Zweitwohnungen Gemeinden buhlen um Phantom-Schweizer

Um trotz Zweitwohnungs-Initiative an Ausländer verkaufen zu können, greifen Makler tief in die Trickkiste.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 Doris Leuthard im grossen Interview «Trump kann der Schweiz schaden»
2 Grossbank macht Jagd auf Studentinnen UBS gibt Schminkkurse
3 SmartShuttle-CEO Daniel Landolf (57) «Chauffeure braucht es noch...

Wirtschaft

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
16 shares
27 Kommentare
Fehler
Melden

Seit Anfang Jahr ist die Zweitwohnungs-Initiative in Kraft – und in den Tourismusgebieten macht sich Katerstimmung breit: «Der Bau von Zweitwohnungen ist in vielen Regionen eingestellt», sagt Marco Rentsch vom Beratungsunternehmen Price­waterhouse-Coopers (PwC).

Doch als wäre nichts geschehen, versuchen Immobilienmakler weiterhin neue Projekte in Tourismusregionen zu realisieren. Sie wandeln Chalets in hotelähnliche Anlagen um und helfen Ausländern, über einen Scheinwohnsitz an Wohneigentum in der Schweiz zu gelangen.

Wie das funktioniert, lässt sich im Wallis gut beobachten. Auf der Lauchernalp im Lötschental kaufte der italienische Investor Mario L.* vor ein paar Jahren Bauland in bester Lage. Das schneesichere Skigebiet lockt mit traumhafter Aussicht auf die Alpen. Doch niemand wohnt das ganze Jahr über dort. Es handelt sich ausschliesslich um Ferienwohnungen und Chalets.

Von rund 20'000 Quadratmetern ist die Hälfte überbaut – ein bereits vor Annahme der Zweitwohnungs-Initative verabschiedeter Überbauungsplan machte es möglich.

Für das restliche Bauland wirbt L. nach wie vor um Käufer. «Für Ihre Ferien in Wiler und als Topinvestment in der Schweiz», preist der Immobilienmakler die Chalets für Kunden aus dem Ausland an. Der Trick: Die neuen Ferienhäuser sind Teil einer hotelähnlichen Anlage.

Doch diesem Schlupfloch schiebt das Kantonsgericht Wallis mit einem Urteil von Anfang Oktober nun einen Riegel, wie Anne Bachmann (55) von der Stiftung Franz Weber sagt: «Die Richter erteilten einem als Hotel getarnten Projekt in der Gemeinde Riddes VS eine Absage. Die Richter fanden, dass die geplanten Ferienwohnungen in La Tzoumaz zu individuell gestaltet seien, um noch von einer hotelähnlichen Anlage zu sprechen.» Das wegweisende Urteil hat Auswirkungen auf Dutzende ähnlicher Projekte in den Alpen.

Jede Woche durchforstet Bachmann von der Fondation Franz Weber die Amtsblätter der Kantone Wallis und Waadt nach zweifelhaften Bauprojekten. Schöpft sie Verdacht, legt sie bei der Regierung Rekurs ein.

150 Einsprachen sind derzeit vor dem Walliser Staatsrat hängig, 40 vor dem Kantonsgericht, zwei vor Bundesgericht. Denn die Gesetzeslage, so Bachmann, sei klar: «Mich rufen oft Leute aus dem Ausland an, die eine Ferienwohnung in der Schweiz kaufen möchten und nach den Möglichkeiten fragen. Ich antworte ihnen dann: Es dürfen keine neuen Ferienhäuser gebaut werden.»

Trotzdem versuchen es windige Immobilienverkäufer immer wieder: So bietet ein Oberwalliser Promotor in Les Collons im Val d’Hérens vier neue Chalets zum Kauf an. Zwischen 2,2 Millionen und 2,7 Millionen kosten die Luxus­chalets mit direktem Zugang zur Skipiste. «Available for foreigners – Erwerb für Ausländer möglich», versprechen die Verkäufer. Auch gegen dieses Projekt hat die Weber-Stiftung einen Rekurs hinterlegt.

Immer öfter umgehen Ausländer die Bewilligungspflicht für einen Chaletkauf durch eine Wohnsitznahme in der Schweiz. Um zu ­einem Grundstück zu kommen, genügten die Niederlassungsbewilligung, verknüpft mit einer Wohnsitzbestätigung und einer Bestätigung der kantonalen Steuerverwaltung, erklärt Sergio Biondo von der Walliser Dienststelle der Grundbuchämter.

Eine Niederlassungsbewilligung zu bekommen, ist für reiche Ausländer kein Problem. Dass er oder sie den Lebensmittelpunkt in der Schweiz hat, wie vom Gesetz gefordert, erklären Käufer oder Käuferin mit der Unterschrift auf einem einfachen Formular «auf Ehre und Gewissen».

«Bei Zweifeln oder ungenügenden Angaben wird der Antragsteller gegebenenfalls einer genaueren Überprüfung unterzogen», erklärt Dienstchef Biondo. In den meisten Fällen verlässt sich der Kanton auf die Angaben der Gemeinden.

Damit macht es der Kanton Wallis reichen Ausländern einfach. Zu einfach, findet SP-Nationalrätin Jacqueline ­Badran (54). «Dieses Formular ist für sich ein Skandal – es darf nicht sein, dass man als Ausländer einfach mit einer Unterschrift die Bewilligung erhält, hier Grundstücke zu erwerben.» Die Kantone müssten prüfen, ob die Personen tatsächlich ihren Lebensmittelpunkt in der Schweiz hätten – nicht nur ­einen gemieteten Scheinwohnsitz.

«Die Behörden haben ja die Möglichkeit dazu: Über das Ablesen der Wasser- und Stromzähler liesse es sich einfach feststellen», so Badran.

Für reiche Ausländer ist der Erwerb einer Immobilie und eine Wohnsitznahme in der Schweiz durchaus attraktiv: Sie sparen Steuern und gelangen mühelos zu einer Wohnung, die sie dann als Ferienwohnung nutzen.

Deshalb geht die Fondation Franz Weber auch gegen Projekte vor, die als Erstwohnsitz getarnt sind. Erst vor kurzem habe man gegen ein Projekt von 25 neuen Chalets in der Gemeinde Hérémence einen Rekurs eingelegt, berichtet Anne Bachmann. «Doch eigentlich wäre es Aufgabe der Behörden, solche Projekte zu prüfen und im Zweifelsfall abzulehnen.»

*Name der Redaktion bekannt

Publiziert am 16.10.2016 | Aktualisiert am 03.11.2016
teilen
teilen
16 shares
27 Kommentare
Fehler
Melden

TOP-VIDEOS

27 Kommentare
  • Nando  Mathieu aus Agarn
    16.10.2016
    Träumen Sie oder ich.? Kennen Sie einen Politiker oder Politikerin der die Wahrheit sagt.? Denn die Leute akzeptieren die Wahrheit nicht.
    Freundliche Grüsse
    Nando Mathieu
  • Markus  Herger aus Root
    16.10.2016
    Warum erstaunt es niemand, dass im Wallis gemauschelt wird was das Zeug hält. Ich finde diese 2. Wohnungsinitiative sinnvoll, das Volk hat die angenommen und nun soll die auch umgesetzt werden. Sollen diese Superreichen die ja angeblich sooo viel Wertschöpfung generieren doch einfach in ein entsprechendes Hotel gehen, können sich ja gerne den ganzen Stock mieten. Hotels können ja aus x-Chalets bestehen, aber immerhin gibt das eine halbwegs sinnnvolle Auslastung des ohnehin knappen Bodens.
  • Beat  Koch aus Zürich
    16.10.2016
    Diese Weber-Stiftung ist ja noch schlimmer als der VCS! Hoffentlich verlieren alle diese Schweizer, die diese unsinnige Initiative angenommen haben, ihren Job, weil ein Grossteil des Marktes fehlt! Doch leider kam die mehr durch diejenigen zustande, die gar nicht in einer Tourismusgegend leben.
    • Henri  Steinlin aus Courchavon JU
      16.10.2016
      @Koch: ... diese Wohnungen werden ja alle durch zugewanderte PFZ "Fachkräfte" aus der EU gebaut und die Unternehmer kassieren viel dank "Dumpinglöhnen" und im Winter dank der ALV.
      Die 2. Wohnungsinitative und die MEI ergänzen sich doch prima, Das ist doch geanau das was der "Volchswille" will - einverstanden?
  • Kurt  Schlup , via Facebook 16.10.2016
    Wer reichte die Zweitwohnungs-Initiative ein,waren das nicht die Umwelt und Linken Parteien die dafür waren. Und bei der Mai waren diese Parteien dagegen. Da sieht man was diese Leute Studieren. Entschuldigung es sind ja zum grössten teil Studierte.
  • Toni  Brunner aus Dasmarinas/Cavite/Philippines
    16.10.2016
    Lustig ist, dass die gleichen politischen Kreise, die z.B. per MEI die Pfz-Zuwanderung stoppen wollen, hier absolut keine Hemmungen haben, unsere schönsten Plätze an Ausländer zu verschachern.
    Wenn die eigene Kasse klingelt ist der Schutz unseres Landes zugunsten nachfolgender Generationen plötzlich nicht mehr so wichtig.
    Ganz schön doppelzüngig, wie ich meine.