Yello: «Wir sind wie Eiche und Trüffel»

  • Publiziert: 21.36 Uhr, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Interview: Philippe Pfister, Reza Rafi
play Im besten Licht: Blank und Meier (l.) auf der Veranda von dessen Haus am Zürichberg. (Sabine Wunderlin)

Dieter Meier und Boris Blank über ihr neues Album, die verschlafene Plattenindustrie – und den Wert des Scheiterns.

Sie haben nie an Festivals gespielt. Sind Live-Auftritte nicht Ihr Ding?
Blank:
Wir waren nie eine Live-Band und werden nie eine sein. Ich bin ein Klangmaler im stillen Kämmerlein, der sich nicht gerne bei der Arbeit zusehen lässt. Wenn ich meine Maschinen bediene, bin ich wie ein Pilot im Cockpit. Das Cockpit auf eine Bühne zu stellen, ist weder für das Publikum noch für mich interessant.

Sie vermissen die Begegnung mit dem Publikum nicht?
Blank:
Nein. Ich forsche lieber in meinen eigenen Klangwelten. Das ist mein grösstes Glück.

Das einzige Glück des Lebemanns Boris Blank?
Blank:
Früher hatte ich eine Leidenschaft für Autos. Ich legte mir einen Bentley und einen Ferrari zu, als wir zum ersten Mal ein paar Platten verkauft hatten. Heute träume ich von einem Elektroauto mit 600 Kilometer Reichweite – und finde es das Grösste, wie ein Mönch oder Eremit in unserem kleinen Studio herumzutüfteln.

Ist «Touch Yello» Ihr Lieblingsalbum?
Meier:
Jedes neue Album ist mein Lieblingsalbum. Auf diesem ist meine sonst rhythmusbetonte Rap-Stimme melodiöser geworden.
Blank: Mit eigenen Alben ist es wie mit eigenen Kindern: Man hat jedes gleich gern. Das neue Album ist aus einem Guss. Ich habe nie das Gefühl gehabt, ich müsste noch etwas ändern. Und es ist mir auch noch nicht verleidet. Obwohl es meine 12-jährige Tochter ständig in voller Lautstärke hört.

Sie gehören zu den Urvätern des Techno. Erstaunt Sie der immense Erfolg, den Ihre Musik hat?
Meier:
Das Ganze ist ein grosser Zufall – Yello war nie auf Erfolg angelegt, wir haben nie Demokassetten an Plattenfirmen geschickt. Zur Musik kam ich zufällig, als ich meine Experimentalfilme selber vertonte. Es ist ein grosses Glück, dass ich Boris Blank kennengelernt habe.
Blank: Übrigens, das Wort «Urvater» höre ich nicht gern. So alt fühle ich mich nicht. Aber man kann sagen, wir waren bei der elektronischen Musik von Anfang an dabei.

Und sind es immer noch, in der Blütezeit der Internet-Piraterie...
Meier:
Das Beste, was einem Artisten passieren kann, ist, bestohlen zu werden. Früher gab es im Flughafen von Abu Dhabi einen Laden mit lauter unautorisierten CDs. Wenn man seinen wahren Stellenwert als Künstler erfahren wollte, musste man sehen, obs dort gefälschte Yello-CDs gab. Wenn man nicht mehr kopiert oder bestohlen wird, ist man arm dran!

Ist das nicht zynisch gegenüber jungen Musikern, die auf die Tantiemen angewiesen sind?
Meier:
Die Internet-Piraterie ist eine schlimme Sache, aber die Plattenindustrie ist zum Teil selbst daran schuld. Es war ein grosses Versäumnis der Branche, MP3 und Internet nicht als neue Vertriebsmöglichkeiten zu erkennen! In einer Zeit schnell wechselnder Technologien hielt die Musikindustrie 30 Jahre lang an einem mittelmässigen Datenträger mit miserabler Tonqualität fest.

An der CD.
Meier:
Und dann wundern sich die Plattenmanager, warum sich die Kids das nicht für 18 Franken kaufen. Jetzt wird sich das ja ändern.
Blank: Man muss klar sehen, dass die Branche die Technologie total verschlafen hat.

Querdenkertum bringt die Wirtschaft voran – das leben Sie vor.
Meier:
Querdenken allein genügt nicht. Bei meiner Softwarefirma im Silicon Valley ist einiges schiefgegangen. Wir haben zwar mit unseren digitalen Mischpulten sechs Oscars für den besten Filmsound gewonnen, aber das waren Pyrrhussiege, die zehn Jahre lang zu viel gekostet haben. Erst jetzt, dank der Zusammenarbeit mit Apple, hat die Firma endlich wirtschaftlich Boden unter den Füssen.

Sie bewegen sich seit Jahren souverän in der Öffentlichkeit. Was ist Ihr Rezept?
Meier:
Dass ich kein aufgepfropftes Rezept habe, ist mein Rezept. «Be true to yourself – sei dir selber treu.» Heute hat ja jeder Provinzpolitiker einen PR-Berater, der ihm sagt, wie er aussehen soll und wie er reden muss. Die Chefs von Grossbanken ändern Frisuren, Brillen und Krawatten – das ist lächerlich und unglaubwürdig. Ich trage meine Kleider, weil ich sie schön und lustig finde. Man darf sich selbst nicht so ernst nehmen: Es soll einem egal sein, wenn man ausgelacht wird. Die meisten Kriege und Dispute entstehen, weil der Humor fehlt. Man soll sich lachend verabschieden von der zufälligen sterblichen Hülle auf dieser Welt, zum Beispiel der des Herrn Meier.

Wurden Sie selber schon ausgelacht?
Meier:
Ja, und ob! Nach meinen ersten Strassenaktionen haben gewisse Leute auf den Boden gespuckt, wenn sie mich sahen. Auch meine ersten sogenannten Experimentalfilme gaben immer wieder Anlass zu Gespött.

Verspüren Sie heute Genugtuung?
Meier:
Überhaupt nicht! Das hat mir mein Vater vorgelebt, der Bankier war. Er sagte immer: Es gibt nichts Lächerlicheres, als wenn man nach einer schwierigen Besteigung auf dem Gipfel stehen bleibt. Man muss – wegen Erfrierungs- und Verblödungsgefahr – sofort von dort verschwinden.

Das ganze Interview finden Sie im SonntagsBlick.

Persönlich

Seit 1979 bereichern die beiden Zürcher Boris Blank (56) und Dieter Meier (64) die Musikwelt mit rhythmisch-verspielten Klangkompositionen. «The Race» wurde zum Klassiker der elektronischen Musikgeschichte. Meier macht auch Filme und Rotwein, züchtet Rinder und besitzt Anteile einer Softwarefirma im Silicon Valley. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Blank lebt mit Frau und Tochter in Zürich.
play Viererrunde: Blank und Meier im Gespräch mit den Redaktoren Rafi (l.) und Pfister. (Sabine Wunderlin)

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