Neue Diskussion über Grundeinkommen für alle! Wird man wirklich für 12.60 Franken am Tag satt?

  • Publiziert: 19.09.2010, Aktualisiert: 03.01.2012
  • Von Werner Vontobel

Von Fr. 12.60 müssten arbeitslose oder pensionierte Singles leben, wenn AHV und Arbeitslosengeld durch ein garantiertes Grundeinkommen ersetzt würden.

Geld vom Staat, ob man arbeitet oder nicht: Schon lange wird unter Ökonomen ernsthaft über die utopisch tönende Idee debattiert. John Maynard Keynes warb in den Dreissigerjahren dafür, in den Siebzigern tat es ihm sein neoliberaler Gegenspieler Milton Friedman gleich. In Deutschland macht sich Götz Werner, Chef der DM-Drogeriemärkte, für ein garantiertes Grundeinkommen stark. In der Schweiz treten unter anderen Professor Thomas Straubhaar und Privatbankier Konrad Hummler dafür ein.

Nun liegt erstmals ein finanzierbares Modell für die Schweiz vor. Die Organisation Bien (Basic Income Earth Network) hat errechnet, welches Einkommen die Eidgenossenschaft jedem zahlen kann, wenn dafür Leistungen wie AHV, Arbeitslosenkasse, Sozialhilfe und Ähnliches komplett entfallen. Die Antwort: 2200 Franken pro Monat für Erwachsene, 1100 für unter 20-Jährige. Wer mehr als 4000 Franken monatlich verdient, muss allerdings auf den Grundbetrag verzichten. Bei geringerem Lohn wird ein Teilabzug fällig.

Auf diese Weise bleibt das Garantie-Einkommen für den Staat finanzierbar. Doch kann man davon überhaupt leben?

Für Singles wird es knapp. Die 2200 Franken liegen unter den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). Danach kommt eine Einzelperson mit 2360 Franken monatlich über die Runden. Für das Essen sind pro Tag Fr. 12.60 eingerechnet.

Eine vierköpfige Familie steht schon besser da. Sie braucht laut Skos 4554 Franken, würde aber 6600 Franken kassieren. Die Grundrente bevorteilt also kinderreiche Familien.

Kein Bock auf «Dreckjobs»

Für den Sozialethiker Peter Ulrich sind dennoch andere Gesichtspunkte entscheidend: «Ein Grundeinkommen wird, wenn es hoch genug ist, hoffentlich dazu führen, dass Arbeitslose auch mal sagen: ‹Den Dreckjob mach ich für diesen Lohn nicht.›» Für Arbeitgeber wiederum wäre das ein Anreiz, interessantere Tätigkeiten anzubieten. «Das ist genau die Verhaltensänderung, die wir brauchen», meint der Sanktgaller Professor.

Vor allem aber müsse sich die Schweiz ähnlich wie alle anderen westlichen Länder fragen: Passt unser Sozialversicherungssystem, das mit zwei Dutzend Kassen und Kässlein jährlich rund 150 Milliarden Franken umsetzt, noch in die moderne Arbeitswelt?

Ulrich: «Die herkömmliche Sozialpolitik verschärft die sozialen Probleme, statt sie zu lösen.» Seine Begründung: «Sie zwingt die ‹Bedürftigen› angesichts fehlender Arbeitsplätze in einen rasch wachsenden Niedriglohnsektor.» Auf diese Weise schaffe man, so Ulrich, eine stigmatisierte Gruppe von «Versagern».

Daniel Lampart dagegen, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes (SGB), hat ganz andere Sorgen: «Ich befürchte, dass die Unternehmer das Grundeinkommen als Lohnsubvention betrachten könnten, wodurch sich der Druck auf die Löhne weiter erhöht. Was wir wirklich brauchen, ist ein existenzsichernder Mindestlohn.»  

«Die Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens». Seismo Verlag, 38 Franken. Erscheint am 20. Oktober.

Single: Fr. 12.60 pro Tag

2360 Franken beträgt das Existenzminimum für einen Single. Fürs Essen sind Fr. 12.60 pro Tag reserviert. Mit dem vorgeschlagenen Grundeinkommen von 2200 Franken müsste sich unser Single weiter einschränken – und Margarine statt Butter nehmen.

Familie: Fr. 26.25 pro Tag

Für eine vierköpfige Familie liegt das Existenzminimum bei 4554 Franken, wovon Fr. 26.25 täglich fürs Essen zur Verfügung stehen. Ein Grundeinkommen würde der Familie 6600 Franken bringen. Da läge schon mal ein Schweinsfilet statt Cervelat drin.

Was kostet das Grundeinkommen?

Anhand der Sozialausgaben für 2008 hat die Organisation Bien geschätzt, was zur Finanzierung eines Grundeinkommens für alle Schweizer gebraucht würde:

21,7 Milliarden Franken für 1,64 Millionen Kinder und Jugendliche. Sie erhalten je 1100 Franken im Monat.

52,8 Milliarden Franken für rund zwei Millionen Rentner, Arbeitslose und Geringstverdienende. Sie erhalten ein Grundeinkommen von 2200 Franken ohne Abzüge.

8,5 Milliarden Franken für rund 1,2 Millionen Bezüger von Einkommen unter 4000 Franken. Ihnen wird ein Teil des Grundeinkommens wieder abgezogen.

Keinen Rappen für gut 2,7 Millionen Schweizer mit über 4000 Franken monatlichem Einkommen.

Summe: 83 Milliarden Franken.

Dieser Gesamtbetrag tritt an die Stelle von rund 77 Milliarden Franken, wie sie 2008 für AHV, Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe, Kindergeld usw. ausgezahlt wurden. Folglich würde die Einführung eines Grundeinkommens nach dem Bien-Modell die Kosten des Sozialstaats um rund sechs Milliarden Franken erhöhen.

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