Jon Bon Jovi «Ich werde nie so fett wie Elvis»

  • Publiziert: 24.04.2011, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Interview: Flavia Schlittler

Jon Bon Jovi über Medien, Fans und das Leben mit 49.

Madrid, 3 Uhr nachmittags, eine Suite im Hotel Villa Magna. Jon Bon Jovi (49) betritt den Raum. Verwaschenes T-Shirt, schwarzes Gilet, Vintage-Jeans, die Oberarme sind muskulös, seine weissen Zähne blitzen. «Hi, nice to see you», sagt er mit sanfter Stimme und gibt mir die Hand. Dann muss er erst mal ein Fenster öffnen. Ihm sei in der Suite zu heiss, sagt er. Anschliessend fläzt sich John Francis Bongiovi jr., wie der Rockstar mit bürgerlichem Namen heisst, auf ein Sofa. Ich setze mich vis-à-vis auf einen Sessel.

Mister Bon Jovi ...
Jon Bon Jovi: Nenn mich bitte Jon. Ich habs am liebsten, wenn Leute auf mich zukommen und einfach nur «Hi Jon» sagen. Dann fühle ich mich auf gleicher Augenhöhe.

Letzten Monat sind Sie 49 geworden. Wie jung fühlen Sie sich tatsächlich?
Ich habe mich nie besser gefühlt. Das Leben hat mich reich beschenkt: mit der besten Frau der Welt, mit wunderbaren Kindern, sensationellen Fans und einer Band, die mich seit Jahrzehnten begleitet. Was will ich mehr?

Und dann sind noch die vielen Millionen auf dem Konto ...
... mit denen man sich Glück nicht kaufen kann. Natürlich schätze ich die vielen Möglichkeiten, die Geld nun mal mit sich bringt. Wichtiger ist jedoch, es sinnvoll einzusetzen. Ich setze mich zum Beispiel in den Staaten für obdachlose Kinder ein, helfe Familien mit autistischen Kindern und versuche meine Mitbürger zu bewegen, sich sozial zu engagieren. Ich stamme aus ganz normalen Verhältnissen, mein Vater war Coiffeur in New Jersey, meine Mutter Floristin. Meine «Normalo»-Wurzeln haben mir Bodenständigkeit gegeben.

Skandale sind von Ihnen nicht bekannt, dafür war Ihre Frisur immer wieder ein Thema. Böse Zungen nannten Sie «die singende Mähne». Nicht gerade nett.
Früher habe ich mich zum Teil sehr darüber geärgert. Vor allem dann, wenn meine Musik nur noch am Rande erwähnt wurde. Mittlerweile kann ich darüber lachen – und gelesen hab ich so was zum Glück schon lange nicht mehr. Ich hoffe nicht, dass sich das jetzt wieder ändert ... (lacht).

Sie sind im Lauf Ihrer Karriere vor mehr als 35 Millionen Menschen aufgetreten. Wie kann man da authentisch bleiben?
Als Songwriter hat man viele Möglichkeiten. Jeder von uns sieht, erlebt und empfindet jeden Tag so viele Situationen, über die wir schreiben und singen können. Man muss nur offen dafür sein. Wir sind mit dem Glück gesegnet, unsere Eindrücke auf hohem Level wiederzugeben. Viele Generationen begleiten uns dabei – und das wird hoffentlich noch lange so bleiben. Ich weiss nur zwei Dinge: Man wird mich nie als «fetten Elvis» sehen und wir werden sicher nicht als Achtzigjährige noch auf der Bühne stehen, dann sind wir out. Solange wir es lieben, Songs zu schreiben, und uns die Leute dafür lieben, machen wir weiter.

Wie kommen Sie auf den «fetten Elvis»?
Na ja, manchmal hab auch ich ein paar Kilo mehr auf den Rippen. Da muss ich nur noch aus einem ungünstigen Winkel fotografiert werden und schon heisst es in der Presse: «Wenn er so weitermacht, ist er bald so fett wie Elvis.» Das haben die tatsächlich geschrieben! Abgesehen davon, werde ich sicher nie so fett. Ich esse gesund, gebe viele Konzerte, bei denen ich mich ständig bewege. Aber ganz ehrlich: Dieser Vergleich hat mich doch gekränkt.

Jon spielt versonnen mit seinem goldenen Kettenanhänger, fährt sich mit den Händen durchs Haar.

Ich habe gelesen, Sie seien vom Leben gelangweilt und würden deshalb zu viel trinken. Stimmt das?
Ich habe den Artikel auch gelesen und es stimmt so überhaupt nicht. Das ist das Schwierige an geschriebenen Interviews. In dem Fall war es so, dass eine Journalistin mich fragte, ob ich manchmal gelangweilt sei. Da sagte ich: Klar, jeder Mensch ist mal gelangweilt. Sie sagte dann, sie würde abends etwas trinken gehen. Und ich sagte, etwas trinken ist cool. Im Artikel war ich dann der gelangweilte Alkoholiker. Ich lächle dich jetzt auch an und sage dir, dass ich heute müde bin. Jetzt kannst du schreiben: «Jon ist nur noch müde» oder «Jon hat mit mir geflirtet». Stimmt beides. Aber hey Honey, geh nicht so tief, lass uns einfach entspannt miteinander reden.

Ärgern Sie sich über schlechte Schlagzeilen?
Wenn sie unehrlich sind. Ich habe schon Konzertkritiken gelesen über Songs, die wir an dem Abend gar nicht gespielt hatten. Und natürlich ärgern mich absurde, erfundene Liebesgeschichten. Mir und meiner Band geht es um die Musik, die wir machen. Der Rest ist uns weitgehend egal.

Wissen Sie noch, wie viele Auszeichnungen Sie in den letzten 30 Jahren bekommen haben?
Puh, keine Ahnung.

Die Tür öffnet sich, Schlagzeuger Tico Torres kommt herein. «Setz dich zu uns, erzähl doch auch noch was», sagt Jon. Tico, mit dunkler Sonnenbrille und braungebrannt, nimmt neben seinem Freund Platz, begrüsst mich mit einem knappen «Hi».

Wohin stellen Sie alle Ihre Auszeichnungen und Trophäen?
Tico: An irgendeinen Platz bei mir daheim. Mein Sohn holt sich die coolsten, alle, die ihm gefallen. Den Rest lässt er mir (tiefes Lachen).
Jon: Bei mir ist es ähnlich. Ein paar stehen in meinem Schrank, in der Vitrine, im Studio und in den Kinderzimmern.

Am 14. Juli kommen Bon Jovi für ein Konzert in die Schweiz. Wie sind die Fans dort?
Die Schweiz hat sich in den letzten 25 Jahren stark verändert. Sie ist internationaler geworden. Anfang der 80er waren unsere Fans vorwiegend männlich. Heute nicht mehr. Sie sind auch informations- und vergnügungsorientierter. Wir sind eine einzige grosse Welt geworden.

Waren Sie schon einmal privat in der Schweiz?
Jon: Leider nicht.
Tico: Ich schon, ich lasse da meine Logos und Symbole machen. Ich liebe die Schweiz, ein wunderschönes Land!

Wie haben sich die Groupies über die letzten Jahrzehnte verändert?
Jon: Die werden sich nicht gross ändern, sie sind halt, wie sie sind.

Was war das dreisteste Angebot, das Sie je erhalten haben?
Jon: Ui, dazu könnten wir viel sagen, dürfen aber nicht.
Tico: Hey Jon, eine herzige Episode können wir doch erzählen: Wir waren nach einem Konzert mal wieder in unserem Van unterwegs. Plötzlich hörten wir lautes Kichern. Es war unglaublich, aber es haben sich wirklich zwei 15-jährige Mädchen im hinteren Teil versteckt. Sie wollten gar nichts von uns, sondern einfach etwas für sich erleben, indem sie sich in unserem Van versteckten. Ich bin sicher, sie werden ihren Enkeln noch davon erzählen.

Und dann?
Jon: Dann haben wir geschaut, dass sie gut nach Hause kommen. Wir sind ja verantwortungsvoll ... (Jon und Tico lachen).

Was würden Sie mit Ihren letzten 100 Dollar machen?
Jon: Als wir erfolgreich wurden und richtig Geld verdienten, haben wir uns zum Geburtstag gegenseitig Autos gekauft. Jeder wollte den anderen mit noch teureren Geschenken überbieten. Heute wünscht sich Richie Sambora (Leadgitarrist; Red.) von mir, dass ich ihm einen Kuchen backe. Dabei habe ich mir schon oft die Finger verbrannt. Also zur Frage zurück – ich muss noch überlegen ...
Tico: Wäre es der letzte Tag unseres Lebens?

Das weiss niemand ...

Jon und Tico lachen wie zwei Spitzbuben.

Tico: Dann würde ich meine Familie zu einem guten Essen einladen und mir eine feine Zigarre gönnen.
Jon: Und ich eine gute Flasche Wein.

Jon, Sie sind mit Ihrer Frau seit fast 22 Jahren glücklich verheiratet. Was ist Ihr Liebesrezept?
Eine Beziehung ist harte Arbeit. Ich habe mit Dorothea den besten Deal meines Lebens gemacht. Zu Hause ist sie der Boss. Ich bin glücklicher denn je.  

play Blick-Redaktorin Flavia Schlittler mit Jon Bon Jovi (r.) und Drummer Tico Torres. (ZVG)

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