Die TV-Sendung «Vis-à-vis» auf 3sat «28 Jahre Zuneigung»

  • Publiziert: 10.01.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Interview: Hannes Britschgi
play Begegnung Frank A. Meyer 1983 im Gespräch mit dem Schriftsteller Max Frisch. (SF)

Frank A. Meyer bittet seit 1980 Gesprächspartner vor die Kamera. Die Liste seiner Gäste ist ein Who is who der Elite. Jetzt empfängt er in Berlin.

Frank A. Meyer, 28 Jahre «Vis-à-vis» – Ihr Fernsehformat ist ein Dinosaurier.
Frank A. Meyer:
«Vis-à-vis» ist wohl die älteste Sendung des Deutschschweizer Fernsehens, ausser «Tagesschau» und Wetterbericht. Wie ein Dinosaurier ist sie in der heutigen Fernsehprogrammierung ein Anachronismus: Zwei Menschen im Gespräch, zwei Stühle, eine ganze Stunde lang, ununterbrochen, es gibt keine Einblendungen – und es gibt nichts zu gewinnen, kein Auto, keine Ferienreise.

Was ist ein gutes Gespräch?
In einem guten Fernsehgespräch geht es um den Gast und nicht darum, dass der Gastgeber recht bekommt, obwohl er sich durchaus mit eigenen Überzeugungen, Überlegungen oder auch Erfahrungen beteiligt. Allerdings muss der Wortanteil des Gastes mindestens 80 Prozent der Zeit betragen.

Manchmal hatten Sie Mühe, dieses Limit einzuhalten.
Ich habe meine 20 Prozent nie überschritten. Aber es gab Gesprächsphasen, in denen ich von meinem Gast dermassen begeistert war, dass ich mich vergass – wunderbare Momente! Meine Partitur, wie ich sie für jede Sendung erstelle, führte mich dann wieder zurück in die Rolle des aufmerksamen Zuhörers.

Ihre Gästeliste liest sich wie ein Who is who. Wie treffen Sie die Auswahl?
Mein erstes Kriterium war immer die Zuneigung. Ich muss einen Menschen mögen, um mit ihm ein «Vis-à-vis»-Gespräch führen zu können, und zwar unabhängig von seiner oder ihrer politischen Einstellung. Es waren oft Menschen, die ganz anders dachten als ich. Oder gleich dachten, aber bereit waren, offen über sich zu reden.

Wie war es bei Willi Ritschard, einem Freund: Kann ein Gespräch unter Freunden publizistischen Kriterien genügen?
Das «Vis-à-vis» mit Willi Ritschard war ein gewaltiger Erfolg. Wir wussten beide, dass dieses Gespräch heikel wird. Ich klärte die Zuschauer über unsere Freundschaft auf. Willi war ein sehr offener Mensch, ohne jede Neigung zum Exhibitionismus. In diesem «Vis-à-vis» zeigte sich seine hohe emotionale Intelligenz.

An welche «Vis-à-vis»-Momente erinnern Sie sich besonders gern?
Den dramatischsten erlebte ich mit Bundesrat Hans Hürlimann: Wir kamen nach 30 Minuten auf das Sterben seines Sohnes Matthias zu sprechen – wir hatten beide plötzlich Tränen in den Augen und konnten nicht weiterreden. Ich wartete, bis wir uns wieder unter Kontrolle hatten. Dieser «Magic Moment», wie man heute sagen würde, bescherte uns eine Flut von einfühlsamen Zuschauerbriefen – es war etwas Echtes geschehen am Fernsehen.

Viele Ihrer Gäste sind inzwischen gestorben. Wie ist das für Sie, wenn Sie zurückblicken?
Ich war wohl bei den meisten meiner Gäste der Jüngere. Unterdessen bin ich oft der Ältere. Im Rückblick sehe ich voller Dankbarkeit, welche guten und grossen Geister mich begleitet haben und noch begleiten.

Welche Rolle spielt die Sprache?
Eine ganz entscheidende. Authentisch zu sein, präzise zu sein, klar zu sein – und das alles unter Live-Bedingungen, also ohne die Möglichkeit, misslungene Passagen herauszuschneiden: Das ist Sprachleistung. Zur gesprochenen Sprache kommt aber in einer Sendung von dieser Länge und Intensität ganz entscheidend die Körpersprache hinzu: die Mimik, die Reaktionen und die Schwingungen zwischen den beiden Gesprächspartnern.

In dieser Woche ist der früher meist jüngere Gastgeber Frank A. Meyer 65 geworden. Kein bisschen müde?
Ich sehe die 65 Jahre nicht, wenn ich in den Spiegel schaue. Und ich spüre sie nicht, wenn ich aufstehe.

Nach 28 Jahren heisst es nun Abschied nehmen vom Schweizer Fernsehen. Macht Sie das traurig?
Ich bedaure es. Aber meine Schweizer Zuschauer geniessen jetzt wieder den besseren Sendeplatz – montags bei 3sat um 22.25 Uhr. Und dies zehn Mal im Jahr, also häufiger als früher. Für mich ist es eine grosse Befriedigung, im ganzen deutschen Kulturraum ausgestrahlt zu werden. Und die Sendung selbst ist so zeitgemäss wie eh und je.  

«Vis-à-vis»

Montag, 12. Januar, 3sat, 22.25 Uhr. Gast: Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste Berlin.

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