Interview Liebesgrüsse aus der Ukraine

Sie wurde in der Moskauer U-Bahn entdeckt – und stach dem Schweizer Regisseur Marc Forster ins Auge: Olga Kurylenko verdreht im teuersten Bond-Film aller Zeiten Daniel Craig den Kopf. Und ist würdige Nachfolgerin von Ursula Andress, Kim Basinger und Halle Berry.

  • Publiziert: 23.08.2008, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Christian Aust

Was wäre Agent 007 ohne sein Bondgirl? – Ein langweiliger Macho. Denn mindestens so wichtig wie ein veritabler Schurke und exotische Schauplätze sind die Frauen in James Bonds gefährlichen Abenteuern. Schillernde Persönlichkeiten, zwischen Intelligenz, Schönheit und Sexappeal changierend, verlockend und doch immer latent gefährlich.

Über all diesen Zutaten verfügt die Ukrainerin Olga Kurylenko reichlich. Sie übernimmt im neuen Bond «Quantum of Solace» («Ein Quantum Trost») den Job von Vorgängerin Eva Green, die in «Casino Royale» wie jede Frau, für die sich der Geheimagent jemals ernsthaft interessierte, sterben musste.

Sogar ihre Biografie liesst sich, wie die einer Figur aus Ian Flemings Büchern. In der ukrainischen Kleinstadt Berdyansk geboren, wird sie bei einem Ausflug nach Moskau von einem Castingagenten angesprochen und macht als Model in Paris Karriere, bevor man ihr Talent für den Film entdeckt.

Olga Kurylenko erscheint pünktlich um 11 Uhr zum Interviewtermin. Gelbe Bluse, schwarze Hose, schwarze Highheels, um den Hals eine Silberkette mit auffallend grossem, schwarzen Stein. «Ich habe keine Ahnung, was für ein Stein das ist und es ist mir auch egal», lacht sie. «Ich fand sie einfach wunderschön und habe sie bei den Dreharbeiten in Chile einem Mann abgekauft, der sie an der Strasse anbot.»

SonntagsBlick Magazin: James Bond ist das Idol vieler Männer und Prototyp eines Machos. Mögen Sie diese Art Männer?
Olga Kurylenko:
Wenn ich ehrlich bin, mag ich lieber sensible Männer, die träumen, Gedichte schreiben und sich nicht für Autos interessieren ... (lacht). Aber, ich muss aufpassen, was ich sage. Vielleicht verliebe ich mich morgen in den absoluten Obermacho. Und dann zitiert man mich. Ich bin offen für alles. Und glücklicherweise ändere ich meine Meinung auch. Bei Männern weiss man manchmal nicht, woran man ist. Das Äussere kann täuschen. Und hinter einem harten Kerl verbirgt sich vielleicht ein sanfter Poet und Künstler.

Und dann gibt es noch die Macho-Poeten.
Genau. Das ist eine meiner Regeln: Beurteile niemanden nach seinem Äusseren, schau erst mal hinter die Fassade. Doch ich stehe definitiv nicht auf Machos. Ich meine diese Charakter-Machos.

Sieht Daniel Craig gut aus?
Ich finde, er sieht toll aus. Er ist ein sehr schöner Mann und ich wette, jede Menge Frauen sind ganz verrückt nach ihm. Aber Aussehen ist eben nur eine Sache. Das ist ein erster Eindruck und oberflächlicher Quatsch. Ich würde mich nie in einen Mann verlieben, nur weil er gut aussieht. Wenn ein Mann mein Innerstes berührt, ist es mir ganz egal, wie er aussieht.

Sie glauben also nicht an Liebe auf den ersten Blick?
Nein. Es ist mir jedenfalls noch nie passiert. Interessant, dass Sie das mit ein paar Fragen herausgefunden haben. Wie soll das auch funktionieren, wenn man noch kein Wort miteinander gesprochen hat? Ich brauche Wochen, nein, Monate, um mich zu verlieben. Die Männer, für die ich etwas gefühlt habe, kannte ich alle schon eine Weile.

Trotzdem haben Sie mit zwanzig Jahren geheiratet.
Und war nach dreieinhalb Jahren wieder geschieden ... (lacht). Dabei fühlte es sich erst ganz natürlich an. Und ich war auch fast überzeugt, den Mann für den Rest des Lebens gefunden zu haben. Er hat schon darüber nachgedacht, auf welche Schule unsere Kinder einmal gehen. Aber ich war noch nicht reif für Kinder. Wissen Sie, das Problem war, dass ich eigentlich nie heiraten wollte. Nur damals war es mir noch nicht so klar. Die Ehe ist einfach nicht meine Sache. Alle meine Klassenkameradinnen träumten von Hochzeit und Kindern. Ich nicht. Und heute weiss ich: Ich brauche keine Familie. Und wenn ich einmal alleine bin, dann ist es eben so. Wissen Sie, warum ich geheiratet habe? – Weil er mich gefragt hat.

Und Sie konnten nicht Nein sagen?
Ich habe ihn geliebt. Und wenn du jemanden liebst, willst du ihn nicht verletzen. Ich dachte, wenn es ihm so wichtig ist, dann ist das mein Geschenk für ihn. Mir ist das egal. Für mich zählt die Liebe. Und die kann man nicht mit einer Hochzeit konservieren. Ich bin mir ziemlich sicher: Ich werde nie wieder heiraten. Und meinem nächsten Freund werde ich das erklären müssen. Hochzeit und Liebe sind zwei verschiedene Dinge.

Gibt es einen Mann in Ihrem Leben?
Nein, nicht wirklich. Ich habe das Gefühl, für Männer habe ich gar keine Zeit mehr. Es gibt Menschen, die nicht allein sein können. Aber so bin ich nicht. Ich komme auch ganz gut so zurecht. Machen sie sich keine Sorgen um mich ... (lächelt). Es geht mir gut.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie Bondgirl sind?
Es wird eine Menge Unsinn über mich geschrieben und manche Dinge regen mich fürchterlich auf. Im Internet steht, ich sei in einer Art Kommune aufgewachsen, mit sechs anderen Erwachsenen. Meine Grossmutter habe mich aufgezogen. Es ist wahr, ich komme aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Wir hatten eine sehr kleine Wohnung, in der zeitweilig auch andere Verwandte wohnten. Aber ich bin dort von meiner Mutter und meiner Grossmutter erzogen worden, nachdem mein Vater sich verabschiedet hatte. Meine Mutter ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Und alles, was ich erreicht habe, verdanke ich ihr. Können Sie das bitte schreiben? Es ist mir sehr wichtig.

Gerne. Was haben Sie sonst noch Interessantes über sich gelesen?
Ich bin ja froh, dass mich endlich mal ein Journalist wie Sie selbst fragt, statt alles irgendwo abzuschreiben. Wenn Sie wüssten, mit wem ich schon alles ausgegangen bin und Affären hatte. Mit den meisten dieser Männer war ich noch nicht mal in einem Raum. Ich kenne sie gar nicht. Einige Namen meiner Lover musste ich im Internet recherchieren. Ich wollte ja wenigstens mal sehen, wie mein neuer Freund aussieht ... (lacht). Meistens dichtet man mir etwas mit Schauspielern an. Aber ich versichere Ihnen: Ich hatte noch nie etwas mit einem Kollegen. Und ich bin auch nicht an Regisseuren interessiert. Ich bewege mich nicht in dieser Clique. Und meine Freunde suche ich mir nicht danach aus, ob sie einen illustren Beruf haben. Wenn ich jemanden mag, kann er auch im Supermarkt jobben. Das ist mir egal.

Hat Ihre Kindheit in der Ukraine Sie bescheiden gemacht?
Auf jeden Fall. Wir hatten kein Geld. Und ja, es war hart. Manchmal gab es tagelang nur Kartoffeln und Brot. Ich musste jeden Tag denselben Pullover tragen. Meine Puppen habe ich mir aus Papier ausgeschnitten und bemalt. Wir hatten nichts, aber ich fühlte mich geliebt. Das vergesse ich natürlich nicht. Und deswegen kann ich den ganzen Rummel um meine Person auch nicht ernst nehmen. Ich bin ein sehr realistischer Mensch und ich mache mir nichts vor. Ich gehe nicht mit einer rosaroten Brille durchs Leben. Generell ertrage ich lieber die bittere Wahrheit als eine schöne Lüge. Manche Menschen verschliessen die Augen vor der Realität. Ich will das Leben so sehen, wie es ist.

Wovon haben Sie als Kind geträumt?
Ich wollte Ärztin werden, wie meine Grossmutter. Wir hatten all diese medizinischen Bücher zu Hause und das war meine Lektüre. Ich liebte es, über Krankheiten zu lesen! Und dann diese schrecklichen Bilder von offenen Beinen mit Würmern drin und dergleichen. Faszinierend. Da war ich acht Jahre alt und meine Mutter machte sich schon ernsthafte Sorgen: Was ist mit dem Kind nicht in Ordnung? Später habe ich dann die Psychologie entdeckt und wollte Psychiaterin werden. Mich fasziniert der menschliche Körper und seine Psyche. Warum wird ein Mensch wahnsinnig? Unglaublich spannend!

Doch dann entdeckte Sie ein Agent in der Moskauer U-Bahn. Konnten Sie verstehen, was er an Ihnen schön fand?
Nein. Obwohl ich mich auch nicht hässlich fand. Ich sah eben aus wie ein ganz normales Mädchen. Aber als ich mich auf den ersten Bildern sah, dachte ich immer: Warum sehe ich auf jedem Foto so schrecklich aus? Alle anderen sind so hübsch. Was stimmt nicht mit mir? Ich konnte gar nicht begreifen, warum mich irgendjemand fotografieren wollte. Und dann kam mein erstes Fotoshooting. Ein Visagist schminkte mich, aber es gab keinen Spiegel, in dem ich mich dabei sehen konnte. Als ich dann ins Studio kam und mein Spiegelbild sah, war ich geschockt und überwältigt. So hatte ich mich noch nie gesehen. Ich war vierzehn Jahre alt und hatte noch nie Make-up benutzt. Und auf einmal sah ich aus, wie ein Gemälde. Das gefiel mir gut.

Von Moskau ging es dann im Eiltempo auf die Laufstege in Paris. Wie haben Sie diesen Quantensprung bewältigt?
Das war wie ein Traum. Wirklich. Monatelang dachte ich, ich sei die Heldin eines Romans. Ich konnte es gar nicht fassen, so etwas zu erleben. Es hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt und in den Grundfesten verändert. Kam Ihnen Ihr Leben schon einmal so unglaublich vor, dass Ihnen schwindlig wurde? So ging es mir. Ich war wie betrunken von dieser neuen, zunächst sehr unwirklichen Realität.

Es gibt viele Menschen, die Models für schön, aber nicht besonders clever halten. Wollen Sie das Gegenteil beweisen?
Da ist so ein dämliches Klischee. Der durchschnittliche Intelligenzquotient ist bei Models nicht grossartig anders als bei anderen Berufsgruppen. Es gibt dämliche und clevere. Schöne Frauen können genauso emanzipiert und selbständig sein wie Frauen mit einer weniger klassischen Physiognomie.

Sind Nacktszenen ein notwendiges Übel?
Das ist wohl die richtige Bezeichnung. Aber auch zu diesem Thema sind einige skurrile Zitate von mir im Umlauf. Neulich las ich irgendwo die Überschrift: Ich liebe es, vor der Kamera nackt zu sein. Unsinn. Also, ich habe kein Problem damit. Aber das heisst nicht, dass ich es liebe. Eine weitere Schlagzeile war: Olga verspricht für Bond zu strippen. Muss ich dazu noch etwas sagen? Glauben Sie, ich würde so etwas sagen?

Schwer vorzustellen. Bereuen Sie diese Szenen heute?
Nein, eigentlich nicht. Ich habe mich ausgezogen, weil es so im Drehbuch stand und meiner Ansicht nach auch einen gewissen Sinn ergab. Man versprach mir, es würde sehr geschmackvoll in Szene gesetzt (lacht). Ich finde, es sieht auch tatsächlich ganz ordentlich aus. Bei mir sieht man ja nicht einmal richtigen Sex in Aktion. Aber, wissen sie was? Ich glaube, ich werde mich vor der Kamera in Zukunft nicht mehr ausziehen. Es reicht. Ich gehe ja noch nicht einmal an den FKK-Strand. Denn eigentlich bin ich sehr schüchtern. Aber komischerweise fallen mir die Nacktszenen nicht so schwer. Nicht ich bin es, die sich da auszieht. Es ist die Frau, die ich spiele.

Wohin flüchten Sie, wenn Ihnen hier alles zu viel wird?
Früher bin ich immer in die Ukraine zu meiner Mutter gefahren. Da habe ich meine Batterien aufgeladen. Sie lebt immer noch in dieser kleinen Stadt. Und am Wochenende haben wir auf dem Markt zusammen Kartoffeln, Kohl und Tomaten gekauft. Doch ich fürchte, nach Bond wird das jetzt nicht mehr möglich sein, weil mich dort jeder erkennt. Sie haben mein Bild überall in den Lokalzeitungen gedruckt. Da kann ich mich nicht mehr verstecken. Ansonsten bin ich nicht so der Typ für Ferien. Am besten entspanne ich mich beim Schreiben.

Was schreiben Sie?
Ich schreibe meine Gedanken auf. Ich erlebe so viel, ich habe Angst, etwas zu vergessen. Wenn ich siebzig Jahre alt bin, werde ich einen grossen Roman schreiben. Ich interessiere mich auch für Drehbücher. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Und ich lese wahnsinnig gern Biografien. Denn ich finde die Realität viel spannender als Fiktion. Sie beweist, das alles möglich ist im Leben. Und das treibt mich an.

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