Polanskis Schweizer Anwalt «Er ist müde und schockiert»

  • Publiziert: 28.09.2009, Aktualisiert: 20.01.2012

Star-Regisseur Polanski in Zürich verhaftet! Die Schweizer wollen ihn in die USA ausliefern, wegen einer Straftat, die 32 Jahre zurückliegt. BLICK sprach mit Polanskis Anwalt.

Es war gegen 22 Uhr am Samstag, als der bekannte Zürcher Strafverteidiger Lorenz Erni am Telefon erfuhr, dass ein am Flughafen Kloten Verhafteter seine anwaltliche Hilfe brauche.

Der Mann, der inzwischen ins Flughafen-Gefängnis gebracht worden war, ist Roman Polanski (76), einer der erfolgreichsten Regisseure der Welt («Rosemaries Baby», «Tanz der Vampire», «Frantic»). Ein Genie und Exzentriker, ein Freund der Schweiz, der ein Chalet in Gstaad besitzt und jedes Jahr mehrere Monate dort verbringt.

Gleich nach seiner Landung aus Wien kommend, war Polanski mit Karl Spörri, Leiter des «Zurich Film Festival», im Kaufleuten zum Nachtessen verabredet. Sonntag früh war ein Workshop mit «Master Class»-Studenten vorgesehen und am Abend der rote Teppich am Corso. Und als Höhepunkt der Ehrenpreis für sein Lebenswerk.

Der Ehrengast – am Flughafen wird er von der Kapo Zürich wie ein Verbrecher empfangen! Grund: ein US-Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen im Jahr 1977.

Warum jetzt die Verhaftung?

Nach BLICK-Recherchen ging am Mittwoch, 23. September, in Bern das Gesuch des US-Justizministeriums ein, Polanski zu verhaften. Zuvor hat schon ein kantonales Polizei-Korps die Bundesbehörden auf den Polanski-Auftritt aufmerksam gemacht, wie Michael Leupold, Direktor Bundesamt für Justiz (BJ), BLICK bestätigte. Welches, wollte er nicht sagen, «aber es war nicht Zürich.

Spätestens seit letztem Donnerstag wusste Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf Bescheid. Offensichtlich wurde der Haftbefehl streng vertraulich behandelt – um den Verhaftungs-Erfolg nicht zu gefährden. Und zwar so vertraulich, dass gestern die Medienabteilungen erst nach Bern getrommelt werden mussten, als Journalisten aus der ganzen Welt Näheres wissen wollten. BLICK erfuhr, dass die zuständigen Stäbe noch am Freitagabend von einem «ganz normalen Abstimmungssonntag» ausgingen.

Tatsächlich schöpften weder die Organisatoren noch Polanski selbst irgendeinen Verdacht. Erst als das Empfangs-Komitee des Film-Festivals am Flughafen vergeblich auf den Weltstar wartete, wurde schlagartig klar, dass Polanski in eine Falle gelaufen war.

Schweizer Anwalt besuchte Polanski noch in der Nacht

Anwalt Erni traf Polanski noch in der Nacht hinter Gittern. Erni zu BLICK: «Herr Polanski war sehr müde. Er wirkte gefasst, zugleich aber auch schockiert.»

Polanski hatte erst Anfang des Jahres versucht, das alte Strafverfahren in den USA als abgeschlossen erklären zu lassen. Auch das Opfer von 1977, die heute 45-jährige Samantha, forderte Gnade für Polanski. Die Amis lehnten ab. Sie haben nun maximal 60 Tage Zeit, das Auslieferungsgesuch zu begründen. Polanski kann dagegen zunächst per Beschwerde ans Bundesstrafgericht vorgehen.

Die Situation für Polanski, der gestern ins Bezirksgefängnis Zürich eingeliefert wurde, ist aber schwierig: Laut Abkommen mit den USA ist auszuliefern, «wenn im ersuchenden Land die Tat nicht verjährt» ist.

Klare Rechtslage

Am Abend erklärte Widmer-Schlumpf am Rande der IV-Medienkonferenz, die Rechtslage sei «absolut klar», Polanski habe zwar einen grossen Namen, aber das «spielt keine Rolle». US-Druck habe es nicht gegeben.

Widmer-Schlumpf: «Im Unterschied zu anderen Aufenthalten Polanskis in der Schweiz war diesmal sein Besuch gross angekündigt worden. In früheren Fällen haben Polizei und Justiz erst im Nachhinein davon erfahren.»

Und warum verhaftet ausgerechnet die Schweiz Polanski, der seit Jahren unbehelligt durch Europa reist? BJ-Direktor Michael Leupold zu BLICK: «Es ist schon möglich, dass der Rechtsgrundsatz der Gleichbehandlung in anderen Ländern am Grad der Prominenz der gesuchten Person gemessen wird.»

Die Polanski-Falle – scharfe Kritik kommt vom Verband der Regisseure: das Vorgehen sei nicht nur eine «groteske Justizposse, sondern auch ein ungeheurer Kulturskandal». Heftige Empörung auch in Frankreich. Der gebürtige Pole Polanski ist seit 1976 auch französischer Staatsbürger, lebt in Paris. Frankreichs Kulturminister Frédéric Mitterrand zeigte sich «fassungslos»: «Ich bin ausser mir!» Alle Franzosen müssten jetzt zusammenstehen. Präsident Nicolas Sarkozy liess erklären, er «wünsche eine schnelle Lösung» des Problems.

Die Sprecherin der Bezirksanwaltschaft in Los Angeles, Sandra Gibbons, lobte die Schweiz «für ihre extrem kooperative Haltung».

Das Lob der Amis tut richtig weh

Kommentar von Ralph Grosse-Bley, Chefredaktor a.i.

Richtig zufrieden sah Justizministerin Widmer-Schlumpf gestern in der Tagesschau aus: Die Operation Polanski ist gelungen, der weltberühmte Regisseur sitzt in der Falle. Ein 76-jähriger Mann, der vor 32 Jahren in den USA eine 13-Jährige zum Sex verführt hat – endlich hinter Gittern!

«Extrem kooperativ» nennen die Amis die Schweizer Regierung nun – und dieses Lob tut richtig weh. Extrem kooperativ sind Leute, die deutlich mehr tun als sie müssten, weil sie was gutmachen wollen. Weil sie jemanden, den sie verärgert haben, milde stimmen wollen. Wer das bei der Polanski-Affäre bestreiten wollte, macht sich lächerlich.

So lächerlich, wie die Erklärung von Widmer-Schlumpf klingt, die Schweiz sei halt ein Rechtsstaat, dem «grosse Namen» keine Rolle spielten.

Der Bundesrat, der gerade im Fall Gaddafi Schweizer Recht bis zur Unkenntlichkeit gebrochen hat, der Libyern Narrenfreiheit in der Schweiz einräumt. Der die Genfer Justiz blamiert, weil sie auch einem Hannibal Gaddafi Misshandlungen nicht durchgehen liess!

Jetzt sind die Amis stolz auf uns. Auf die Schweiz, die plötzlich so «extrem» spurt. Die Amis werden Polanski einsperren, wenn sie ihn kriegen. Vielleicht für den Rest seines Lebens. Obwohl das Opfer, mit dem er damals (unbestritten verbotenen) Sex hatte, heute will, dass man ihn in Ruhe lässt.

Die Schweiz hat einen Gast in eine böse Falle laufen lassen. Wir sollten uns schämen.
play Ralph Grosse-Bley, BLICK-Chefredaktor a.i.

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Hat die Schweiz mit der Verhaftung von Roman Polanski richtig gehandelt?»

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