Tiger Woods «Ich dachte, ich darf alles»

  • Publiziert: 20.02.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Matej Mikusik
play Tiger Woods: «Ich brachte die Schande ganz allein über mich.» (Reuters)

Ponte Vedra Beach, Florida, gestern, 17 Uhr Schweizer Zeit. Golf-Idol Tiger Woods tritt vor die Kameras – und erniedrigt sich öffentlich wie vielleicht noch kein Weltstar zuvor. Dunkler Anzug, blaues Hemd, Tränen in den Augen: Woods bittet um Verzeihung für seine Sex-Affären. Vor den Augen seiner Mutter, aber nicht seiner Frau Elin (29). BLICK dokumentiert die wichtigsten Auszüge der beispiellosen Rede.

«Guten Morgen. Und danke, dass ihr hier seid. Viele hier in diesem Raum sind Freunde von mir. Viele hier in diesem Raum kennen mich. Viele haben mir früher zugejubelt oder mit mir gearbeitet oder mich unterstützt. Jeder von euch hat das Recht, mich zu kritisieren. Ich möchte euch allen sagen – einfach und direkt: Mein selbstsüchtiges und verantwortungsloses Verhalten tut mir sehr leid.

Ich weiss,
viele fragen sich, wie ich nur so egoistisch und dumm sein konnte. Leute wollen wissen, wie ich das meiner Frau und meinen Kindern antun konnte. Ich wollte immer eine private Person bleiben, trotzdem möchte ich einiges sagen: Elin und ich haben einen langen Prozess gestartet. Wir diskutieren den Schaden, den mein Verhalten verursacht hat. Wie Elin mir klargemacht hat, kann meine wirkliche Entschuldigung ihr gegenüber nicht in Form von Worten geschehen, sondern über mein Verhalten ihr gegenüber. Was wir uns zu sagen haben, wird zwischen uns bleiben. Ich bin mir auch des Schmerzes bewusst, den ich durch mein Verhalten euch allen hier zugefügt habe.

Ich weiss, ich habe euch alle bitter enttäuscht. Mein Verhalten hat dafür gesorgt, dass ihr euch fragen musstet, wer ich bin und wie ich tun konnte, was ich getan habe. Ich bin sehr beschämt, dass ich euch in diese Position gebracht habe. Für alles, was ich getan habe: Es tut mir so leid.

Es gibt etwas, was ich speziell betonen will. Einige Leute haben behauptet, dass Elin mich damals in der Nacht von Thanksgiving geschlagen oder verletzt hat. Es wurden viele Geschichten erfunden. Das macht mich wütend. Elin hat mich weder in der Nacht noch in einer anderen Nacht geschlagen. Wir hatten nie häusliche Gewalt in unserer Ehe. Elin hat sich immer vorbildlich verhalten. Elin zeigte enorme Anmut und Haltung. Elin verdient Hochachtung, nicht Tadel. Das Ganze betrifft nur mein unverantwortungsvolles Verhalten.

Ich war untreu, ich machte Fehler. Ich bin die einzige Person, der man etwas vorhalten kann. Ich hatte aufgehört, nach den Werten zu leben, an die ich glaubte und die mir beigebracht wurden. Ich wusste, dass das, was ich tat, falsch war. Aber ich habe mich selbst davon überzeugt, dass normale Regeln für mich nicht gelten. Ich dachte nie daran, wem ich wehtun würde. Stattdessen dachte ich nur an mich selbst.

Ich dachte, ich komme mit allem durch, was ich will. Ich dachte, dass ich angesichts der harten Arbeit es verdiene, all die Versuchungen um mich herum zu geniessen. Ich fühlte mich dazu berechtigt. Dank Geld und Ruhm musste ich nie lange danach suchen. Ich lag falsch, ich war dumm. Für mich gelten keine anderen Regeln. Die Grenzen, die für andere gelten, gelten auch für mich.

Ich brachte die Schande ganz allein über mich. Ich habe meine Frau, meine Kinder, meine Mutter, die Familie meiner Frau, die Freunde meiner Familie, die Stiftung und die Kinder auf der ganzen Welt, die mich bewundert haben, verletzt.

Ich hatte nun viel Zeit, über meine Verfehlungen nachzudenken. Ich schaute durch meine Fehler in mich, wie ich es vorher noch nie getan hatte. Ich will die Fehler nie wieder machen. Ich will nun ein integres Leben leben. Ich hab einmal gehört – und ich glaube, es ist wahr: Es geht nicht darum, was du erreichst im Leben, sondern darum, worüber du hinwegkommst. Erfolge auf dem Golfkurs sind nur ein Teil davon. Was wirklich zählt, ist Charakter und Anstand.

Es ist hart zuzugeben, dass ich Hilfe brauche, aber ich brauche sie. Für 45 Tage von Ende Dezember bis Anfang Februar war ich in einer Therapie. Aber es ist noch ein langer Weg für mich. Aber ich mache meine ersten Schritte in die richtige Richtung.

Ich verstehe, dass die Leute Fragen haben. Ich verstehe, dass die Presse Details über meine untreuen Zeiten haben will. Ich verstehe, dass die Leute wissen wollen, ob Elin und ich zusammen- bleiben werden. Ich möchte aber sagen, dass diese Fragen und Antworten etwas zwischen Elin und mir sind. Das sind Themen zwischen einem Ehemann und einer Ehefrau.

Ich schulde es meiner Familie, ein besserer Mensch zu werden. Ich schulde meinen Nächsten, ein besserer Mann zu werden. Da liegt mein Fokus. Ich habe viel Arbeit vor mir und opfere mich diesem Ziel. Ein Teil davon ist für mich, dem Pfad des Buddhismus zu folgen, den mir meine Mutter von klein auf beibrachte.

Morgen schon geht die Therapie und die Behandlung weiter.Ich habe in der Therapie gelernt, meine spirituelle Lebensseite anzusehen und eine Balance zwischen Privatem und Öffentlichem zu finden. Ich muss mein Gleichgewicht wieder finden. Das ist das Wichtigste für meine Ehe und meine Kinder. Ich habe gelernt, Hilfe für meine Probleme zu suchen. Und ich hoffe, ich kann dereinst anderen helfen.

Ich will wieder Golf spielen – eines Tages. Aber ich weiss einfach noch nicht, wann das sein wird. Ich vermute, nicht dieses Jahr.

Ich habe in den letzten Wochen Tausende Briefe, Telefonate und Mails erhalten. Vielen Dank für die Unterstützung. Diese aufmunternden Worte bedeuten alles für mich und Elin.

Es gibt viele Leute in diesem Raum und zu Hause, die an mich geglaubt haben. Heute möchte ich um euer aller Hilfe bitten. Ich bitte euch, einen Platz in eurem Herzen zu finden, um eines Tages wieder an mich glauben zu können. Danke.»

Tut es ihm wirklich leid?

Kommunikationsexperte Marcus Knill im BLICK über den Aufritt von Tiger Woods.

Wer mehr als eine Milliarde verdient hat, kann sich gute Coaches leisten. Alles ist perfekt inszeniert und eingeübt.

Woods tritt in schlichter Kleidung aufs Podium zu, er ist konzentriert, sein Blick richtet sich nach innen. Im Gegensatz zu seinen normalen Medienauftritten, wo er eher lebendig ist, übt er Zurückhaltung aus. Das unterstreicht die Kernaussage seiner Rede: «Ich nehme die Schuld auf mich, ich will mich bessern». Woods zeigt sich als reuiger Sünder und Büsser.

Nur einmal, wenn er über seine Familie spricht, blickt er direkt in die Kamera. In diesem Moment zeigt er wirklich Emotionen, schluckt, macht eine Spannungspause und wirkt betroffen. Sonst sind seine Augen meist auf den Text fixiert. Er ist bleibt, ruhig, ohne Gestik, Kiefer und die Zähne sind locker.

Ob seine Worte wirklich von seinem Herz kommen, ist schwer zu sagen. Seine Persönlichkeit war in seinem Auftritt nicht integriert, und das lässt ihn weniger echt wirken.

Wenn Wood jetzt keinen Rückfall hat, könnte ihm das Publikum verzeihen. Nach diesem Auftritt nimmt ihm das Publikum seine Worte ab, aber nur wenn jetzt Taten folgen.

Aufgezeichnet von Franziska Agosti
play Tiger Woods geht nach der Rede vom Podest zu seiner Mutter und umarmt sie. (AP)

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