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Davor war er jahrelang nur noch als Freak gehandelt worden. Es hatte nichts genützt, dass am 13. Juni 2005 ein Geschworenengericht in Kalifornien zum Schluss gekommen war, dass die Anschuldigung, er habe sich an Buben vergangen, die in seinem Neverland zu Gast gewesen waren, erstunken und erlogen waren.
Die Vorzeichen hatten keineswegs einen Freispruch erwarten lassen. Zwei Milliarden Dollar Profit gingen der Unterhaltungsindustrie und den Medien durch den Freispruch verloren, schätzte Jacksons Verteidiger Tom Mesereau. Kein Wunder, dass ein blosses Gerichtsurteil nicht dazu ausreichte, den Gerüchten um Jacksons Lebensstil ein Ende zu bereiten. Kein Rauch ohne Feuer, heisst es ja gern.
Jacksons Ruf erholte sich zu dessen Lebzeiten nicht. Seine Fans wurden weit herum mit den verblendeten Opfern des koreanischen Sektenführers Sun Myung Moon gleichgestellt. Die ersten paar Takte von «Thriller» waren zum klingenden Symbol verkommen für alles aus den 80er-Jahren, woran man sich nicht erinnern wollte.
Mit dem tragischen Tod ist etwas eingetreten, was Jackson selber wohl nie mehr hätte erreichen können: Er wurde auch in den Augen des breiten Publikums wieder unschuldig. Mehr noch: Ein neues Publikum entdeckte den Künstler. Unvergesslich sind mir die Gesichter von den vier Buben, die ich ein paar Tage nach Jacksons Tod beobachtete, wie sie enttäuscht und die Welt nicht mehr verstehend im Plattenladen vor dem leergefegten Jackson-Gestell standen.
Eine ganze Generation von jungen Musikfans erlebte zum ersten Mal die Brillanz von Jacksons Musik, ohne gleichzeitig von einer Lawine von üblen Geschichten zugedeckt zu werden. Unverbrämt von Vorurteilen stürzte sie sich ins Vergnügen und entdeckte, was ihre Eltern verdrängt hatten. Nämlich, dass Michael Jackson nicht wegen seines Lebenswandels ein Star geworden war, sondern wegen seiner Kunst.
Mesereaus Behauptung, man habe durch Jacksons Freispruch zwei Milliarden Dollar verspielt, hatte einst etwas gar dramatisch gewirkt. Heute schaut sie geradezu bescheiden aus. Plötzlich waren alle Charts wieder voll von Jackson-Werken. Es wird geschätzt, dass nur schon der Dokumentarfilm* über die Proben für die Konzerte, die sein Comeback hätten markieren sollen, bis zu 250 Millionen Dollar einbringen könnte. Dabei soll dieser bloss zwei Wochen lang im Kino zu sehen sein, ehe er als DVD erscheint. Ein fauler Trick: Kein wahrer Fan kommt darum herum, sich über den Kauf der DVD hinaus auch noch ins Kino zu schleppen. Genauso wie es kaum ein wahrer Fan übers Herz bringen würde, nicht der Einladung der Konzertveranstalter zu folgen und sich statt einer Rückerstattung des Eintrittspreises ein «Souvenirticket» zuschicken zu lassen.
Zynisch konzipiert ist auch die parallel zum Film erscheinende Soundtrack-CD: nebst ein paar sattsam bekannten Hits und alten Demo-Aufnahmen finden sich darauf nur zwei unveröffentlichte Aufnahmen: Das Gedicht «Earth Song» und das posthum aufgepeppte «This Is It», aufgenommen 1983. «This Is It» wird bezeichnenderweise nicht als Download oder Single veröffentlicht. Die Komplettisten unter den Fans müssen also nur schon deswegen das Album kaufen.
Wer weiss, was die Business-Strategen zum Schröpfen der Fans sonst noch so aushecken werden. Jedenfalls steht zu befürchten, dass der Goodwill, durch den die «Marke» Michael Jackson nach dem 25. Juni wieder salonfähig geworden ist, durch kaltschnäuziges Profitdenken bald zunichte gemacht wird.
*Der Film «This Is It» läuft weltweit am Mittwoch an. Für die nächtlichen Premieren (morgens um 3 Uhr!) in Zürich und Lausanne gibts keine Karten mehr. Die Macher haben den Film aus mehr als 100 Stunden Videomaterial von den Proben für die Comeback-Konzerte in London gemacht.
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Michael Jackson wurde nicht wegen seines Lebenswandels, sondern wegen seiner Kunst zum Star. (AP)