Die US-Milliardärin wollte in einer Luxusboutique von Trudie Götz eine Tasche für 35000 Franken anschauen. Dies sei ihr verwehrt worden, wetterte Winfrey diese Woche im US-Fernsehen. Exklusiv im SonntagsBlick spricht jetzt die Verkäuferin, die Winfrey am Tag vor der Hochzeit von deren Freundin Tina Turner (73) vor drei Wochen in Zürich bedient hat.
BLICK: Adriana N.*, warum wollen Sie dieses Interview anonym geben?
Adriana N: Weil ich Angst habe vor den Reaktionen der Leute. Ich will wegen dieses Vorfalls nicht auf der Strasse angegangen werden. Ich will normal weiterleben, auch normal weiterarbeiten können.
Wie geht es Ihnen?
Furchtbar! Ich kann seit Tagen nicht mehr schlafen. Ich fühle mich wie in der Mitte eines Wirbelsturms. Total machtlos, auch ausgeliefert. Es ist Horror, was da passiert.
Fürchten Sie um Ihren Job?
Ich habe Trudie Götz am Freitag gefragt, ob sie wolle, dass ich kündige. Sie hat verneint und war sehr verständnisvoll. Es ist schön zu wissen, dass es solch tolle Vorgesetzte gibt, die sich schützend vor einen stellen.
Was genau passierte, als Oprah Winfrey in Ihr Geschäft kam?
Sie kam am Samstag, 20. Juli, in unsere Boutique. Es war am Nachmittag, ein ganz normaler Tag. Oprah Winfrey hatte einen Freund dabei, vielleicht war es auch ihr Bodyguard, ich weiss es nicht. Er hat ihr jedenfalls die Tür aufgehalten.
Wie war sie gekleidet?
Sie trug einen langen schwarzen Rock. An das Oberteil kann ich mich nicht mehr erinnern.
Und dann?
Sie kamen rein und fragten, wo sich die Damenabteilung befindet. Wir waren drei Verkäufer im Geschäft. Ich führte Oprah und ihren Begleiter in den ersten Stock. Oben fragte ich sie, ob ich ihr etwas Spezielles zeigen könne. Sie sagte, sie sei noch nie in einem solchen Laden in der Schweiz gewesen, und hat sich umgeschaut. Ich war mir nicht sicher, was ich ihr präsentieren sollte.
Was haben Sie getan?
Ich ging zu einer Vitrine und zeigte ihr eine dieser Jennifer-Aniston-Taschen, die sehr populär sind. Ich erklärte ihr, dass es diese Taschen in verschiedenen Grössen und Materialien gibt, so wie ich das immer tue. Sie blickte auf ein Gestell hinter mir. Weit oben. Darauf ausgestellt war die 35000-Franken-Krokotasche. Ich sagte ihr, dass es dieselbe Tasche sei wie die, die ich gerade in der Hand hielt. Nur dass sie viel teurer sei. Ich könne ihr gerne noch andere Taschen zeigen.
Oprah Winfrey behauptete im US-Fernsehen, Sie hätten ihr die Tasche aus rasssistischen Gründen nicht ausgehändigt.
Das ist absolut nicht wahr! Ich fragte sie sogar, ob sie die Tasche genauer anschauen wolle. Frau Winfrey hat sich nochmals im Geschäft umgeblickt, aber nichts mehr gesagt. Dann ging sie mit ihrem Begleiter in den unteren Stock. Mein Kollege hat ihnen noch die Tür aufgehalten. Sie waren nicht einmal fünf Minuten bei uns im Geschäft.
Sie hätten zu ihr gesagt: «Sie wollen diese Tasche nicht sehen. Sie ist zu teuer. Die können Sie sich nicht leisten», sagt Winfrey.
Das stimmt nicht. Das ist absurd. So etwas würde ich zu einem Kunden nie sagen. Wirklich nicht! Gute Manieren und Höflichkeit sind das A und O in diesem Geschäft.
Warum macht Oprah Winfrey dann solche Anschuldigungen?
Das weiss ich nicht! Sie ist so mächtig, und ich bin bloss eine Verkäuferin. Ich habe niemandem etwas zuleide getan. Ich verstehe auch nicht, weshalb sie das so gross im TV ausschlachten muss. Hätte sich alles so zugetragen, wie sie behauptet: Warum hat sie sich dann nicht am nächsten Tag an der Hochzeit von Tina Turner bei Trudie Götz beschwert? Meine Chefin war ja dort ebenfalls zu Gast. Ich verstehe es nicht.
Trudie Götz sagt, es sei bloss ein Missverständnis gewesen ...
Ja. Ich habe mit Frau Winfrey Englisch gesprochen. Mein Englisch ist okay, aber nicht ausgezeichnet. Leider.
Wussten Sie eigentlich, wen Sie bedienten?
Nein, ich habe Oprah Winfrey nicht erkannt. Es hätte aber auch keinen Unterschied gemacht. Wir geben uns wirklich Mühe, allen Leuten mit demselben Respekt zu begegnen und alle gleich zu behandeln. Wenn mich jemand fragt, ob er oder sie einen Artikel sehen kann, präsentiere ich diesen immer. Denn diese Person ist ein potenzieller Käufer. Und mein Beruf ist es zu verkaufen. Ich bin stolz, wenn ich einen Artikel verkaufen kann. Es ist für mich eine Auszeichnung, wenn ich ein schönes Stück verkaufen kann. Das bedeutet, dass ich gut bin in meinem Beruf.
Wie lange arbeiten Sie schon für Trudie Götz?
Fünf Jahre. Vorher habe ich in Italien in einer bekannten Boutique gearbeitet. Ich habe Mode-Design studiert. Ich bewege mich also schon fast mein ganzes Leben in dieser Welt. Ich liebe meinen Beruf.
Haben Sie oft mit ausländischen Kunden zu tun?
Ja. Mehr als fünfzig Prozent der Kunden unseres Geschäft sind international. Sie kommen aus aller Welt. Ich hatte bisher nie Probleme.
Sie sind also keine Rassistin?
Sicher nicht! Ich bin Italienerin. Warum sollte gerade ich jemanden wegen seiner Herkunft diskriminieren? Das macht doch keinen Sinn!
Wie oft verkaufen Sie eigentlich 35000 Franken teure Taschen?
Vielleicht eine Handvoll pro Jahr. Diese Tasche ist sehr exklusiv.
Was würden Sie heute anders machen?
Ich überlege und überlege und weiss es immer noch nicht. Denn ich weiss bis heute nicht, was ich falsch gemacht haben könnte.
Was würden Sie Oprah Winfrey sagen?
Ich würde mich entschuldigen. Es war ein Missverständnis. Ich habe Frau Winfrey sicher nicht absichtlich beleidigen wollen. Ich hoffe, dieser Albtraum ist bald zu Ende.
* Name von der Redaktion Geändert
Publiziert am 11.08.2013 | Aktualisiert am 11.08.2013