Tour-Tagebuch von Eluveitie Quarantäne auf hoher See

Sie gehören zu den erfolgreichsten Schweizer Bands, touren um die Welt. Violonistin Meri über die Tour-Erlebnisse von Eluveitie.

  • Publiziert: 17.02.2012
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Violonistin und Tagebuchschreiberin Meri. Die neue CD «Helvetios» von Eluveitie ist im Handel erhältlich.

(Eluveitie)

Ich staune nicht schlecht, als wir an Bord der «Majesty of the Seas» kommen... Irgendwie haben wir ja bis zuletzt nicht wirklich daran geglaubt, dass man uns ein richtiges Luxusschiff für 4 Tage überlässt.Nach dem üblichen Sicherheits-Prozedere, lockerem Small Talk mit netten und weniger netten Sternen am Metalhimmel schreiten wir auf unseren Luxusdampfer. Die Kojen gleichen eher 4-Stern Hotelzimmern und die gesamte Belegschaft ist unglaublich freundlich, aufgestellt und hilfsbereit. Alles glänzt, glitzert und ist blitzblank. Der einzige Unterschied: Aus den Lautsprechern säuseln nicht Barry White & Co. sondern Death, Carcass und andere Perlen der Metalmusik. Da uns schon beim Einsteigen eine nur auf dem Schiff gültige Kreditkarte mit 100 Dollar Startguthaben in die Hand gedrückt wurde und wir praktisch zeitgleich erfahren, dass unser Konzert erst um 2 Uhr morgens stattfindet, machen wir uns auf Erkundungstour. Weit kommen wir nicht. Die erste Bar ist gleich um die Ecke. Es wimmelt nur  so von bekannten Gesichtern und das Angebot an Drinks raubt uns den Atem. Es gibt doppelt so viele verschiedene Longdrinks an Bord wie es in der Schweiz Kantone gibt und das alles zu fairen Preisen. Nach dem dritten Getränk gab es aber leider kein Halten mehr und wir vergassen zeitweise, warum wir eigentlich auf dieses Schiff sind. Glücklicherweise hatten wir genügend Zeit uns zu erholen und alles zu bereuen, denn unser Konzert fand wegen technischen Schwierigkeiten zwei Stunden später statt. 4 Uhr morgens?! Wer kommt um diese Uhrzeit noch zum Konzert? Zehn Besoffene, die zuvor noch mehr getrunken hatten als wir alle zusammen?! Die Motivation einiger Bandmitlieder hielt sich in Grenzen als wir dann aber  ausgeschlafenum 4 Uhr morgens mitten im Karibischen Meer unseren ersten Song «Everything remains» anstimmten waren wir ziemlich baff. Die Uhrzeit hat unserem Konzert absolut nicht geschadet. Ganz im Gegenteil. Unsere Fans und einige Neugierige waren zahlreich erschienen und haben uns ein wundervolles Konzert beschert. Ein herzlicher Dank gilt hier unseren Schweizer Freunden von Coroner. Wir fühlen uns tief geehrt, dass die international als Kultband gehandelte Band, um Tommy Vetterli uns tatkräftig unterstützt hat und uns während dem ganzen Konzert neben der Bühne zur Seite stand. Jungs, Hut ab. Ihr  seid wahre Idole des Metal Genres! Wenn mir das als 12-jähriges Mädchen jemand prophezeit hätte, hätte ich gesagt: «Jo genau, träum wiiter!» 

Quarantäne auf hoher See

Schlafen, so lange das Herz begeehrt war heute bei Eluveitie und ihrer Crew die Devise und da wir ja erst im Morgengrauen ins Bett kamen nahm das gut und gerne den halben Tag in Anspruch. Völlig Wurscht, denn heute sind wir mal nicht Rocker, sondern Kreuzfährtler. Wir spielen kein Konzert und abgesehen von ein paar kurzen Verpflichtungen wie Interviews und Autogrammstunden, die  freundlicherweise auf die zweite Tageshälfte gelegt wurden, sind wir frei wie karibische Piraten. Den ganzen Tag verbringen wir auf hoher See und es scheint, dass diese entspannende Phase nicht jedem Gut tut. Unser Bassist klagt über starken, der Schiffsarzt steckte ihn kurzerhand in Quarantäne. Der Arme hatte sich seinen freien Tag wohl etwas anders vorgestellt aber Sicherheit und ordentlicher Stuhlgang gehen den Amerikanern eben vor. Unser schon fast frühmorgendliches Konzert von gestern hat, so scheint mir, bei anderen Bands sowie zahlreichen Zuhörern grossen Eindruck geschindet, denn ob ich auf dem Sonnendeck «sünnele», mich gerade wieder einmal am äusserst abwechslungsreichen Buffet zu schaffen mache, im Casino (rauchend, ja genau) Kaffee trinke oder auch nur im Publikum zwischen anderen Headbangern die Konzerte anhöre, werde ich den ganzen Tag regelmässig auf unsere tolle und eben so späte Show angesprochen. Und es sind nicht wenige die nur wegen uns so lange aufgeblieben sind. Ehrlich gesagt versüsst uns das schon ein bisschen den Tag. So lässt es sich doch leben. Spitzenmässiger Komfort, gepaart mit Komplimenten, Sonnenschein und Meer. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Belegschaft der «Majesty of the Seas» diese Kreuzfahrt am allermeisten geniesst. Trotz grossem Ansturm, durstigen Kehlen und lauter Metalmusik sieht man sie immer lachend, freundlich und jederzeit zu Spässen aufgelegt. Anstatt gut verdienende und nimmerzufriedene Geschäfts- und/ oder Famlienväter kriegt man hier zwar ein wenig Gebrüll, aber keinerlei Allüren, Sticheleien oder Abgehobenheit zu spüren sondern Spass und Freundlichkeit pur. Auch am zweiten Tag hat mich 70’000 Tons of Metal positiv überrascht und ich lege ganz langsam meine schlechten Vorurteile über ein Kreuzfahrtschiff vollerMetalheads ab und geniesse den Tag in vollen Zügen.

Der Abschied fällt schwer

Letzte Nacht gingen wir es eher ruhig an. (Zumindest soweit ich informiert bin!) Einige haben sich gestern auf dem Grand Cayman bereits einen gesunden Teint geholt, andere gleichen eher Langusten und unser zweites und letztes Konzert auf dem jetzt schon legendären Metalkreuzschiff steht uns kurz bevor. Diesmal spielen wir am frühen Abend. Da wir uns auf der Rückreise nach Miami befinden werden wir auch heute den ganzen Tag auf See verbringen und uns noch einmal die Vorzüge dieses Luxusdampfers zu Gemüte führen. Morgen früh müssen wir versuchen, als erste Gruppe das Schiff zu verlassen, da unsere Nordamerika Tour ja bereits am gleichen Tag in Orlando/Florida beginnt. Zunächst geniessen wir aber unser Abschiedskonzert, denn wieder ist die Halle praktisch voll und wir geben ein komplett neues Set zum Besten. Das Publikum dankt es uns mit Wunsch nach einer Zugabe, der wir in diesem Fall von Herzen gerne nachkommen.Wenn man bedenkt, dass hier von frühmorgens bis tief in die Nacht hinein hochkarätige Metalbands spielen ist man wirklich dankbar, wenn die Zuhörerschaft so zahlreich erscheint und dann noch richtig mitfeiert. Wir erachten das nicht als selbstverständlich und sind richtig happy, als wir uns in einer Reihe vor dem Publikum verneigen. Um das Schiff morgen aber verlassen zu können muss jeder mit seiner Bordkreditkarte auschecken und die, mehrheitlich durch übermässigen Alkoholkonsum aufgestauten Beträge begleichen. Hier wird so mancher wieder schlagartig in die Realität katapultiert. Einer vor mir verabschiedet sich aber stolz und lautstark von der Dame am Guest Relation Desk indem er sich zu der bereits mit Schweisströpfchen auf der Stirn, Handgelenk mal Pi rechnendenWarteschlange umdreht und voller Stolz lallt! «I’ve spent 1100 Dollars on Alcohol! Fuck yeah, I‘m Whiskey!» Wir Wartenden schauen einander nun eher verängstigt denn fröhlich an. Nur wenige können sich an dieser Stelle noch zu einem Applaus durchringen. Als sich der Captain dann über die Durchsage wieder voller Herzlichkeit bei uns Metallern bedankt, uns eine gute Zukunft wünscht und seine Rede mit «God bless you all!» abschliesst wird man schon fast ein wenig sentimental. Liebe Freunde der Metalmusik. Grosses Kompliment. Ich werde mir nie mehr über Kreuzfahrten das Maul zerreissen und wir hoffen, dass ihr mittlerweile alle wieder gut zu Hause angekommen seid. Vielleicht sieht man sich ja schon bald um irgendwo auf dem Planeten wieder gemeinsam abzurocken. 70’000 Tons of Metal ist ein grandioser und nicht minder abenteuerlicher Anlass, an dem jeder von uns gerne wieder eingeladen wäre! Standing Ovations, over and out!!!

 

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