Das Disney-Buch von Daniel Kothenschulte wiegt 7 Kilo «Pinocchio hat mich echt verstört»

Daniel Kothenschulte beschreibt im Buch «The Walt Disney Film Archives» die Animationsfilme von Disney. Im Interview erzählt er von seiner Recherche im Disney-Archiv und seiner frühen Faszination für die Zeichentrickfilme.

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Daniel Kothenschulte (49). play

Daniel Kothenschulte (49).

www.detektor.fm

 

Was ist das für ein Gefühl, wenn man ein Buch geschrieben hat, das sieben Kilogramm wiegt?
Daniel Kothenschulte:​
Ich wünschte mir, ich hätte das Ganze alleine geschrieben, aber dazu fehlte die Zeit. Aber ich habe das Buch zusammengestellt. Und wenn man aus Zehntausenden von Bildern schliesslich 1500 ausgewählt hat, dann ist das eine Leistung! Wenn ich heute die ersten zehn Seiten umblättere, denke ich immer noch: Das ist eine Fata Morgana. Das alles löst sich gleich in Luft auf!

Wann haben Sie überhaupt Disneyfilme kennengelernt?
Mit drei Jahren habe ich «Das Dschungelbuch» gesehen. Aber ich ​war nicht gross genug, um über die Zuschauer hinweg die Leinwand zu sehen. Später, bei «Peter Pan», wars um mich geschehen. Ich habe meine Eltern so lange gequält, bis sie ein zweites Mal mit mir hingingen.

Lügen haben kurze Beine, heisst es. Doch Pinocchio mit seiner Lügennase ist ein Langstreckenläufer – auch heute kennt ihn jedes Kind. Neuerdings gibt es ihn sogar als Emoji auf dem Handy. play
Lügen haben kurze Beine, heisst es. Doch Pinocchio mit seiner Lügennase ist ein Langstreckenläufer – auch heute kennt ihn jedes Kind. Neuerdings gibt es ihn sogar als Emoji auf dem Handy.

Mich hat als Kind «Schneewittchen» zum Weinen gebracht.
Ist doch natürlich. «Pinocchio» hat mich echt verstört. Ich war vielleicht elf Jahre alt und erlebte, was nur ein toller Film zuwege bringt: Überwältigung.

Wenn Sie an alle diese Filme zurückdenken: Welche Figur, welche Szene hat Sie wirklich bis heute markiert?
Die Flucht von Schneewittchen durch den Wald. Die Szene dauert nur eine Minute – aber sie hat mich nie mehr losgelassen. Nicht nur wegen ihrer Schrecken, vor allem der visuellen Schönheit wegen.

Disney wurde zur lebenslangen Faszination?
Man kann das so sagen. Es gibt ein englisches Buch von Leonard Maltin über Disney. Das musste ich haben, obwohl ich mit sieben Jahren kein Englisch konnte. Vater musste es mir übersetzen.

Wer hatte eigentlich die Idee zu Ihrem Buch?
Den Plan gab es seit meiner Kindheit. Schon in der Grundschule habe ich ganze Hefte mit Inhaltsangaben und Mitarbeiterlisten der Disney-Filme gefüllt. Vor etwa 25 Jahren gab es den Plan erneut. Und in den 90er-Jahren gelang es mir, im Disney-Archiv zu recherchieren. Disney hatte mit dem Künstler Salvador Dalí einen Film machen wollen, der nie fertiggestellt wurde. Darüber wollte ich ein Buch schreiben.

Das Disney-Studio schottet sich fast hermetisch gegen aussen ab.
Wenn immer etwas veröffentlicht wird, woran Disney beteiligt ist, wird jedes Wort kontrolliert. Kein einfacher und ein überaus langer Prozess.

Aber Sie kamen rein. Sie konnten beginnen. Wann war das?
Das Projekt bei Taschen war vor fünf Jahren spruchreif. Die konkrete Arbeit dauerte dann zweieinhalb Jahre.

Walt Disney selbst hatte ja ziemlich autokratische Tendenzen. Wie hat er es geschafft, Tausende von Mitarbeitern friedlich für sich arbeiten zu lassen?
Er war sehr charismatisch. Was für die Zeit sehr ungewöhnlich war: Alle mussten ihn Walt nennen. Er hatte auch das Talent, wie ein Komiker zu improvisieren. Er war ein toller Performer. Die Zeichner sagten stets, dass keine ihrer Film­charaktere je so gut geworden sei, wie Walt sie ihnen vorgemacht hätte.

Daran kann aber sein Erfolg bei den Mitarbeitern nicht gelegen haben!
Als man 1930 aus den alten in die neuen Studios umzog, waren diese wahrhaft ungewöhnlich. Die Ateliers der Animatoren waren wie grosse Wohnzimmer eingerichtet. Es gab Fitness- und Wellnessräume, eine Bar … Er pflegte eine Unternehmenskultur, wie wir sie erst in der Postmoderne wieder kennenlernten.

Disney war ja ein Selfmademan.
Und wie! Er ging bloss vier Jahre zur Schule. Für Bücher, die er über alles liebte, musste er in die Leihbücherei. Er war absolut unmusikalisch, liebte aber die Musik. Um mehr zu erfahren, hat er «Fantasia» gemacht.

Ein Film, der erst 30 Jahre später zum Erfolg wurde …
Bei Disneyfilmen wie «Fantasia» ist das Ohr dem Auge gleichberechtigt. Das verstanden damalige Kritiker nicht. Für sie war jede Konkurrenz zur Musik Anmassung. Es dauerte Jahrzehnte, bis sie Disneys Sicht akzeptierten. ­Seine Witwe hat im Andenken an die Musikliebe ihres Mannes Los Angeles einen Konzertsaal geschenkt. Die Walt Disney Concert Hall hat 50 Millionen Franken gekostet.

Was wäre, wenn Sie dieses Buch nicht geschrieben hätten?
Es ist mir unbegreiflich, dass genau das Wirklichkeit wurde, was ich bereits als Kind machen wollte. Ich muss mich immer wieder kneifen … ich habs einfach nicht kommen sehen!

Publiziert am 17.12.2016 | Aktualisiert am 17.12.2016
Walt Disney mit Entwürfen von «Bambi». Der Film kam 1942 in die Kinos. Disney Enterprises, Inc.

Vor 50 Jahren ist Walt Disney gestorben

Am 15. Dezember 1966 stirbt Walt Disney mit 65 Jahren. Auf einer Farm in Missouri aufgewachsen, beginnt er 1919 mit der Produktion von Trickfilmen. Der grosse Durchbruch erfolgt aber 1928 mit seinem ersten Tonfilm «Steamboat Willie». Darin tritt nicht nur seine Schöpfung Mickey Mouse auf, sondern auch Minnie Mouse.

Disney produzierte nicht nur sehr erfolgreiche, sondern auch immer längere Trickfilme. Der erste abendfüllende Trickfilm «Schneewittchen» ist 1937 die logische Folge. In den Jahren darauf entstanden «Bambi», «Dumbo», «Fantasia», «Pinocchio». Der letzte unter Disneys persönlicher Aufsicht produzierte Film ist «Das Dschungelbuch». Er hat 1967 Premiere.

Ab 1931 bis zu seinem Tod 1942 arbeitet Albert Hurter für Disney.  www.one1more2time3.wordpress.com

Der Schweizer Vater von Schneewittchen

Albert Hurter wird 1883 im Zürcher Arbeiterkreis 6 geboren, studiert als junger Mann in Zürich und Berlin Architektur. Nach 1910, dem Jahr, in dem er die Schweiz verlässt, verlieren sich seine Spuren für sechs Jahre. Dann finden wir ihn in einem New Yorker Trickfilmstudio. Zwei Jahre später verschwindet er wieder. Niemand weiss, was er bis 1931 tut, als er bei Disney eintritt.

Walt Disney erkennt sein Talent. Hurter steigt rasch zum «Inspirational Sketch Artist» auf, der Skizzen, Charakterstudien und Hintergründe von Filmprojekten weiterentwickelt. Figuren wie Ede Wolf, die drei kleinen Schweinchen, Schneewittchen oder Pinocchio gehen auf ihn zurück. Auch die Nacht auf dem kahlen Berg in «Fantasia», das Zwergenhaus in «Schneewittchen» stammen von ihm. Fast sein ganzes Leben war Hurter schwer herzkrank. Bevor er 1942 stirbt, beauftragt er einen Freund, ein Buch mit seinen Skizzen zu veröffentlichen. «He Drew as He Pleased» ist das erste Disneybuch und eines der teuersten antiquarischen Bücher.

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