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Schein und sein Vor allem von Psychothrillern aus den 50er-Jahren hat sich Martin Scorsese inspirieren lassen, als er mit Leonardo DiCaprio und Ben Kingsley «Shutter Island» drehte. (Paramount Pictures)
Die Fähre schwankt auf den Wellen. So sehr, dass US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) sich auf der Bordtoilette übergeben muss. Doch all das ist noch gar nichts gegen das heftige Schwanken zwischen Wahn und Wirklichkeit, das ihn auf jener unheilvollen Insel erwartet, der er mit bleichem Gesicht entgegenfährt.
Düster ist die Atmosphäre in Martin Scorseses Thriller «Shutter Island», der 1954 spielt, genauer gesagt: so richtig «noir», wie in den geliebten Filmen seiner Kindheit in den Vierziger- und Fünfzigerjahren. Bedrohlich wie die Sturmwolken am Himmel dräut auch die Musik; leise klimpert Scorsese später nebenbei auf der Klaviatur der Schrecken jener Jahre: Weltkrieg, Vernichtungslager, Atombombe, Kommunistenangst.
Doch zunächst geht es für Teddy und seinen neuen Kollegen Chuck (Mark Ruffalo) auf der felsigen Insel vor der amerikanischen Ostküste um einen so schlichten wie mysteriösen Fall: Dort befindet sich eine Hochsicherheits-Irrenanstalt für besonders gewalttätige Patienten. Eine Insassin, die einst ihre drei Kinder tötete, ist spurlos aus ihrer fest verschlossenen Zelle verschwunden.
Aber ausser dass die Flüchtige die Kindsmorde stets verdrängt hat und so tat, als würde sie weiter in ihrem Alltag leben, erfahren die beiden Cops zunächst nicht viel. Der medizinische Direktor, Dr. Cawley (Ben Kingsley), bleibt trotz seines liberalen Charmes genauso undurchschaubar wie sein zwielichtiger deutscher Kollege Dr. Naehring (Max von Sydow). Den wiederum beschuldigt der erstaunlich schnell die Contenance verlierende Kriegsveteran Teddy schon bei der ersten Begegnung als ehemaligen Nazi-Arzt.
Ehe der entnervte Teddy abreisen kann, schneidet ein heraufziehender Hurrikan die Verbindung zum Festland ab. Ein Sturm tobt bald auch in Teddys migränegeplagtem Kopf. Doppelt traumatisiert, wird er verfolgt von Erinnerungen und Visionen: Immer wieder erscheinen ihm die Bilder der überfrorenen Leichenhaufen, die er als Soldat bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau erblickte.
Zudem wittert Teddy eine Verschwörung rund um die Anstalt und ihr Personal. Er stöbert nach Beweisen für fragwürdige Experimente mit Hirnoperationen und Drogenbehandlungen. Doch er muss fürchten, selbst von den Ärzten mit ihren Substanzen aus dem Tritt gebracht und für einweisungsreif erklärt zu werden.
Bei der schön-schauerlichen Jagd nach Spuren – zwischen Inselfriedhof, hohen Klippen und einem geheimnisvollen Leuchtturm – stösst man immer wieder auf die deutlichen Fussabdrücke, die Alfred Hitchcock im Matsch des regenumtosten Eilandes hinterlassen hat. Beim grössten Meister der spannungsgeladenen Inszenierung hätte Martin Scorsese sich aber auch die Weisheit abgucken sollen, dass Reduktion oft für den besten Thrill sorgt.
So spielt Scorsese zwar kraftstrotzend und mit spürbarer Begeisterung mit den Elementen des Genres, überfrachtet seinen Film aber damit, bis er so voll ist wie Teddys Kopf. Trotzdem bleibt das bis zur überraschenden letzten Wendung immer sehenswert: Weil alles so methodisch-kunstvoll in Szene gesetzt ist, gefüllt mit Verweisen auf die Kinohistorie und samt einem ganz leichten Nachbeben der seelisch beschädigten Männerfiguren aus Scorseses abgründigster Phase zwischen dem «Taxi Driver» und dem «Raging Bull».
Damals war Robert De Niro das kongeniale Alter Ego des wild lebenden und filmenden Seelenerkunders Scorsese. Und heute ist Leonardo DiCaprio das von Film zu Film feiner justierte Werkzeug des gereiften Handwerkers und Filmgeschichts-Analytikers Scorsese. «Shutter Island» ist bereits ihr viertes gemeinsames Werk. Souverän steuern der Kapitän und sein Matrose ihr Schiff erneut in den Hafen des Qualitätskinos. Nur die Wellen, die wirklich noch mal alles ins Schwanken bringen, die fehlen.
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«Shutter Island» Von Martin Scorsese (2. v. r.), mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley (l.), Mark Ruffalo. Ab 4. März im Kino. (Paramount Pictures)