Michael Mittermeier, Deutscher Kabarettist   «Die Schweiz will die Weltherrschaft»

  • Publiziert: 17.10.2009, Aktualisiert: 19.01.2012
  • Interview: Tino Büschlen

Nächsten Monat besucht Michael Mittermeier (43) die Schweiz. SonntagsBlick fragte ihn, weshalb seine Landsleute hier einen schlechten Ruf haben – und was er von der Eidgenossenschaft hält.

Sie interessieren sich sehr für Schweizer Politik. Wie kommt das?
Michael Mittermeier:
Ich war schon immer heimlich ein kleiner Schweiz-Fan. Ihr Land ist mir extrem sympathisch. Früher hab ich mir immer die Platten von Emil angehört und konnte schon als Kind den Schweizer Dialekt imitieren. Als ich dann zum ersten Mal in der Schweiz auftrat, war mir gleich klar, dass ich hier nicht einfach mein deutsches Programm abspulen kann. Also habe ich Schweizer Themen einbezogen.

Wie informieren Sie sich über das Geschehen in unserem Land?
In erster Linie per Internet. Ausserdem habe ich viele Bekannte in der Schweiz, mit denen ich mich unterhalte. Wenn ich dann dort bin, lese ich Tageszeitungen wie den BLICK.

Dann wissen Sie ja auch, dass sich der Schweizer Fussball momentan im Hoch befindet. Der FC Zürich besiegte die AC Milan, die Nati hat sich für die WM qualifiziert.
Das habe ich natürlich alles mitbekommen. Und es ist lustig: Immer wenn eure «Nati» zwei Mal nacheinander gewinnt, will die Schweiz gleich die Weltherrschaft. Genauso war es auch, als der FC Thun in der Champions League mal ein wenig gewonnen hat. Da waren plötzlich alle Schweizer Thuner und dachten, sie könnten sich jetzt den Pokal holen.

Wenn wir schon mal gewinnen – lassen Sie uns doch die kleine Freude…
Aber sicher! Hätte der FC Thun tatsächlich die Champions League gewonnen, wäre ich der Erste gewesen, der mitgefeiert hätte. Aber die Realität sieht anders aus. Mittlerweile sind die Thuner ja wieder zweitklassig. Ich denke, im Fussball könnte den Schweizern ein wenig mehr Bodenhaftung nicht schaden.

Um Thomas Gottschalk mit «Wetten, dass ..?» quotenmässig aus der Patsche zu helfen, war eine Schweizerin gut genug.
Das würde ich nicht überbewerten. Dank Michelle Hunziker schauten halt eine Million mehr Leute zu, die sich sonst auf DSF die sexy Sportclips reinziehen. An ihren Fähigkeiten als Talkerin kann es ja nicht liegen. Doch bei Gottschalk ist es ja nicht unbedingt so, dass er von Jahr zu Jahr besser aussieht. Und sie ist eine der hübschesten Frauen am TV. Insofern war es ein geschickter Schachzug, La Hunziker in die Sendung einzubinden.

Wo sehen Sie die grössten Unterschiede zwischen schweizerischer und deutscher Politik?
Ganz klar im Bundesrat. Mit der Zauberformel habt ihr ja eigentlich eine Dauer-Kuschelkoalition. Wie aus einer anderen Zeit, in einer anderen Welt. Als würde der Vorspann von «Star Wars» laufen, mit der Ansage: «In einer anderen Galaxie, da gab es die Zauberformel!»

Würden Sie denn, wenn Sie könnten, an der Zusammensetzung des Bundesrates etwas ändern?
Ich glaube nicht. Das ist schon gut so. Die SVP möchte doch, dass das Volk den Bundesrat wählt. Aber ich bin mir gar nicht so sicher, ob die Partei damit wirklich so gut bedient wäre. Ich denke, das Schweizer Volk begreift allmählich, dass die Politik der SVP menschenverachtende Züge trägt.

Sie sprechen vom Minarettplakat?
Genau. Ich muss es so sagen: Das Plakat ist zum Kotzen. Das ist schlicht billige und populistische Hetze. Ein paar SVP-Politiker wissen anscheinend nicht mehr, wie man mit Menschen umgeht. Blocher hat diese Art des Politisierens vorgelebt und die SVP denkt immer noch, sie könne so bestehen. Man sollte sich durchaus mit dem Thema Islam auseinandersetzen, aber nicht mit einer Hetzkampagne wie dieser.

Wären Sie für ein Verbot dieses Plakats?
Nein, ich denke das ist gar nicht nötig. Schlussendlich ist es ja eine Schande für die SVP. Sie diffamiert sich damit selbst. Sicherlich werden ein paar denken: «Geiles Plakat, Ausländer raus!» Aber ich denke, intelligente Menschen werden erkennen, dass sich die Plakatmacher da nicht viel überlegt haben.

Könnte ein Minarettverbot auch in Deutschland zum Thema werden?
Ich denke, hier wäre so etwas nicht möglich. In Deutschland sind wir mit Hetzgeschichten vorbelastet. Klar gibt es Parteien wie die NPD, die immer wieder mit solchen Themen kommen. Aber die machen bei uns wählermässig Gott sei Dank keinen Stich.

Angela Merkel wurde in der Vergangenheit von Ihnen oft kritisiert. Wie beurteilen Sie die Bundeskanzlerin heute?
Es hat sich absolut nichts verändert. Sie tut das, was sie immer tut: Sie hockt auf ihrem Hintern und sitzt alles aus, was man aussitzen kann. Sie hat keinen Wahlkampf gemacht, keine brisanten Aussagen und sie setzt sich nicht für Veränderung ein. Sie macht absolut nichts.

Wie beurteilen Sie Guido Westerwelle, den Vorsitzenden der deutschen FDP?
Ich halte gar nichts von ihm. Mit der FDP haben wir einen neuen Feind. Das F für «Feind» steckt ja schon im Parteinamen. Genau die Forderungen und Ansichten dieser Partei haben zur Weltwirtschaftskrise geführt. Und jetzt soll sie einen Fortschritt bringen? Ich bin da mehr als skeptisch.

Und wie erklären Sie sich das gute Abschneiden der FDP bei den Wahlen?
In der Krise haben viele Leute Existenzängste und denken, die FDP könne besser mit Geld umgehen – ein grosser Trugschluss. Kinder, alleinstehende Mütter und die Bildung werden im Parteiprogramm vergessen.

Ist es für Sie ein Verlust, wenn ein Politiker abgewählt wird, den Sie gerne karikiert haben?
Nein, denn ich bin ein politischer Mensch und bin den Betreffenden lieber los, wenn er schlecht war. Erst das Gute für den Staat, dann für den Komiker. Nur schlechte Kabarettisten sind traurig, wenn sie ihre schlechten Politiker verlieren. Insofern war mir beispielsweise die Abwahl Blochers eine Freude.

Nicht alle Deutschen sind in der Schweiz so beliebt wie Sie. Woran liegt das?
Es ist ganz einfach: Im Urlaub besetzen wir Deutschen immer die Liegestühle – eine sehr unsympathische Angewohnheit und eine typisch deutsche Eigenschaft. Wenn wir keine Länder besetzen können, besetzen wir halt Liegestühle.

Was gefällt Ihnen eigentlich an der Schweiz?
Ich finde Land und Leute sehr kuschelig und meine das positiv. Die Schweizer denken immer, das sei negativ, eine Beleidigung. Aber dem ist nicht so. Alles ist so wunderschön ruhig und überschaubar. Ich habe hier viele tolle Menschen kennengelernt. Und das Publikum ist toll, fernab des Klischees vom langsamen Schweizer.  

Persönlich

Michael Mittermeier wurde am 3. April 1966 im oberbayerischen Dorfen geboren. Sein Studium der Amerikanistik schloss er mit einer Magisterarbeit über die Stand-up-Comedy in den USA ab. Der Durchbruch gelang ihm 1996 mit dem Bühnenprogramm «Zapped», in dem er TV-Serien und Werbespots parodierte. Seit Oktober 2007 ist er mit dem aktuellen Programm «Safari» auf Tournee. 

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SonntagsBlick verlost 3 x 2 Tickets für den Auftritt von Michael Mittermeier am 4. November im Zürcher Hallenstadion. Rufen Sie an: 0901 908 113 (1.50 Fr./Anruf), SMS an 920 (1.50/SMS) oder gratis per Wap http://wapteilnahme-online.vpch.ch/SBL13131.

Teilnahmeschluss: Dienstag, 20. Oktober (24 Uhr).

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