Kein Witz: Lys Assia will uns retten ...

  • Publiziert: 12.05.2007, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Dominik Hug

Es klingt wie ein Scherz: Nach der Schmach von Helsinki empfiehlt sich jetzt Lys Assia (83) allen Ernstes für eine Teilnahme am grössten Musikspektakel der Welt: dem Eurovision Song Contest 2008.

Sie hat das Unmögliche geschafft: 1956 gewann Lys Assia mit dem Lied «Refrain» den ersten Grand Prix d’Eurovision. «Warum sollte mir ein Sieg nicht noch einmal gelingen?»
Die Grande Dame der Schweizer Schlagerszene strotzt vor Selbstvertrauen. Vor drei Wochen qualifizierte sie sich für den internationalen Final des Grand Prix der Volksmusik von Ende August in Wien. «Jetzt würde ich mein Land auch gerne am nächsten Eurovision vertreten», sagt sie. «Schliesslich hat niemand in der Schweiz mehr Showbusiness-Erfahrung als ich!»

Die Idee kam ihr am Freitag in der TV-Show «Leben live». Lys Assia diskutierte mit Produzent Chris von Rohr (55) über das Bobo-Debakel in Helsinki. Die beiden verstanden sich so prächtig, dass sich Assia nun am liebsten mit einem Lied von Chris von Rohr bewerben will. «Er ist der erfolgreichste Rockmusiker der Schweiz und noch immer am Puls der Zeit.» Ihr schwebe eine Ballade im Stil von Frank Sinatra vor. «Der Eurosong ist immer noch ein Gesangswettbewerb, keine Fasnachtsparty.»

Von Rohr zeigt sich gerührt: «Als Rock-Gentleman alter Schule kann ich der Chanson-Mutter der Nation wohl nicht den Wunsch abschlagen, dass sie die Schweiz retten will», sagt er augenzwinkernd. Auch beim Schweizer Fernsehen (SF) stösst ihr Engagement auf offene Ohren: «Frau Assia soll uns ihren Beitrag schicken», so SF-Sprecher Marco Meroni (35). «Wir werden ihn wie alle anderen Einsendungen prüfen.»

«Ich kann den Frust nachvollziehen«

Das grösste Musikspektakel Europas verkommt immer mehr zu einer reinen Ostblock-Veranstaltung. Nun ziehe man eine Reglementsänderung in Betracht, verrät Björn Erichsen (58), Direktor von Eurovision TV.

Verstehen Sie die Enttäuschung der Schweizer über das Scheitern von DJ Bobo im Halbfinal?
Björn Erichsen: Sicher. Ich bin Däne. Und Dänemark kam auch nicht weiter. Ich kann den Frust also sehr wohl nachvollziehen. Das Resultat im Halbfinal war klar: Der Osten hat für die Bewerber aus dem Osten gestimmt. Aber auch viele Fans aus dem Westen haben den Sängern aus dem Osten ihre Stimmen gegeben.

In der Schweiz diskutiert man nun über einen Boykott des Wettbewerbs. Italien macht schon seit Jahren nicht mehr mit.
Jedes Jahr gibt es Verlierer, die einen Boykott in Betracht ziehen. Zugleich gibt es neue Länder, die mitmachen wollen. Ich rate den Schweizern, gute Verlierer zu sein. Aber es darf natürlich jedes Land selber entscheiden, ob es dabei sein will oder nicht.

Was unternehmen Sie gegen die Vormacht der Ostblock-Staaten?
Wir diskutieren über ein neues Reglement: Darüber, ob wir zwei Halbfinals einführen sollen. Einen für die Kandidaten aus dem Westen, den anderen für die Teilnehmer aus Osteuropa. Der Entscheid fällt diesen Sommer, umgesetzt würde er aber erst 2009. Ich wäre allerdings nicht glücklich über diese neue Regelung.

Warum nicht?
Weil ich gegen die Wiedereinführung des Eisernen Vorhangs bin. Europa muss vereint bleiben. Der Eurovision Song Contest ist die einzige gesamteuropäische TV-Show, die es gibt. Es sollte davon eher mehr als weniger geben.

Bemängelt wird auch die zunehmende Karnevalisierung des Wettbewerbs.
Der Eurovision ist ein TV-Spektakel. Die Fans sitzen vor dem Fernsehapparat, nicht vor dem Lautsprecher. Klar ist die Show wichtig.
play Dieses Bild sagt alles über den Gemütszustand von DJ Bobo nach der Schmack von Helsinki. (Foto: Keystone)

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