Gewissheit Ylenia lag vergraben im Waldboden

  • Publiziert: 15.09.2007, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Von Daniel Jaggi und Walter Hauser

Was hunderten von Polizeibeamten trotz wochenlanger Suche nicht gelang – Simon Kuhn (28) schaffte es. Gestern Mittag entdeckte der Winterthurer den leblosen Körper der kleinen Ylenia, verscharrt im Waldboden.

Ein kleines Waldstück, direkt neben der Autobahn Zürich–St. Gallen, unweit von Oberbüren SG. Die dichten Baumkronen des Hartmannswalds lassen kaum Licht auf den wenig bewachsenen Boden. Nur etwas Laub bedeckt den Grund. Überall gibt es hier Dachs- und Fuchshöhlen. Seit ihrem Verschwinden sucht Simon Kuhn aus Winterthur ZH nach Ylenia L.* (5) – vor allem hier. Kuhn, genannt «Kuno», arbeitet als Kundenbetreuer in der Informatik. Er weiss, dass im Hartmannswald das Kickboard des Mädchens gefunden worden ist. Und er weiss, dass Urs Hans Von Aesch unweit von hier auf einen 46-Jährigen schoss und ihn schwer verletzte.

Kuhn ruft sofort die Polizei

Auch gestern Samstag sucht Simon Kuhn erneut das Waldstück ab. Vorsichtig schreitet er über den kargen Boden, in der Hand einen Holzstecken, mit dem er Blätter zur Seite räumt. Plötzlich entdeckt er frische, aufgeworfene Erde. Hier müssen Tiere gescharrt haben – ein tiefes Loch. In der Mitte sieht Simon Kuhn etwas Merkwürdiges. Er blickt näher hin: eine Leiche! Kuhn ruft sofort die Kantonspolizei St. Gallen. Um 12.11 Uhr rückt die erste Patrouille nach Oberbüren aus. Es kommen immer mehr. Die Beamten legen die Leiche mit Schaufeln frei. Bald bestätigt sich der schlimme Verdacht: Es ist ein kleines Mädchen – wahrscheinlich Ylenia.

Um 13.10 Uhr alarmieren die St. Galler Polizisten ihre Appenzeller Kollegen. Eine Viertelstunde später stehen zwei Beamte vor der Tür von Charlotte L.* (43), der Mutter der verschwundenen Ylenia. Polizeikommandant Andreas Künzle (53): «Sie haben ihr mitgeteilt, dass ein totes Kind gefunden wurde.»

Das Kind ist nackt

Inzwischen hat die Polizei mit der Spurensicherung begonnen. Sie stellt fest, dass der Fundort nur 270 Meter von dem des Kickboards entfernt ist, 140 Meter von der Stelle, wo Von Aesch den 46-Jährigen angeschossen hatte, bevor er sich selber tötete. Sicher ist inzwischen, dass es Wildtiere waren, die den Körper teilweise freigescharrt haben. Die Beamten können den Körper nur mit «massiven Grabarbeiten» aus dem Loch heben, wie Kripochef Bruno Fehr (50) zu SonntagsBlick sagte. Das Kind ist nackt. Schmuckstücke weisen darauf hin, dass es sich wirklich um Ylenia handelt. Wie sie ums Leben gekommen ist, will die Polizei nicht sagen. «Erste Untersuchungsergebnisse erwarte ich am Dienstag», sagt Fehr später an der Pressekonferenz in St. Gallen.

Um 15.30 Uhr wird Ylenia im Leichenwagen ins Institut für Rechtsmedizin St. Gallen überführt. DNA-Proben sollen ihre Identität 100-prozentig klären. Der Kripochef erhofft sich von der Obduktion auch Klarheit darüber, wie das kleine Mädchen ums Leben gekommen ist.

Hat die Polizei geschlampt?

Beunruhig durch das grosse Polizeiaufgebot, fährt Vreni Schibli (58) kurz nach 16 Uhr auf dem Mofa zum Fundort. Sie meldet den Beamten «Meine Hündin Diana schien beim Fundort schon vor einer Woche etwas zu wittern.» Schibli entsetzt: «Jetzt wird mir klar: es könnte Ylenias Spur gewesen sein.» Die Polizei hatte das Waldstück schon zwei Mal mit einem grossen Aufgebot systematisch abgesucht. «Obwohl wir sogar Leichenhunde eingesetzt hatten», so Sigi Rüegg, Chef der St. Galler Regionalpolizei. Von einer Fahndungspanne möchte er nicht reden. Nur: «Warum unsere Hunde nicht fündig wurden, ist mir ein Rätsel.»

Vreni Von Aesch, die Frau des Mörders, war gerade bei Freunden im spanischen La Nuncia, als sie ein Anruf der Kantonspolizei erreichte: Ylenia ist gefunden. Vreni Von Aesch eilt nach Hause. Seitdem ist sie für niemanden zu sprechen. Auch nicht für ihre Verwandten im aargauischen Zetzwil. Schwager Hans Stauber: «Wir trauern mit der Mutter von Ylenia und sind in Gedanken bei ihr.»

Calmy-Rey kondoliert

Die Mutter von Ylenia wird seit Samstagnachmittag permanent psychologisch betreut. Ihr Bruder Raphael L.*: «Mein Bruder hat mich über den schrecklichen Fund meines Göttikindes informiert. Ich bin im Moment nicht in der Lage, darüber zu reden.» Tief betroffen über den Fund zeigte sich gestern Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey (62). Sie kondolierte der schwer geprüften Mutter.
Dass Simon Kuhn auf eigene Faust nach der kleinen Ylenia gesucht hatte, ist für Kripochef Fehr kein Problem. «Ich respektiere sein Motiv, kann es sogar sehr gut nachvollziehen.» Ob der Winterthurer die von Privatleuten ausgesetzte Belohnung in Höhe von etwa 21 000 Franken erhalten wird, blieb bis Redaktionsschluss offen.

Die war auch nicht sein Motiv: Simon Kuhn hatte unlängst im näheren Verwandtenkreis miterleben müssen, wie eine Mutter leidet, die ihr Kind verloren hat. Sieben Wochen bangte die Schweiz. Seit gestern ist der letzte Funken Hoffnung erloschen.

* Name der Redaktion bekannt

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