Comeback Das Whitney-Wunder

Ihr einzigartiges Talent verschleuderte sie mit Drogen, in einem Rosenkrieg und an einen prügelnden Ehemann. Jetzt taucht Whitney Houston wieder auf: mit neuem Selbstbewusstsein, neuem Image und neuem Album.

  • Publiziert: 21.08.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Ashana Amtsfeld

Durch Zufall verirrt sich niemand in die ausgestorbenen Strassen des abgeschiedenen Vororts Alpharette, nördlich von Atlanta (USA). Weit ausserhalb der Fünf-Millionen-Metropole geben grosse Anwesen, die sich hinter den eisernen Toren verbergen, ein Gefühl von teuer erkaufter Abgeschiedenheit. Zwischen den sattgrünen Hügeln liegt versteckt, eingesäumt von Pinien und Magnolienbäumen, der Country Club of the South. Ein Ort für Superreiche.

Auf der 365 Hektar grossen Anlage mit Badeanstalt, Tennisclub, 18-Loch-Golfplatz und einem eigens angelegten Park für Familien-Picknicks stehen 733 Fünfeinhalb-Millionen-Dollar-Häuser, die sich nur auf Empfehlung erwerben lassen. Und ohne Einladung darf auch niemand eine der drei Zufahrten zu dem Areal, das von Wachmännern und Schlagbäumen beschützt wird, passieren. Niemand, ausser der Polizei.

So geschah es am frühen Abend des 7. Dezember 2003. Da erhielt die zuständige Dienststelle den Notruf einer Frau, die von ihrem Ehemann bedroht wurde. Sein Name: Bobby Brown. Ihrer: Whitney Houston.

Als die Beamten eintrafen, war Brown verschwunden. Houston sagte den Cops, dass ihr Mann sie ins Gesicht geschlagen hätte und gedroht habe, dass er «ihr den Arsch versohlen» werde. Houstons Wange, so im Protokoll, war geschwollen und die Lippe aufgeplatzt. Whitney Houston war am Boden. Und so ziemlich niemand hätte einen Dollar gewettet, dass sie je wieder aufstehen würde.

Ausser vielleicht Clive Davis. Der Sony-Chef schwärmte unlängst in London bei der Präsentation ihres neusten Albums «I Look to You», das am 28. August erscheinen soll: «Sie ist eine Königin.»

Davis, der legendäre Plattenboss, hatte die damals 20-jährige Whitney 1983 entdeckt und unter Vertrag genommen. Zwei Jahre später erschien ihr Debüt-Album «Whitney Houston» und verkaufte sich rund 25 Millionen Mal. Von da an zählte sie zu den ganz Grossen im Musikbusiness. Bis heute hat sie 140 Millionen Schallplatten verkauft, bekam sechs Grammy Awards. Sie spielt in einer Liga, in der sich sonst nur noch Barbra Streisand, Madonna und Mariah Carey finden.

«Sie ist eine Legende, und ihre Stimme kann man in einem Atemzug mit Aretha Franklin oder Ella Fitzgerald nennen», jubelt Davis an jenem Abend im Londoner Mandarin Oriental Hotel, als er sie ankündigt. Doch zu diesem Zeitpunkt ist er noch immer allein mit seinem Glauben an den Superstar, der in den Achtzigerjahren den einzigartigen Rekord von sieben Nummer-eins-Hits in Folge aufstellte und zuletzt nur noch Schlagzeilen machte mit einer multimedialen Scheidungsschlacht mit US-Rapper Brown, dem Sorgerechtsstreit um die gemeinsame Tochter und exzessivem Drogenkonsum.

Anfangs, da führte der Weg von Whitney Houston, Jahrgang 1963, nur nach oben. Die Jüngste von drei Geschwistern wuchs bei ihrer Mutter Cissy Houston auf, eine Gospelsängerin, die grosses Ansehen mit ihrer Gruppe The Sweet Inspirations genoss und mit Elvis Presley, Aretha Franklin, Otis Redding und Jimi Hendrix auf der Bühne stand. Doch die grosse Solokarriere blieb für Mutter Houston aus. Dafür konzentrierte sie sich auf die Gesangsausbildung ihrer Tochter.

Schuld am tiefen Fall der Tochter, da ist sich die Mutter sicher, hat einzig und allein ihr Ex-Ehemann Bobby Brown. 1992 heiratete die Vorzeige-Sängerin den Ghetto-Rapper, diesen Albtraum von Schwiegersohn, der mit drei unehelichen Kindern von zwei Frauen schon damals regelmässig Schlagzeilen machte, weil er ständig mit der Polizei aneinandergeriet. Früh war von Problemen mit Alkohol und Drogen die Rede. Cissy Houston zeigte sich schon damals besorgt und sagte in einem Interview: «Seine Eifersucht macht mir Angst. Aber solange er meiner Tochter nicht wehtut, mische ich mich nicht in ihre Angelegenheiten ein.»

Fürs Erste scheint Whitneys Welt heil zu bleiben. Ihr Lied «I Will Always Love You» ist ein weiterer Riesenerfolg, sie spielt in «Bodyguard» an der Seite von Kevin Costner, 1993 wird Tochter Bobbi Kristina geboren. Bobby Brown aber, der einst geprahlt hatte, der nächste Elvis zu werden, macht Schlagzeilen mit Schlägereien und Abstürzen. Zuerst fährt er betrunken Whitneys Porsche gegen eine Wand, ein anderes Mal pinkelt er nach einer Verhaftung in einen Polizeiwagen.

Bis Ende der Neunzigerjahre verdichten sich die Gerüchte über seinen Drogenkonsum. Und auch Whitney habe ein Problem, heisst es plötzlich. Man mag es kaum glauben, sie, die Sauber-frau, die Gläubige, die unter Baptisten aufwuchs. Immer wieder erscheint sie zu ihren eigenen Konzerten zu spät oder gar nicht, redet wirres Zeug. Im Januar 2000 wird sie am internationalen Flughafen von Hawaii mit 15 Gramm Marihuana im Gepäck festgenommen. Dann streicht man kurzfristig ihren Auftritt bei der Oscar-Verleihung, weil sie bei den Proben nicht mehr wusste, was sie singen sollte. Sogar den Auftritt für den Präsidenten der Vereinigten Staaten sagt sie kurzfristig ab. Begründung: Halsschmerzen.

Im Jahr darauf erscheint sie bei einem Michael-Jackson-Konzert und schockiert ihre Fans: Eine bis auf die Knochen abgemagerte Whitney im schwarzen Minikleid zittert da über die Bühne, eindeutig nicht ganz bei Sinnen. Wenige Tage später verkünden die amerikanischen Radiostationen, sie sei tot. An einer Überdosis gestorben. Ihre Sprecherin dementiert eilig.

Gezwungen vom Druck der Öffentlichkeit, legte Whitney Houston schliesslich in der Sendung der Talkshow-Queen und Freundin Oprah Winfrey eine TV-Beichte ab. Auf die Frage, ob sie Alkohol, Marihuana, Kokain oder Pillen zu sich nehmen würde, antwortete sie nur: «Ich habe zeitweise alles auf einmal genommen.» Nur eben Crack nie. Das sei billig, dafür verdiene sie zu viel Geld. Ihr Drogenkonsum sei eine schlechte Angewohnheit, mehr auch nicht; abhängig sei sie höchstens von Sex. Das sollte ein Lacher sein. Naja. Und musikalisch läuft es auch nicht mehr so.

Auch Bobby Brown äussert sich zu den Vorwürfen. Er sei manisch-depressiv und rauche deswegen ab und an mal einen Joint, um seine Nerven zu beruhigen. Auf die Anschuldigungen, er schlage Whitney, antwortet er nur: «Nie würde ich meine Hand gegen sie erheben.» Worauf Whitney sagt, dass er sie nicht schlage, sondern sie ihn. «Vor Wut.» Sie räumt ein, er sei ein bisschen eifersüchtig auf ihren Status. Er streitet das ab: «Ich bewundere sie, wie andere Fans auch.» Trotz der Beschwichtigungen fühlen sich die anderen Anwohner des privaten Country Club of the South von dem Paar gestört. Täglich passiert ein grüner Jaguar mit einem Drogenkurier die Einfahrt des Anwesens.

Das ganze Ausmass der Drogensucht wird dann auch erst deutlich, als Whitneys Schwägerin private Fotos aus der Brown-Villa an eine Zeitung verkauft: Im Badezimmer verteilt liegen Mundstücke für Crackpfeifen, in der die Soul-Diva Gras zusammen mit Kokain rauchen soll. Weisse Pulverreste und andere Junkie-Utensilien lägen überall, sagt Bobby Browns Schwester in «US-Weekly».

Irgendwann war es genug, und als Bobby Brown mal wieder im Gefängnis sass, verliess Whitney Houston den Country Club of the South und begab sich zum Drogenentzug in eine Klinik. Im Fernsehen sagten Fans und Kollegen, wie erleichtert sie seien. Bei einem Auftritt kurz zuvor in Russland hatte Whitney auf der Bühne plötzlich erklärt, sie sei schwanger. Wieder einmal blieb der Sprecherin nur, dies umgehend zu dementieren. Es musste Schluss sein mit diesem Leben, Schluss mit den Bildern in den Zeitungen, die Whitney im freien Fall zeigten, ausgemergelt und schweissgebadet. Schluss mit der Frage, ob es nicht Zeit sei, dass sich die Fürsorge ihrer Tochter annimmt.

«Ich habe mir die Zeit genommen mein Leben zu ordnen», sagt Whitney heute. Und wie sie da im Londoner Mandarin Oriental Hotel auf die Bühne kommt, wohlgenährt, im knielangen, eleganten Cocktailkleid und nervös, ein wenig ängstlich vielleicht, aber doch ganz professionell dem ausgewählten Publikum das neue Album präsentiert, zweifelt keiner mehr: Whitney Houston ist zurück. Sie hat es geschafft.

Das Haus im Country Club of the South hat sie übrigens verkauft, mit grossem Verlust. Wenn das der Preis war, den sie zahlen musste, um sich vom ihrem alten Leben zu trennen, dann war er lächerlich klein.

I Look To You

Whitney Houston, Sony BMG

Das neue Album erscheint am 28. August.