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Früher war Anastacia einfach nur peinlich. Ganz egal, was sie sagte, machte oder sang – alles wirkte wie künstlicher Medienzirkus, alles war ein bisschen zu laut. Mit ihr wollten die coolen Leute so wenig zu tun haben, wie mit einem 1-Franken-Ladenhüter aus 100 Prozent Polyacryl im C&A-Sommerschlussverkauf. Heute gibt es solche Auftritte nicht mehr.
Die US-Sängerin hat ein nagelneues Rundum-Paket erhalten: neue Plattenfirma, neue Körperteile, neues Comeback und ein neuer Ehemann. Anastacia ist auf allen Ebenen wieder gesellschaftsfähig. Auch wenn sie an diesem Tag im wahrsten Sinne des Wortes zu dick aufgetragen hat.
Ihre Freude über den grossen Medienandrang scheint aber auch durch die zentimeterdicke Puderschicht hindurch. Ihre Augen strahlen, und wenn sie lacht, blitzen alle 32 porzellanweissen Zähne auf. Sie scherzt mit jedem Journalisten, dem sie zur Begrüssung die Hand reicht. Und man spürt: Diese Freude ist echt, sie kommt von Herzen.
«Irgendwie fühle ich mich, als hätte ich eine zweite Chance bekommen, noch einmal ganz neu anfangen zu dürfen. Ich habe ein neues Management, ein neues Label. Als ich begonnen habe, an diesem Album zu arbeiten, habe ich mich auf einmal frei gefühlt», sagt die 40-Jährige.
«Natürlich ist es so, dass sich alles nach mir anhört. Meine Stimme ist nun mal meine Stimme und keine andere. Aber ich habe mich bei der Arbeit zu ‹Heavy Rotation› wie bei meiner ersten CD gefühlt. Ich konnte mit ganz neuen Produzenten und anderen Sängern arbeiten. Das hat mir wirklich sehr viel gegeben. Auch den Mut, meine Haare abzuschneiden und mein wahres Alter zu verraten», lacht sie.
Von einem Tag zum nächsten gleich fünf Jahre älter – das würde so manchen Menschen alt aussehen lassen. An Anastacia ist der Alterssprung spurlos vorübergegangen. Sie liess die kleine Bombe kurz vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums platzen. Ob das nun medienbewusst getimt war oder nicht, der Sängerin ist damit offensichtlich ein grosser Stein vom Herzen gefallen.
«Als ich 1998 meinen ersten Plattenvertrag unterschrieb, entschied das Label, dass sich das Album einfach besser verkaufen würde, wenn ich erst Mitte zwanzig sei», sagt sie. «Niemals hätte ich denen zu diesem Zeitpunkt widersprochen. Ich war ja noch ein blutiger Anfänger in dem Business und froh, es überhaupt geschafft zu haben, dort reinzukommen.»
Auch Anastacia begann ihre Karriere, wie so viele, einmal bei einer Castingshow des Musiksenders MTV. Gewinnerin von «The Cut» wurde zwar eine andere, aber Anastacia schaffte es, die Plattenbosse so zu beeindrucken, dass sie vom Fleck weg unter Vertrag genommen wurde. Zwei Jahre später erschien ihr Solo-Debüt «Not That Kind», das in der Schweiz von null auf eins stieg, sich wochenlang in den Charts hielt und weltweit über fünf Millionen Mal verkaufte.
Die Anastacia-Story ist nicht gerade ein Aschenputtel-Märchen. Aber immerhin hat sie doch ihre Coiffeur-Ausbildung in New York an den Nagel hängen und ihren Traum verwirklichen können. Wem sie ihren Erfolg zu verdanken hat, das weiss die Neu-40-Jährige ganz genau: ihren Fans. Dem zweiten Kind des Sängers Robert Newkirk und der Broadway-Schauspielerin Diane Hurley wurde diese Weisheit in die Wiege gelegt: Wer Erfolg haben möchte, der muss seine Fans pflegen.
Doch ihre Eltern haben ihr nicht nur Show-Biz-Grundregeln mit auf den Weg gegeben, sondern auch ein solides Fundament an Selbstbewusstsein. «Als meine Eltern sich getrennt haben, war ich drei Jahre alt. Aber soweit ich mich erinnern kann, hatte ich eine glückliche Kindheit und wurde ganz offen erzogen.»
2003 machte Anastacia einen Termin bei einem Schönheitschirurgen. «Ich wollte mir eigentlich nur den Busen verkleinern lassen, weil ich starke Rückenschmerzen hatte», sagt sie. «Dann hat mir der Arzt die schreckliche Diagnose mitgeteilt.» Der Befund nach der Mammografie: Brustkrebs. «Ich glaube, für meine Familie war es am schwierigsten. Später hat meine Mutter mir erzählt, dass sie stundenlang einfach nur geweint hat, nachdem ich es ihr am Telefon erzählt hatte, und dann ist sie auch noch mit dem Auto jemanden hinten aufgefahren.»
Die Journalistin Barbara Walters filmte für das US-Fernsehen die gesamte Operation und musste dafür schwere Kritik einstecken. Für Anastacia war der Film nichts als ein Dokument echter Menschlichkeit. Sie zeigte sich wie ein richtiger Mensch: weinend und schreiend vor Schmerz. Sie wollte, so sagte sie in einem Interview, ihre Fans in ihre Welt lassen. «Ich dachte, ich wüsste, worauf ich mich da einliess. Schon als Kind hatte ich eine schwere Operation hinter mich gebracht», erzählt sie. «Doch diese war schlimmer als alles, was ich jemals erlebt habe.»
Noch härter als die Operation aber war die anschliessende Therapie. «Ich war immer stark, aber plötzlich war ich nur noch müde», erinnert sich Anastacia. Vor allem ihre Vergesslichkeit machte ihr zu schaffen. Nicht einmal die einfachsten Textzeilen konnte sie sich mehr merken. «Ich wollte unbedingt gleich wieder arbeiten. Als ich dann endlich wieder Songtexte schreiben konnte, war das für mich wie ein Befreiungsschlag.»
Der Mann, mit dem sie ihr wiedergewonnenes Leben geniesst, heisst Wayne Newton. Für den professionellen Bodyguard, der seine zwei Kinder erster Ehe mitgebracht hat, ist Anastacia vor einem Jahr nach London gezogen. «Ich habe das extra nicht an die grosse Glocke gehängt, damit ich hier in Ruhe leben kann. Glücklicherweise erkennen mich nur die wenigsten, wenn ich meine riesige Sonnenbrille und meinen übergrossen, schwarzen Hut trage», witzelt sie.
«Nein, im Ernst, ich trage privat kein Make-up und laufe in ganz normalen Jeans herum und damit sehe ich einfach nicht aus wie Anastacia die Sängerin. Vor ein paar Wochen war ich mit Wayne und seinen Kindern im Disneyland bei Paris. Von wegen Promi-Status: Ich musste genau wie die anderen stundenlang in der Schlange anstehen und warten.»
Es ist stets eine heikle Sache, über jemanden, der eine so schwere Krankheit überstanden hat, noch ein kritisches Wort zu verlieren. Zum Beispiel zu sagen, dass einem die alten Songs immer noch nach der ersten Minute im Radio auf die Nerven gehen. Darum ist es gut, sagen zu können, dass «Heavy Rotation» tatsächlich anders ist. Mehr Soul, weniger Geschrei. Warme Akustik-Einlagen, ihre Stimme mal nur von einer Gitarre begleitet. Das zeigt, dass Anastacia wirklich singen kann und nicht nur laut ist. Und, dass Anastacia mit vierzig wirklich nicht mehr peinlich ist.
Anastacia: «Heavy Rotation»
Heavy Rotation Anastacia Universal.