<b>Seitensprung</b> Eine Frau ist zu wenig

  • Aktualisiert am 20.01.2012
  • Von Rachel Spirig und Barbara Lienhard

Seitensprung – so leicht wie nie: Ein Klick im Internet genügt. 100 000 Schweizer haben es schon ausprobiert.

Deutliche Worte im Internet: «Ich suche einen Seitensprung oder eine heisse Affäre. Melde Dich, wenn Du Lust hast mit mir zu ...», schreibt Patrick F.* (34) im Chat von www.webtreff.ch. Der Polizist aus dem Kanton Zürich verkehrt täglich auf der Kontaktseite in der Hoffnung sexhungrige Frauen zu finden. «Mit meinem Pseudonym ‹Katerpat› bin ich anonym und fühle mich absolut sicher. So kann ich offen über sexuelle Vorlieben und Wünsche schreiben», sagt der notorische Seitenspringer. «Beim Treffen ist dann alles klar und man kommt gleich zur Sache.»

F. ist seit vier Jahren verheiratet – glücklich, wie er sagt. Seine Frau weiss jedoch nichts von diesem Treiben.

«Ich brauche diesen Kick»

Angst vor Entdeckung hat er keine. «Ich arbeite in Schichten, das ist doch ideal. Wenn ich abends spät unterwegs bin, fragt mich meine Frau nicht nach Details. Sie denkt, ich sei bei der Arbeit.» Lügen möchte Fremdgänger F. eigentlich nicht, die Ehe sei ihm heilig. Und auch zu Hause komme er sexuell nicht zu kurz. «Meine Frau und ich wollen bald ein Kind. Deshalb schlafen wir sehr oft zusammen. Ich begehre sie enorm.»

Und doch zwingt ihn, wie viele andere, «ein unerklärlicher innerer Trieb» jeden Tag aufs Neue ins Internet, um heimliche Sextreffs zu verabreden. «Ich brauche diesen Kick, ich will wissen, wie es mit anderen Frauen ist, fremde Körper spüren, und mich total gehen lassen können!» Das Leben sei zu kurz für nur eine Frau.

Keine Schuldgefühle

Wie seine Seitensprung-Partnerinnen aussehen, ist dem Hobby-Bodybuilder egal. Hauptsache, sie stammen nicht aus der Nachbarschaft. «Am liebsten verkehre ich mit den Frauen in meinem Auto – das ist gross genug!», verrät F. Schuldgefühle verspürt er keine. «In meinem Bekanntenkreis kenne ich niemanden, der 100-prozentig treu ist.»

Zum ersten Mal hat er seine Frau vor zwei Jahren betrogen, damals mit einer Beamtin auf dem Polizeiposten. «Ich habe meiner Frau den Seitensprung gebeichtet», so F., «das gab Riesenärger. Ich musste ihr ewige Treue schwören, sonst hätte sie mich sofort verlassen.»

*Name von der Redaktion geändert

Urs* (49 ), Schreiner aus dem Kanton Thurgau


«Ich liebe es, verschiedene Körper auszukundschaften»

«Mit vier Frauen treffe ich mich zurzeit, jede weiss von der andern», gesteht Urs. Nur eine weiss nichts von seinen Eskapaden: seine Ehefrau.

Seit zehn Jahren ist der Schreinermeister verheiratet. Einmal wöchentlich verbringt er erotische Stunden mit Frauen, die er kennenlernt: «Mehr als hundert werden es schon sein. Ich liebe es, verschiedene Körper auszukundschaften.» Manchmal sogar in seinem eigenen Ehebett.

Vom Gewissen geplagt wird der untreue Ehemann nicht: «Wenn ich nach einem Seitensprung auf meine Frau treffe, fühl ich mich gut. Es ist, als ob ich beim Sport gewesen wäre.»

Angst, dass seine Frau von seinen Eskapaden erfährt, hat er nicht. «Die Frauen, mit denen ich mich treffe, sind ja auch liiert. Sie werden sicher nichts verraten.»

Beatrice* (48), Krankenschwester aus dem Kanton St. Gallen


«Das Kribbeln ist längst weg»

Beatrice chattet täglich mit fremden Männern im Internet.
Jede zweite Woche trifft sich die Krankenschwester auf ein Schäferstündchen im Hotel. «Die Zeit mit meinen Liebhabern gehört mir ganz allein – fernab von Ehemann und Kindern», sagt die dreifache Mutter.

Beatrice ist seit 26 Jahren verheiratet. «Meinen Mann kenne ich in- und auswendig. Das Kribbeln ist längst weg.»
Schuldgefühle kennt Beatrice nur aus der Vergangenheit. Seit sie mit ihrem Mann ein stilles Abkommen übers Fremdgehen getroffen hat, fühlt sie sich gut dabei. Beatrice: «Mein Ehemann gönnt mir mein Vergnügen. Ausserdem ist er froh, wenn ich zu Hause ausgeglichen und zufrieden bin.»

Erotischer Kick per Mausklick


Partnervermittlung Erst war es verboten, dann gefährlich, ein paar Jahrzehnte lang extrem kompliziert, seit 2002 ist Fremdgehen nur noch ein raffiniertes Spiel: Heute gibt man sich den erotischen Kick ganz einfach per Klick. In der Schweiz bietet ein volles Dutzend Websites Abenteuer per Internet. Hoch spezialisierte Portalbetreiber bringen Menschen zusammen, die fremdgehen wollen. Ihr Angebot stösst auf grosses Interesse: «In der Schweiz suchen mehr als 100 000 Interessierte über das Internet einen Seitensprung», sagt Informatiker Henning Wiechers (32). Er betreibt die Internetseite www.singleboersen-vergleich.ch. Anfangs hätten die Schweizer sehr skeptisch reagiert. Mehr als die Hälfte aller Anmeldungen seien wieder abgebrochen worden. «Doch die Angst wich der Neugier und heute erlebt die Branche einen regelrechten Boom», so Wiechers.

Internet-Adresse genügt

Der Grund ist klar: Das Internet garantiert, was den Untreuen am wichtigsten ist: absolute Anonymität. Und der Zugang ist einfach. Für den Seitensprung braucht es bloss eine gültige Internet-Adresse. Männer bezahlen für die Vermittlung bis zu 200 Franken, Frauen, die auf allen Seiten in der Unterzahl sind, loggen sich kostenlos ein. Gratis zieht immer: Auf 12 600 seitensprungwillige Männer kommen beispielsweise bei direct-date 10 400 potenzielle Sexpartnerinnen.

Die virtuelle Sex-Börse deckt alle Wünsche ab: «Sternensucher» (32) steht auf Kuschelsex. «SusiS» (35) liebt den «dirty-talk». Der «Harteharry» (38) sucht eine Partnerin für Sado-Maso-Spiele.

Gefährliche Anonymität

Doch gerade in der Anonymität des Internets lauern Gefahren. «Zu spät habe ich gemerkt, dass meine vermeintliche Seitensprungpartnerin eine Prostituierte war», erzählt Fritz T.* (52) aus Basel und klagt: «Als ich nicht zahlen wollte, drohte sie, ihre starken Kollegen draussen im Auto auf mich zu hetzen.»

* Name der Redaktion bekannt
Seitensprungzimmer- Foto: Rainer Bolliger

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