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BLICK Kürzlich haben Sie sich in einem Internet-Video Hilary Clinton zur Vorsicht gemahnt und sich spasseshalber als Kandidaten zur Verfügung gestellt.
WYCLEF JEAN Die Wahlen rücken immer näher und es wird immer ungemütlich. Und man darf nicht vergessen: Wir Hip-Hopper sind Kinder der Reggae-Musik. Wir werden immer über Politik reden.
Alle Künstler auf ihrem Album sind Immigranten – wie Sie. Wie wichtig war es Ihnen, dieses Leitmotiv zu stützen?
Ich wollte, dass sich all diese Künstler so ehrlich und verletzlich wie möglich geben. Es ging mir darum, Einheitlichkeit auszudrücken. Dieses Album könnte später in einem Buch umgesetzt werden. Dann in ein Theaterstück. Und schlussendlich in einen Film.
Wenn Sie also solche Geschichten erzählen, denken Sie immer auch in Ihre eigene?
Wenn ich «Flüchtling» sage, dann kommt das aus erster Hand. Früher als Kind putzte ich Toiletten mit meinem Vater, im Winter half ich ihm bei Gebäudereparaturen. Jetzt wo ich in Amerika lebe und die politische Führung des Landes derart verdorben ist, vergessen wir, dass es einmal den «American Dream» gab. Obwohl ich das beste Beispiel dafür bin, dass es diesen Ort immer noch gibt, wo Immigranten etwas aus ihrem Leben machen können.
Was braucht es, um sich diesen Traum zu ver-wirklichen? Blosses Glück?
Ich sage immer: Man spielt die Karten, die man zugespielt bekam. Meine Karten waren eine Kindheit in Haiti, wo ich in einer Hütte ohne Elektrizität lebte und manchmal Dreck vom Boden ass, weil wir so arm waren. Weil ich aber lernte, diese Karten zu verstehen, machte mich das stärker. Und wenn man als Ausländer nach Amerika kommt, schätzt man dies mehr als wenn man dort aufgewachsen ist. Aber ich habe auch Leute gesehen, die ein gutes Kartenblatt verspielten. Man braucht einfach Disziplin inmitten dieses ganzen Chaos.
Ist es ein täglicher Kampf, sich durch Ihre jetzige Position und das Musikbusiness nicht verderben zu lassen?
Nun, man hört niemals, dass Wyclef Jean ausge-raubt oder angegriffen wurde. Ich habe eine ganz einfache Philosophie – hey, ich wurde mit 14 angeschossen und trage die Kugel noch immer in meinem Bein! Meine Philosophie aber ist: Wer Respekt sät, erntet Respekt. Manchmal passieren gewisse Dinge gewissen Leuten, weil sie arrogant sind und die Auf-merksamkeit auf sich zie-hen. Doch mein Vater lehrte mich, dass es keine niederen und höheren Menschen gibt, egal wie weit man aufsteigt. Und egal wie arm oder reich man ist, unsere Körper gelangen schlussendlich an denselben Ort und das, woran man sich erinnern wird, sind unsere Taten auf Erden.
Als sie mit zwölf Jahren in Brooklyn mit Ihrem Cousin ein Geschäft ausraubten, hat sie ihre Mutter verprügelt. Als Versöhnung schenkte Sie Ihnen eine Gitarre.
Meine Mutter hat mich grün und blau gehauen. Ich nenne das «harte Liebe». Ich hatte Freunde, die heute tot sind und dies möglicherweise nicht wären, wenn deren Eltern sie genauso behandelt hätten wie mich.
Sie würden es also begrüssen, wenn Kinder schon von klein auf stärker mit positiver Musik konfrontiert würden?
Musik ist die grösste Kraft, die wir Menschen besitzen. Ich glaube, dass die Musik, die ich meiner zweijährigen Tochter vorspiele, sie psychologisch beeinflusst. Ich singe für sie immer bevor sie zu Bett geht. Und ich glaube sogar, dass Musik helfen kann, eine Nation zu heilen.
Mit Shakira, Norah Jones, Mary J. Blige und Newcomerin Niia sind eine Menge schöner Frauen auf Ihrer Platte vertreten.
Ich entstamme der Schule von Quincy Jones, Harry Belafonte, Cab Calloway, schauen Sie sich mal alte Bilder von ihnen an und mit wem sie sich umgaben. Frauen sind nun mal das Universum. Wenn eine Frau die Energie spürt, dann ist das etwas ganz anderes. Es geht nicht darum rasch einen Hit zu machen und dann: Sayonara! Wir heiraten quasi und haben eine starke musikali-sche Beziehung miteinander. Frauen sind dermassen ehrlich! An Shakira liebe ich, dass sie alles machen kann: Rock, Gitarre, Salsa. Das macht einen guten Künstler aus. Mary J. hat einen unglaublichen Soul und für mich ein Ersatz für Aretha Franklin, die ich nie gekannt habe. Und Norah Jones ist ähnlich wie ich: Im Herzen sind wir Hippies und Folk-Sänger.