Felix Gutzwiller «Wir haben keine Gesundheitspolitik»

  • Aktualisiert am 19.01.2012
  • Interview: Hannes Britschgi und Roman Seiler
Wirkungsstätte Universität: Helles Büro für einen hellen Kopf.- Siggi Bucher

Pascal Couchepins Krankenkassenprämien-Politik hält Felix Gutzwiller für ein «Placebo-Pflästerli». Er hofft auf einen Generationenwechsel.

Herr Gutzwiller, die Erhöhungen der Krankenkassenprämien machen krank. Warum haben wir die Kosten nicht im Griff?
Felix Gutzwiller:
In allen westlichen Industrieländern haben wir im Gesundheitswesen eine Wachstumssituation. Wir haben eine Bevölkerung, die viel älter wird, einen enormen Innovationsdruck und ein System, das stark auf Expansion ausgerichtet ist.

Jetzt steigen mitten in der Krise die Prämien um 13 bis 14 Prozent. Was haben Sie und alle anderen Politiker falsch gemacht?
Mit dem 1996 revidierten Krankenversicherungsgesetz wollten wir drei Ziele erreichen. Zu Recht wurde die Solidarität verbessert: gleiche Prämien für Männer und Frauen sowie gleiche Prämien zwischen allen Altersklassen, was wir heute hinterfragen müssen. Dazu kam beispielsweise mit der Hauspflege Spitex ein massiver Leistungsausbau. Das alles kostet. Daher haben wir das dritte Ziel, die Kostenkontrolle nicht erreicht.

Warum nicht?
Kein westliches Land hat das geschafft. Das englische System hat einen Kostendeckel, aber die Qualität ist schlecht. Die Leute sind unzufrieden, weil sie lange auf Behandlungen warten müssen. Das will man in der Schweiz nicht. Hier haben wir einen extrem guten Zugang. Jeder erhält alles sofort. Wir haben eine hohe Qualität, aber zu einem hohen Preis. Wir sollten uns kontrolliertes Wachstum als Ziel setzen.

Wer trägt die Schuld an der Kostenexplosion?
Die Diskussion läuft in den letzten Jahren grundfalsch. Diskutiert wird immer über die Kosten, statt über das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Die Kosten-Nutzen-Diskussion zeigt, dass das Gesundheitswesen einer der wenigen Wachstumssektoren ist. Jetzt in der Krise gar einer der grossen Wachstumsstabilisatoren. Mit 400000 Arbeitsplätzen der grösste Arbeitgeber. Gut verdienende und gut steuernde Arbeitnehmer! Ein innovativer Sektor.

Was schlagen Sie vor?
Für alles, was solidarisch finanziert wird, also alles, was von der Grundversicherung abgedeckt wird, sollten viel radikalere Effizienz- und Wirksamkeitskriterien gelten.

Was ist Ihre Meinung zur Kügeli-Medizin, über die wir im Mai abstimmen?
Keine Frage, die Kügeli-Medizin gehört in die privat finanzierte Zusatzversicherung. Dabei geht es nicht um den Streit Schulmedizin gegen Alternativmedizin. Auch in der Schulmedizin gibt es Behandlungen, die am Wirksamkeitskriterium scheitern.

Bundesrat Pascal Couchepin zwang die Krankenkassen, von den Reserven zu leben, statt höhere Prämien zu verlangen. Jetzt explodieren die Prämien!
Das Schwarzer-Peter-Spiel im Gesundheitswesen bringt nichts. Dieses 50-Milliarden-System ist grundsätzlich auf Expansion ausgerichtet. Aber gut, es ist kein Geheimnis, dass Couchepins Reserve-Politik ein Placebo-Pflästerli war.

Wir haben zu viele Spitäler, Ärzte, Apotheken, zu teure Medikamente und Hilfsmittel!
Falsche Anreize führen zu falschen Resultaten: Es gibt Überkapazitäten bei Akutbetten im Spital. Dort haben wir die höchste Aufenthaltsdauer der Patienten weltweit. Ein weiterer Weltrekord: Jeder Schweizer muss weniger als 5 Kilometer zurücklegen, um in ein Spitalbett zu kommen. Obendrein hat sich innerhalb von zehn Jahren die Ärztezahl verdoppelt. Aber das ist eigentlich gar nicht schlimm. Wa-rum sollte es im 21. Jahrhundert nicht eine Therapie-Landschaft geben, wie es heute eine Wellness-Landschaft gibt. Zahlen und sich verwöhnen oder eben heilen lassen.

Am Dienstag trifft man sich am runden Tisch und berät nichts anderes als eine Umfinanzierung: kleinere Prämienerhöhung, dafür höhere Kostenbeteiligung via «Praxisgebühr». Reine Pflästerli-Politik!
Wir machen hier Reformpolitik mit dem Instrumentarium von 1848. Wir haben in unserem Land keine Gesundheitspolitik. Es gibt weder Prioritäten noch Zielsetzungen.

Wie beurteilen Sie die «Praxisgebühr»?
Ich bin nicht begeistert. In Deutschland gab es einen gewissen Spareffekt. Ob dieser wirklich nachhaltig ist, weiss ich nicht. Ich würde einkommensabhängige Franchisen vorschlagen. Das brächte mehr Geld ins System. Aber vergessen wir nicht: ein Drittel der Bevölkerung hat einkommensabhängige Prämiensubventionen und ein Drittel ist steuer- und damit auch einkommensabhängig finanziert.

Sind wir nicht immer noch zu sehr einem Krankenkassenwesen statt einem Gesundheitswesen verhaftet?
Genau, wir sind immer noch in der Phase, in der wir Krankenkassenpolitik mit Gesundheitspolitik verwechseln. Wir müssen endlich eine Gesundheitspolitik definieren. Ein heute geborenes Mädchen wird einmal seinen 100. Geburtstag feiern. Da braucht es ein anderes Investitionsverhalten in sich selber, in seine eigene mentale und körperliche Langzeitgesundheit. Und es braucht eine andere finanzielle Verantwortung. Also mehr Eigenbeteiligung. Dann eine solidarische Grundversicherung. Schliesslich noch den Bereich der persönlichen Zahlungsbereitschaft: Luxus-Einzelzimmer, Wellness, Medikamente, teure bildgebende Verfahren.

Sie sind eine bekannte Persönlichkeit im Land mit grosser Erfahrung im Gesundheitsbereich. Wären Sie als Bundesrat nicht ein patenter Nachfolger in Couchepins Departement?
Das ist kein Thema. Es braucht einen Generationenwechsel. Viele machen den Fehler, dass sie meinen, der entscheidende Punkt sei die Wahl. Viel entscheidender ist der des Abtretens. Acht bis zehn Jahre. Ich bin jetzt 61 Jahre alt. In meinem Lebensentwurf ist Bundesrat kein Thema mehr.

Aber nicht ganz ausgeschlossen?
Doch, jetzt sollte ein Generationenwechsel passieren. Im Ständerat und seinen Kommissionen kann ich endlich meine lang gehegte und heimliche Liebe ausleben: die Aussenpolitik.

Treten Sie als Ständerat bei den nächsten Wahlen nochmals an?
Ja, wenn das die Partei möchte und ich gesund und munter bin. Mir gefällt es extrem im Ständerat.

Das ganze Interview lesen Sie im SonntagsBlick.

Persönlich

Arzt, Politiker, Multi-Verwaltungsrat: FDP-Ständerat Felix Gutzwiller (61) ist seit 1988 Professor am Institut für Sozial- und Präventivmedizin. Hier ist er von der Uni Zürich noch zu 50 Prozent angestellt.

Zudem sitzt der frühere FDP-Fraktionschef in Verwaltungsräten der Axa Versicherungen in Winterthur ZH, der Banken Clariden Leu und Rahn, der Klinikgruppe Hirslanden und der Krankenversicherung Sanitas. 
Gesundheitsdebatte: Nationalrat Gutzwiller erklärt den SonntagsBlick-Redaktoren Britschgi (l.) und Seiler seine Ideen.- Siggi Bucher

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