SonntagsBlick-Reporterin Simone Matthieu traf Sylvester Stallone «John Travolta muss man mit Samthandschuhen anfassen»

  • Publiziert: 28.09.2008, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Von Simone Matthieu
play Unterhaltsam: Aus seiner langen Laufbahn im Filmbusiness weiss ­Sylvester Stallone viel zu erzählen. ­Eloquent und mit ­witzigen Anekdoten ­unterhält er die ­Teilnehmer seines Workshops in Zürich. (Keystone)

Am Freitag holte er beim Zurich Film Festival den Golden Icon Award für sein Lebenswerk ab. Am Samstagmorgen plauderte Superstar Sylvester Stallone in einem Workshop vor Schweizer Cineasten über seinen Beruf und sein Leben.

Von Hollywood-Stars denkt man, sie schliefen bis am Mittag und bequemten sich, wenn sie denn Lust dazu haben, auf irgendein Filmset – das sie augenblicklich wieder verlassen, wenn ihnen was nicht passt.

Ganz anders präsentierte sich gestern Samstagmorgen Sylvester Stallone (62) einer kleinen Gruppe von Schweizer Filmemachern. Er veranstaltete im Zürcher Kino Corso einen Workshop. Ich habe mich unter die Regisseure und Techniker gemischt. Gespannt warten wir auf «Rambo». Stallone ist auf 11 Uhr angekündigt. Pünktlich taucht er auf. In Jeans und Pullover wirkt die Kinogrösse fast unscheinbar. Dass hier eine «goldene Ikone» sitzt, verraten lediglich die drei vorderen Sitzreihen, die frei gehalten werden mussten, damit sich Stallone nicht bedrängt fühlt.

Nach einem Trailer mit Szenen aus seinen Filmhits legt er los. Stallone, der immer in der Schmuddelecke stand und in den Kreisen der intellektuellen Studiofilmer als Antiheld gilt, entpuppt sich als rhetorisch gewandt und witzig – und als topseriöser Arbeiter. «Wenn ich an einem Drehbuch schreibe, stehe ich jeden Morgen um 4.30 Uhr auf», erzählt er. «Dann setze ich mich hin und schreibe auf jeden Fall drei Stunden lang, egal, ob ich mag oder nicht. Und wenn mir nichts einfällt, habe ich ein paar Standardszenen, die ich einfüge.» Das Wichtigste sei, dass man mit einem Buch vorankomme und keine Zeit an Details verschwende, rät Stallone. «Denn wenn du nochmals über den Text gehst, wirst du sowieso fast alles wieder ändern.»

An seinem Finger funkelt ein riesiger Silberring, am Handgelenk klirren massive Silberketten gegen die auffällige Markenuhr. Stallone – nicht nur Schauspieler, sondern auch Drehbuchautor und Regisseur – plaudert gerne aus dem Nähkästchen. «Es gibt Stars, denen kannst du als Regisseur geradeheraus ins Gesicht sagen: Das war Scheisse. Aber es gibt auch andere wie John Travolta, mit dem ich ‹Staying alive› drehte. Die musst du mit Samthandschuhen anfassen. Wenn du John behutsam zu sagen versuchst: Du, das gestern war noch nicht das Maximum, das du aus dir rausholen kannst, verschwindet er glatt für den Rest des Tages in seinem Wohnwagen und ist zutiefst beleidigt.»

Er sei auf einem der härtesten Pflaster der Welt aufgewachsen, erzählt Sylvester Stallone: im New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen. «Das war so trist, dass ich lernte, immer mit einem Ziel, einer Vision von einer besseren Zukunft zu leben und darauf hinzuarbeiten.» Zeitweise habe er seine Drehbücher für 100 Dollar verkauft, um Geld fürs Essen zu haben. Auch die Vorlage zu seinem ersten grösseren Projekt «Paradise Alley» habe er so verschachert. «Und dann wollte mir ein Produzent plötzlich 20000 Dollar dafür geben. Ich ging schnurstracks retour zum anderen, kaufte das Manuskript zurück und konnte zwei Jahre nach dem ersten Teil von ‹Rocky› meinen ersten Film als Regisseur drehen. Da wusste ich: Jetzt hat sich für mich eine Tür aufgetan.» Der Rest ist Filmgeschichte.

play Stolz: Stallone mit seinem ­Golden Icon Award am Freitag beim Zurich Film Festival. (Keystone)

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