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Anastacia: I can feel you
BLICK: Anastacia, Sie haben die Fans ja lange warten lassen auf das neue Album!
ANASTACIA: Ich bin happy, dass es jetzt kommt – und die CD ist ja auch happy!
Stimmt. Was ist passiert?
(Lacht) Für mich ist das selbst ein Schock, das zu hören!
Warum das denn?
Es ist lustig, aber ich denke, vor etwa eineinhalb Jahren sagte jemand zu mir: Ich kann dein neues Album gar nicht erwarten, das muss ja total happy klingen. Und ich sagte: «Wirklich? Bist du sicher?» Mir selbst war gar nicht bewusst, wie sehr ich mich verändert hatte. Jetzt, wo ich das dritte und mein neues Album vergleichen kann, merke ich erst, wie sehr meine Brustkrebs-Erkrankung die dritte CD beeinflusst hatte. Als ich dann das neue Album aufnahm, merkte ich schon: «Whoa, was passiert da?» Ich schreibe die Songs immer erst, wenns ans Aufnehmen geht – und das Glück sprudelte nur so raus.
Sie haben sich ja von Ihrer «Sprock»-Musik verabschiedet, also der Mischung aus Pop, Rock und Soul. Die neue Scheibe klingt elektronischer, hat einen Disco-Vibe.
Sie enthält all die Musik, die mir im Leben wichtig war. Ausserdem hab ich die Songs zum ersten Mal nicht in einer Art Notfallzustand schreiben müssen – sei es nun wegen einer privaten Krise oder Krankheit. Ich hatte nichts, worüber ich die Fäuste auf den Tisch hauen könnte, im Stil von: «Yeah, das ist es, was ich sagen will!»
Hatten Sie Mühe mit dieser Situation? Manchen Künstlern kann dieser Druck für ihre Arbeit auch entgegenkommen.
Nein, eigentlich nicht. Weil Songwriting für mich letztlich etwas Natürliches und kein allzu analytischer Prozess ist. Aber ich bin auch nicht der Typ, der mitten in der Nacht aufsteht und Songs aufschreibt – ich schreibe sie, wenn ich ein Album mache. Nur dann. Und genau so viele, wie die Plattenfirma braucht. Manchmal muss man sich anstrengen, um noch einen Zusatz-Song rauszuwürgen (lacht). So bin ich nun mal – nicht die tragische Künstlerin, aus der die Songs fliessen. Ich fühle mich auch nicht als tragische Figur.
Obwohl Sie einige Tragödien erleben mussten.
Wenn es Tragödien gibt, bin ich normalerweise die Allerbeste im Überstehen derselben. Ich geh da durch und sehe so aus, als sei alles in Ordnung. Natürlich kann auch ich zusammenbrechen, aber erst, nachdem ich meine Sachen erledigt habe. Manchmal sehe ich mich als dieses Survivor-Chick, das alle verrückten Zeiten überlebt (lacht). Mit einem Lächeln im Gesicht.
Es gibt ja durchaus Grund zum Lächeln. Die Krankheit ist besiegt, Sie haben letztes Jahr geheiratet...
Ja klar, das ist alles wunderbar! Aber die Tatsache, dass ich verliebt bin, dass ich ausgeruht und gesund bin, muss ja eigentlich nicht dazu führen, dass ich ein glückliches Album schreibe. Und dann war ich total glücklich, weil ich merkte: Hey, ich will das wirklich! Ich will, dass alles neu ist, alles neu aussieht, alles neu klingt!
Drücken Sie das auch mit dem Titel «Heavy Rotation» aus?
Dieser Song ist mein «High-Five» an die DJs der Welt. Die haben mir meine Karriere ermöglicht, indem sie meine Platten auflegen. Aber es stimmt: «Heavy Rotation» hat für mich auch eine spirituelle Komponente. Auf meinem letzten Album gab’s ja den Song «Heavy On My Heart», und jetzt ist das quasi das Gegenstück, nicht ohne Ironie, das Wort «Heavy» wieder zu verwenden, aber in einer Zeit, die alles andere als «heavy» ist für mich.
Apropos DJs, seien es nun Radio- oder Club-DJs: In Europa, Australien, Südamerika, Asien und Südafrika sind sie ein Megastar. Nur in den USA nicht so sehr. Schmerzt Sie das manchmal?
Ach, nein, nicht wirklich. Als ich Ende der 90er-Jahre einen Vertrag bei Sony erhielt, da fand ich das eh zu schön um wahr zu sein (lacht). Ich werde zwar keine Platten verkaufen, aber immerhin habe ich einen Deal. Und als ich dann doch Platten verkaufte, dachte ich, hmmm, einen zweiten Deal werden die ja kaum mit mir machen. Wissen Sie, ich brauchte so lange, um das zu erreichen, dass ich manchmal auch von starken Zweifeln geplagt werde, und nur darauf warte, dass die mich fallenlassen (lacht). Zu den USA: Man könnte da viele Gründe nennen, warum ich da nicht ganz so berühmt bin. Beim ersten Album gabs die Probleme mit der Promotion des Albums, beim zweiten Album wurde «One Day Of Your Life» zur ersten Single gemacht – übrigens gegen meinen Wunsch – und das war wohl nicht die richtige Entscheidung. Es ist manchmal schon seltsam: Man verkauft unglaublich viel Exemplare einer CD, aber das passiert ja nur im «Rest der Welt». Die Amerikaner leben auf ihrem eigenen Planeten, und ich darf das sagen, weil ich Amerikanerin bin (lacht). Dabei haben nur ca. fünf Prozent der Amerikaner einen Reisepass, das ist einfach ein bisschen peinlich (lacht).
Sie tun – neben Ihrem Leben als Musikerin – auch sehr viel Gutes. Etwa im Kampf gegen Brustkrebs. Was sind Ihre aktuellen Projekte?
Im Moment bin ich nur mit dem Album beschäftigt. Ich weiss, dass dieser Monat eigentlich der internationale Brustkrebs-Monat ist – aber ich muss jetzt einfach schauen, dass das mit der CD gut kommt. Ich bin ehrlich gesagt auch nicht unglücklich, dass es im Moment mal nicht um meine Brüste geht, sondern darum, was ich im Leben eigentlich mache (lacht). Danach werde ich mich sicher wieder für gemeinnützige Dinge einsetzen, ich mache da ja verschiedenes. Ich hatte kürzlich auch ein kleines Herzproblem, und da werde ich auch etwas tun dafür. Auch für missbrauchte Kinder möchte ich etwas tun – ach, es gibt eigentlich viel zu viel, wofür man sich einsetzen möchte!
Sie haben vorhin mal das Wort «spirituell» gebraucht. Ihre Hochzeit in Mexiko wurde von einem Schamanen durchgeführt. Das Spirituelle ist wohl sehr wichtig in Ihrem Leben.
Definitiv. Letztlich ist es so, dass ich das Glück nirgendwo finden kann, wenn ich es nicht in mir drin habe, und wenn ich keine geistige Verbindung zu den Sachen aufbauen kann, die ich tue. Die meisten Menschen funktionieren nur vom Hals aufwärts, tun alles mit dem Kopf, sie machen keinen Gebrauch vom Rest ihres Körpers. Ich bin dieselbe Person zu Hause wie bei der Arbeit: Ich singe die Songs, die ich liebe, und tue alles. Natürlich habe ich auch Freunde, die das nicht können, ich möchte das nicht verurteilen. Manche Menschen müssen eine gewisse Verkleidung aufsetzen, um durchs Leben zu kommen. Gewisse Menschen spielen sich selbst – und manche spielen Charaktere.
Haben Sie deshalb irgendwann auch reinen Tisch gemacht und Ihr wahres Alter zugegeben – 40 Jahre statt 35?
Ich bekam die Chance durch den Wechsel des Labels. Es hat mich lange geplagt, darüber zu lügen. Anfangs überhaupt nicht, da fand ich das gar keine Lüge, sondern noch ganz neckisch, witzig «oh, ich bin 24, ich werde gar nicht 30, hihi». Aber irgendwann wurde das total unangenehm für jemanden wie mich: Es war bei Interviews, oder in Gesprächen mit Leuten immer wie eine dunkle Wolke über mir. Ich musste immer an Dinge denken wie: «Okay, wenn ich jetzt so alt bin – wie alt ist dann meine Schwester?» Aber ich möchte nicht mein altes Label beschuldigen – es war auch meine Entscheidung.
Ich nehme an, die Fans haben Ihnen das nicht übel genommen?
Nein. Aber jeder sollte dazu denken dürfen, was er will. Ich wollte nicht mehr hinter einer Maske leben – es fühlte sich extrem befreiend an, endlich mein wirkliches Alter zu erzählen.
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Anastacia – nach dem Brustkrebs mit neuer Energie (Universalmusic)