Tom Cruise & Katie Holmes Suri – der Super-Gau für Scientology

LOS ANGELES - Ausgerechnet ihr bestes Aushängeschild bringt Scientology in Bedrängnis wie nie zuvor. Weltweit laufen der Sekte die Mitglieder davon.

  • Publiziert: 08.07.2012, Aktualisiert: 10.07.2012
  • Von Philippe Pfister

Goldene Pumps, blaues Cocktail-Kleid, Kuscheljäckchen, pinkfarbene Handtasche, dazu der passende Hut: Wie eine echte Lady soll die kleine Suri Cruise aussehen. Dass Papa Tom seine sechsjährige Tochter gern in Erwachsenenkleider stecken lässt, ist nicht nur eine Geschmacksverirrung. Der Hollywood-Superstar ist hochrangiges und treues Mitglied der umstrittenen Psycho-Sekte Scientology.

Für deren Gründer L. Ron Hubbard (†1986) gab es so etwas wie Kindheit nicht. Kinder waren für ihn Erwachsene in kleinen Körpern. Und weil auch Kinderseelen von Spuren früherer Leben belastet sind, müssen sie sich möglichst früh einer scientologischen Therapie unterziehen: dem sogenannten Auditing, einer Art Verhör am Lügendetektor. 90 Fragen sind es, die schon Kinder ab sechs Jahren so gewissenhaft wie möglich beantworten sollen. Über 50 Jahre alt ist der von Hubbard ersonnene Katalog bereits.

Die Einstiegsfrage ist besonders fies: «Was hat man dir zu sagen verboten?» Bohrend geht es weiter: «Hast du ein Geheimnis?» «Hast du im Bett je etwas Unerlaubtes getan?» «Hast du dich je wegen deiner Eltern geschämt?»Was Scientologen als Läuterung der Seele zur Höherentwicklung des Geistes preisen, bezeichnen Kritiker schlicht als Gehirnwäsche, um die Kinder auf die Lehre der «Church» vorzubereiten, wie sich die Sekte nennt.

Der drohende Griff nach Suris Psyche war es wohl, der Katie ­Holmes (33) die Scheidung von Tom Cruise (50) einreichen liess. Sie will, dass er bei der Erziehung nichts mehr zu sagen hat – und verlangt das alleinige Sorgerecht. Nur so kann sie auch verhindern, dass Suri dereinst in der Eliteeinheit «Sea Org» landen könnte. So nennt sich die absolut loyale Sondertruppe von Scientology; Beitrittswillige unterschreiben einen Vertrag über eine Milliarde Jahre.

Für die ­«Church» und deren Chef David Miscavige (52) sind die Schlagzeilen um Cruise’ Scheidung «PR-Gift, ja eine Art Super-GAU», sagt der Schweizer Religionsexperte Georg Otto Schmid (46). Er betreibt in Rüti ZH mit seinem Vater die renommierte Sekten-Informationsstelle Relinfo. Für Miscavige ist Tom Cruise der lebende Beweis, wie weit es ­Scientologen bringen können; 75 Millionen Dollar verdiente Cruise laut «Forbes» allein zwischen Mai 2011 und Mai 2012 – so viel wie kein anderer Filmschauspieler.

Gerade jetzt wäre der «Mission: Impossible»-Star als Zugpferd besonders wichtig. Ehemalige Mitglieder beschuldigen Miscavige, er führe ein Terrorregime – Prügelstrafen inklusive. Kürzlich hat sein Vater, Ron Miscavige sr., Scientology den Rücken gekehrt. Auch Roanne Leake, eine Nichte Hubbards, hat sich verabschiedet. Ausgerechnet in dieser Lage bringt Cruise die dunklen Seiten der Organisation weltweit in die Schlagzeilen. Laut Sektenexperte Schmid dürfte das auf «potenzielle Interessenten äusserst negativ wirken» – auch in der Schweiz.

Scientology auch in der Schweiz aktiv

Dabei kämpfen die Scientologen hierzulande seit Jahren gegen Mitgliederschwund. Auf «unter 1000» schätzt Schmid den Bestand an aktiven Anhängern. Auf dem ­Höhepunkt des Erfolgs – vor rund 20 Jahren – seien es rund 3000 gewesen. Inzwischen gebe es in der Schweiz mehr Ex-Scientologen als aktive Mitglieder, so Schmid. Scientology bestreitet dies – und spricht von «5000 Aktiv- und Passivmitgliedern».

«Extrem geschadet» hat der Organisation laut Schmid, dass seit ­einigen Jahren Wissen im Internet kursiert, das einst als streng geheim galt. Im Zentrum steht der ­Xenu-Mythos: Scientology-Gründer Hubbard glaubte an einen intergalaktischen Herrscher namens Xenu. Er soll vor 75 Millionen Jahren unzählige Seelen, Thetane genannt, auf der Erde gefangen haben; manche dieser Thetane kleben noch heute an den Menschen.

Entfernen lassen sie sich nur mit scientologischer Technik. Tom Cruise soll in eine tiefe Glaubenskrise gestürzt sein, als er bei seiner höheren Ausbildung in den skurrilen Xenu-Mythos eingeführt wurde. Auch in der Schweiz, so Schmid, «schreckten viele Menschen wegen – oder dank Xenu – vor Scientology zurück». Die Sekte dagegen erweckt gern den Anschein von ungebremstem Wachstum; in Basel wolle man auf einer 4000-Quadratmeter-Parzelle eine sogenannte «Ideal Org» errichten, liess die Organisation im Juni verlauten. Auch in Zürich bestünden entsprechende Pläne. «Ideal Orgs» sind repräsentative Bauten, die potenzielle Mitglieder anziehen sollen und eine breite Palette an scientologischen Techniken anbieten.

Dass die Schweizer Scientologen genug Geld haben, die Pläne zu realisieren, bezweifelt Schmid: «Das ist in erster Linie eine Image-Aktion.» Der Zürcher Sekten-Kritiker Hugo Stamm (63) spricht von einem «PR-Gag». Harmlos sei er dennoch nicht: «Der brutale finanzielle Druck auf die Mitglieder wird wachsen», sagt er. Und tatsächlich: In allen Berichten von Aussteigern steht der immense Druck im Vordergrund, überteuerte Kurse zu buchen oder – noch besser – als grosszügiger Spender aufzutreten. Einer der Aussteiger ist der 32-jährige Zürcher P. M. 20000 Franken machte er locker, um, wie er glaubte, notleidenden Kindern zu helfen. «Das Geld floss irgendwohin – nur nicht zu den Kindern», sagt er heute. Zwei Monate arbeitete er für die «Church» – «als Kellner hätte ich allein mit Trinkgeldern mehr verdient», sagt er. Kein Wunder also, dass viele Aussteiger massiv verschuldet sind.

Als M. sich vor anderen Mitgliedern kritisch über Miscavige äus­serte, stempelten die ihn sofort zur «antisozialen Persönlichkeit» ab. Und als seine Mutter über die Öffentlichkeit Druck aufzubauen begann, spuckte Scientology ihn quasi wieder aus – worüber er heute froh ist. Seine spirituellen Ziele hätten sich nicht verändert, sagt M. heute. Doch weiter komme er auf diesem Weg ohne die «Church» – «zu einem Bruchteil der Kosten».

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