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«Schönes Fräulein, Lust auf mehr?» Mit diesem Text und dem Video (unten) dazu schocken Rammstein. Die Männer der «Neuen Deutschen Härte» um Sänger Till Lindemann kennen kein Tabu und witzeln selbst über Inzestvater Fritzl. Christoph Schneider (l.) schlägt seit der Gründung von Rammstein (1994) die Trommel. (Keystone)
SonntagsBlick Magazin: Es heisst, ihr hattet Zweifel, ob ihr euer neues Album jemals fertigkriegen würdet.
Christoph Schneider: Wir sind das zuerst einfach zu locker angegangen. Wir wollten keinen Druck. Also haben wir geprobt, Ideen gesammelt, dann mal wieder Urlaub gemacht. Dabei ist die Energie verlorengegangen. Bis wir gemerkt haben, dass wir nicht Ideen ohne Ende brauchen, sondern mal ein paar Songs fertigmachen müssen. Man kann zwar rumprobieren, aber irgendwann fängt das an zu nerven: Wenn man immer mit denselben Leuten in dieser Blase steckt, aber dabei nichts zu Ende kriegt, weil wieder einer was anderes will.
Dass Sound und Texte auf dem neuen Album schlichter, direkter wirken – war das eine Reaktion auf diese Schwierigkeiten?
Es war ohnehin unser Ziel, das Album etwas härter klingen zu lassen. Nicht so orchestral und episch, wie das auf den letzten Platten war. Wieder mehr auf den Punkt zu kommen.
Wie bei eurer knalligen Sex-Single «Pussy», wo es heisst: «Steck Bratwurst in dein Sauerkraut»?
So eine Seite haben wir auch, eine etwas lustige, banale. Es ist nicht für alle Bandmitglieder einfach, plötzlich so ein Lied zu machen. Aber wenn man das ins richtige Kleid steckt, kann es schon wieder cool sein. Und dann den lustigen Porno-Videoclip dazu …
Ihr widmet euch aber auch ernsteren Themen. «Mehr» spiesst menschliche Gier auf. Und in «Wiener Blut» wagt ihr euch an den perversen Inzestvater Josef Fritzl.
Klar, das ist natürlich eine Geschichte für uns. So was ist ja oft unser Thema, auf allen Alben. Das ist für Till (Sänger und Texter; die Red.) eine ganz leichte Übung, glaube ich.
Du sagst, ihr seid quasi «zuständig» für so etwas. Steckt ihr euch damit nicht in eine Schublade?
Man ist, was man ist. Das merkst du nach so vielen Jahren in einer Band. Man kann sich nicht komplett neu erfinden. Die Band besteht ja immer aus denselben Menschen, die eben etwas Bestimmtes gut können. Und wenn es viele Leute gibt, die genau das gut finden – dann hat man irgendwo eine Berechtigung, es auch zu machen.
Mit «Mein Teil» habt ihr auch schon mal den Fall eines kannibalischen Triebtäters verwurstet. Was ist der Reiz an derlei Abartigkeiten?
Warum sind solche Dinge auf den Titelseiten der Zeitungen? Da geht es ja los. Viele Menschen haben ein Interesse an Skandalstorys. Unsere Medien sind ja meistens voll von schlechten, krassen Nachrichten. Und wir sind Teil dieser Welt. Till singt viel über diese extremen Arten von Beziehungen. Er macht das irgendwie gut: Man muss ein bisschen darüber schmunzeln, aber eigentlich ist es auch total gruselig. Das hat eben immer zwei Seiten bei uns.
Lange wurdet ihr als gefährliche Provokateure hingestellt. Seid ihr von der Öffentlichkeit manchmal zu ernst genommen worden?
Wir sind keine Witz-Band. Aber wenn man wie wir extreme Themen musikalisch verarbeitet, bringt das einen gewissen unverhohlenen Witz mit sich. Es ist gut, wenn man merkt, dass wir das nicht zu ernst nehmen. Es geht uns nicht um eine persönliche Identifikation. Keiner ist am Ende so wie das, was da gesungen wird.
Inwiefern ist eure Lust an der Provokation durch eure DDR-Herkunft beeinflusst?
Die rührt sicher aus der Zeit der 80er-Jahre, als wir in der DDR als Underground-Musiker anfingen. Da war man gegen das System. Dieses provokative Dagegensein hat uns gefallen. Etwas zu tun, was aneckt. Das war unser Ding und das haben wir später mit Rammstein auf Gesamtdeutschland zu übertragen versucht. Das ist uns ja auch gelungen (lacht). Plötzlich galten wir als «rechte» Band. Für manche klangen wir wohl zu deutsch.
Wie seid ihr damit umgegangen?
Die Band wurde schneller gross als wir. Wir mussten hinterherwachsen und uns mit unserer Wirkung auseinandersetzen. Antworten finden auf die Fragen, die man uns stellte. Dieses Sich-Erklären hat aber auch genervt: als Musiker immer über Politik und Ideologie reden zu müssen. Heute kennt Rammstein jeder und weiss: Die machen so ein bisschen was Härteres, Extremeres, sind aber ganz nett. Das hat sich normalisiert.
Ein Erfolgsfaktor von Rammstein ist die energiegeladene, pyromanische Bühnenshow, bei der sich euer Sänger selbst in Brand setzt. Ihr werdet auch älter. Wird das nicht irgendwann schwierig?
Till verausgabt sich da wirklich total: Abend für Abend so eine Show zu machen und auch noch zu singen! So wie wir das bisher machen, kann man es wahrscheinlich nicht ewig durchziehen. Aber auf dem Barhocker sitzend, mit der Klampfe in der Hand – so werden wir bestimmt nicht enden.
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Heiss: Ausschnitt aus dem Videoclip «Pussy».