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Es war gegen 22 Uhr am Samstag, als der bekannte Zürcher Strafverteidiger Lorenz Erni am Telefon erfuhr, dass ein am Flughafen Kloten Verhafteter seine anwaltliche Hilfe brauche.
Der Mann, der inzwischen ins Flughafen-Gefängnis gebracht worden war, ist Roman Polanski (76), einer der erfolgreichsten Regisseure der Welt («Rosemaries Baby», «Tanz der Vampire», «Frantic»). Ein Genie und Exzentriker, ein Freund der Schweiz, der ein Chalet in Gstaad besitzt und jedes Jahr mehrere Monate dort verbringt.
Gleich nach seiner Landung aus Wien kommend, war Polanski mit Karl Spörri, Leiter des «Zurich Film Festival», im Kaufleuten zum Nachtessen verabredet. Sonntag früh war ein Workshop mit «Master Class»-Studenten vorgesehen und am Abend der rote Teppich am Corso. Und als Höhepunkt der Ehrenpreis für sein Lebenswerk.
Der Ehrengast – am Flughafen wird er von der Kapo Zürich wie ein Verbrecher empfangen! Grund: ein US-Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen im Jahr 1977.
Nach BLICK-Recherchen ging am Mittwoch, 23. September, in Bern das Gesuch des US-Justizministeriums ein, Polanski zu verhaften. Zuvor hat schon ein kantonales Polizei-Korps die Bundesbehörden auf den Polanski-Auftritt aufmerksam gemacht, wie Michael Leupold, Direktor Bundesamt für Justiz (BJ), BLICK bestätigte. Welches, wollte er nicht sagen, «aber es war nicht Zürich.
Spätestens seit letztem Donnerstag wusste Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf Bescheid. Offensichtlich wurde der Haftbefehl streng vertraulich behandelt – um den Verhaftungs-Erfolg nicht zu gefährden. Und zwar so vertraulich, dass gestern die Medienabteilungen erst nach Bern getrommelt werden mussten, als Journalisten aus der ganzen Welt Näheres wissen wollten. BLICK erfuhr, dass die zuständigen Stäbe noch am Freitagabend von einem «ganz normalen Abstimmungssonntag» ausgingen.
Tatsächlich schöpften weder die Organisatoren noch Polanski selbst irgendeinen Verdacht. Erst als das Empfangs-Komitee des Film-Festivals am Flughafen vergeblich auf den Weltstar wartete, wurde schlagartig klar, dass Polanski in eine Falle gelaufen war.
Anwalt Erni traf Polanski noch in der Nacht hinter Gittern. Erni zu BLICK: «Herr Polanski war sehr müde. Er wirkte gefasst, zugleich aber auch schockiert.»
Polanski hatte erst Anfang des Jahres versucht, das alte Strafverfahren in den USA als abgeschlossen erklären zu lassen. Auch das Opfer von 1977, die heute 45-jährige Samantha, forderte Gnade für Polanski. Die Amis lehnten ab. Sie haben nun maximal 60 Tage Zeit, das Auslieferungsgesuch zu begründen. Polanski kann dagegen zunächst per Beschwerde ans Bundesstrafgericht vorgehen.
Die Situation für Polanski, der gestern ins Bezirksgefängnis Zürich eingeliefert wurde, ist aber schwierig: Laut Abkommen mit den USA ist auszuliefern, «wenn im ersuchenden Land die Tat nicht verjährt» ist.
Am Abend erklärte Widmer-Schlumpf am Rande der IV-Medienkonferenz, die Rechtslage sei «absolut klar», Polanski habe zwar einen grossen Namen, aber das «spielt keine Rolle». US-Druck habe es nicht gegeben.
Widmer-Schlumpf: «Im Unterschied zu anderen Aufenthalten Polanskis in der Schweiz war diesmal sein Besuch gross angekündigt worden. In früheren Fällen haben Polizei und Justiz erst im Nachhinein davon erfahren.»
Und warum verhaftet ausgerechnet die Schweiz Polanski, der seit Jahren unbehelligt durch Europa reist? BJ-Direktor Michael Leupold zu BLICK: «Es ist schon möglich, dass der Rechtsgrundsatz der Gleichbehandlung in anderen Ländern am Grad der Prominenz der gesuchten Person gemessen wird.»
Die Polanski-Falle – scharfe Kritik kommt vom Verband der Regisseure: das Vorgehen sei nicht nur eine «groteske Justizposse, sondern auch ein ungeheurer Kulturskandal». Heftige Empörung auch in Frankreich. Der gebürtige Pole Polanski ist seit 1976 auch französischer Staatsbürger, lebt in Paris. Frankreichs Kulturminister Frédéric Mitterrand zeigte sich «fassungslos»: «Ich bin ausser mir!» Alle Franzosen müssten jetzt zusammenstehen. Präsident Nicolas Sarkozy liess erklären, er «wünsche eine schnelle Lösung» des Problems.
Die Sprecherin der Bezirksanwaltschaft in Los Angeles, Sandra Gibbons, lobte die Schweiz «für ihre extrem kooperative Haltung».
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Ralph Grosse-Bley, BLICK-Chefredaktor a.i.