in Zukunft SEHR gerne vom Gegenteil überzeugen...