Wenn der nette TV-Promi im Blog plötzlich ganz bös wird «Elton John ist lächerlich, eine Karikatur»

  • Aktualisiert am 13.01.2012
  • von simone matthieu und peter padrutt

BASEL – Am TV ist er der einfühlsame Talker. Doch in seinem Internet-Tagebuch auf der Homepage von SF haut Kurt Aeschbacher (58) auch mal böse in die Tasten: zum Beispiel gegen Sir Elton John (59)!

Gifteln, draufhauen, kritteln. Man nennt es schlicht «Blog» – es ist die neue Waffe aus dem Hinterhalt. Man sinniert, haut andere in die Pfanne und muss ihnen dabei nicht mal in die Augen schauen. Seit diesem Frühling schiesst auch Kurt Aeschbacher mit virtuellen Pfeilen. Jetzt gegen einen der grössten Popstars aller Zeiten – Sir Elton John. Der nette TV-Talker gallig: «Er ist nur noch eine Karikatur seiner selbst.»

Grund für Aeschbis dissonante Töne: Am Samstag war er zu einem exklusiven Avo-Session-Konzert des Rocket Man in Basel geladen.

Doch Aeschbi fand den Superstar schrecklich: «In einem ziemlich lächerlichen, viel zu langen, üppig bestickten Frack, bewaffnet mit einem riesigen, glitzerigen Cartier-Kreuz um den Hals, schlich ein dicklicher, älterer Herr mit aufgeschwemmtem Gesicht an seinen Flügel und klimperte die ersten zehn Minuten belanglos vor sich hin.»

Dabei hatten Moritz Suter und sein Gönnerver-ein rund eine Million dafür hingeblättert, dass Elton John vor 1500 Begeisterten ein intimes Gastspiel gab.

Alle waren sie gekommen: Die Bank Sarasin war mit Eric Sarasin und Peter Merian vertreten, Andreas und Gigi Oeri wippten im Takt. Auch Radio-Chef Walter Rüegg und TV-Direktorin Ingrid Deltenre klatschten eifrig mit, schliesslich übertrugen ihre Sender das Konzert live. Es soll ein Gerangel gegeben haben, wer dem Pop-Sir die Hand schütteln durfte.

Doch Aeschbacher desavouiert in seinem Blog: «Am Cocktail zu Ehren von Herrn Elton John fehlte der Ehrengast.» Hätte Aeschbi dem Mann, für den er mal einen Versace-Anzug zugunsten dessen Aids-Stiftung versteigerte, gerne die Hand geschüttelt? Matthias Müller, Organisator der Avo-Session, weiss: «Aeschbacher versuchte, über eine Drittperson ein persönliches Treffen mit dem Popstar zu arrangieren.» Das habe aus Zeitdruck nicht geklappt.

Klar ist aber: Elton heizte ein. Rockte und röhrte, verzauberte das Publikum. Nur Aeschbi konnte dem Abend nichts abgewinnen: «Er spulte eine Sause ab, als ob er auf einer Galeere arbeiten würde, mit zwei Dollarzeichen in den Augen.»

Seltsam, Matthias Müllers Beobachtung: «Ich sah, wie Aeschbi mitschunkelte.»

Doch Kurt Aeschbacher fragt genervt: «Wieso tut Elton sich (und uns) das an? Ist es bloss das Geld oder die Sucht, bis zum Umfallen einfach auf der Bühne zu stehen?» Aeschbi würde es nämlich anders machen: «Ich habe mir hinter die Ohren geschrieben, rechtzeitig vom der Bildfläche zu verschwinden.»

Was sind Blogger?

Blogger tun genau das, wofür die weniger Modernen unter uns noch Füllfeder und Papier brauchen: Sie schreiben ein Tagebuch. Nur machen sie das im Internet und nennen es Blogging statt «Tagebuch schreiben». Das Wort Blog ist eine Kurzform von Weblog, was nichts anderes bedeutet als Online-Tagebuch. Richtige Blogger schreiben fast täglich in ihr Internet-Tagebuch. Sie halten darin ihre Gedanken, Erkenntnisse und Erlebnisse fest. Überall auf der Welt.

Kommentar

Bloggen: Anstand und Respekt wahren
VON MARCEL ZULAUF

Blogs boomen. Medienwissenschaftler sahen darin schon ein neues Kontrollorgan der Demokratie. Privatleute berichten über ihren Alltag, beobachten die Welt, tun ihre Meinung kund. Aber längst haben bekannte Gesichter das Gefäss im Internet für sich entdeckt.

SF-Chefredaktor Ueli Haldimann tuts, TV-Star Kurt Aeschbacher machts, der Unternehmensberater Klaus J. Stöhlker ebenfalls: Sie bloggen, was die Tastatur hergibt. Sie schreiben dort, was sie sonst so nicht sagen würden. Selbst wenn sie – wie Haldimann – im Namen ihres Unternehmens bloggen, lassen sie ihrer Meinung freien Lauf.

Das ist nicht weiter schlimm. Aber dennoch ist es nicht gut. Denn Profis, die sich sonst strikt an journalistische Kriterien halten, lassen plötzlich die gebotene Sorgfalt und Distanz vermissen. Sie machen Stimmung als Meinungsmacher und setzen somit ihre journalistische Rolle, ihre neutrale Sichtweise aufs Spiel.

Dieses Recht sollte aber den Bloggern vorbehalten bleiben. Sie sollen sich nicht an die üblichen Regeln halten müssen. Solange sie Anstand und Respekt wahren, bringen sie frischen Wind in die Medienwelt.

Aber es läuft mit der Blogwelt wie mit allen Gefässen im Internet: Kaum etabliert, werden sie kommerziell verwendet und dadurch verwässert. Das Netzwerk von «MySpace» ist Werbefläche der Musikindustrie, «YouTube» wird von Film-Profis missbraucht und in Blogs schaffen sich Medienprofis eine neue Plattform. Schade, denn hier wäre Abstand halten an-gesagt.
Elton John Geboren als Reginald Kenneth Dwight am 25. März 1947 in Middlesex (GB). 1968 erste Single, 1970 internationaler Durchbruch, 1979 als erster westlicher Star in der Ex-Sowjetunion. Elton ist der erfolgreichste britische Solokünstler aller Zeiten. Vermögen: geschätzte 375 Millionen Franken. 2005 Heirat mit David Furnish (44).- epa

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