Peter Kurer, UBS-Präsident «Wir haben die Krise kaltblütig gemanagt»

  • Publiziert: 22.57 Uhr, Aktualisiert: 20.01.2012
  • Interview: Hannes Britschgi und Roman Seiler
play Der Chef: Peter Kurer in seinem Büro am Zürcher Paradeplatz. (Sabine Wunderlin)

Was Peter Kurer (58) sagt, freut garantiert seinen Vorgänger Marcel Ospel. Kurer nimmt die Bonusregelungen in Schutz, redet die UBS-Krise klein und verteidigt alte Seilschaften.

Herr Kurer, Ihre Wahl verhindert die personelle Erneuerung an der UBS-Spitze. Können Sie das verantworten?
Peter Kurer:
Wenn man von einem weissen Blatt Papier aus plant, ist es idealer, wenn ein Externer an die Spitze kommt. Aber ein Externer müsste erst gesucht werden und sich dann noch einarbeiten.

Gerade jetzt wäre ein unverstellter Blick von aussen doch wertvoll?
Unvoreingenommenheit ist sicher der Vorteil eines Externen. Andererseits fehlt ihm das Wissen über die Bank. Und er kennt nicht deren spezifische Probleme. Zudem hat er auch nicht die Beziehungen zu den Aufsichtsbehörden, wie sie in dieser Krise extrem wichtig sind.

Sie sind an der Generalversammlung in Basel nach Ihrer Wahl heftig ausgebuht worden. Was heisst das für Sie?
Die Leute hörten gut zu, als ich meine Rede hielt. Es war sehr still im Saal. Nachher gab es vielleicht fünf bis zehn von 4000 Teilnehmern, die mich ausgebuht haben. Damit kann ich umgehen.

Das ist Ihnen egal?
Das gehört zu einer Generalversammlung.

Wie erklären Sie einem Aktionär, dass es 40 Milliarden sind, die abgeschrieben wurden?
Dies ist eine horrende Summe. Andererseits: Das ist nicht Geld, das einfach vernichtet worden ist. Diese Positionen müssen in einer Erfolgsrechnung, die nach bestimmten Rechnungslegungsnormen zusammengestellt wird, laufend bewertet werden. Das gab es vor 20 Jahren nicht. Einige Positionen können theoretisch auch wieder an Wert zulegen.

Ihr Vorgänger, Marcel Ospel, hat Sie als seinen Wunschkandidaten bezeichnet. Nun werden Sie als «Ospel-Intimus» abqualifiziert. Was antworten Sie?
Für einen Anwalt ist die Unabhängigkeit des Urteils die halbe Miete. Im Verlauf meiner Tätigkeit habe ich mir den Ruf aufgebaut, dass ich ein unabhängiges Urteil habe. Ich sage immer das, was ich denke.

Wie war Ihr persönliches Verhältnis zu Marcel Ospel?
Wir hatten ein sehr gutes, kollegiales, freundschaftliches Verhältnis miteinander.

Sie sind Jurist, nicht Banker. Wieso trauen Sie sich einen solchen Job zu?
Ein Jurist, der lang in einer Bank tätig war und sein Leben lang immer im Umfeld von Banken und Finanzthemen gearbeitet hat, ist genauso ein Banker wie ein Vermögensverwalter oder ein Investmentbanker.

Sie verstehen sich als Banker?
Selbstverständlich. Ich bin in diesem Sinn ein Banker.

Mitte März war die UBS in einer äusserst gefährlichen Lage. Damals wurde sogar schon intern ein Papier verteilt, das festhält, was im Konkursfall mit Vermögenswerten zu geschehen hat. Das gibt zu denken!
In dieser schwierigen Situation bekamen die Kunden Angst. Deshalb wollten wir deren Berater mit einem Instrument ausrüsten, damit sie ihren Kunden richtig antworten konnten. Es war nicht so, dass wir je in der Nähe dieser Situation standen.

Da war innerhalb der UBS keiner beunruhigt?
Es war eine ganz schwere Krise, die wir extrem ernst genommen haben. Wir kamen morgens in die Bank und besprachen die nächsten Schritte. Wir haben das relativ kaltblütig gemanagt. Wir hatten auch keine Angst.

Was wäre passiert, wenn die UBS Mitte März tatsächlich in Zahlungsschwierigkeiten gekommen wäre: Hätte der Staat eingreifen müssen?
Das will und kann ich nicht kommentieren, weil ich mit dieser Mentalität nicht an meine Tätigkeit herangehen kann. Ich will nicht davon ausgehen, dass hinter mir der grosse Onkel steht, der mir hilft.

Banker werden selbst dann mit goldenen Boni verwöhnt, wenn sie ungeheure Werte vernichten. Können Sie das einem Normal-sterblichen erklären?
Ich erhielt für das letzte Geschäftsjahr keinen Bonus – wie alle Konzernleitungsmitglieder, die für das Gesamtergebnis verantwortlich sind. Zudem habe ich einen erheblichen Teil meines Vermögens in UBS-Aktien investiert und spürte den Rückgang des Aktienkurses entsprechend. Man sieht daran, dass diese Entlöhnungssysteme funktionieren. Ereignisse wie diese treffen Leute in meiner Position stark. Zu Recht.

Sie verteidigen das umfassende Bankenmodell, das neben der Vermögensverwaltung auch das risikoreiche Investmentbanking unter einem Dach umfasst. Warum halten Sie daran fest?
Ein reiner Vermögensverwalter hat nicht die Ausstrahlung, das Charisma, das ein Vermögensverwalter hat, der mit einer Investmentbank verbunden ist.

Eine Bank braucht nicht nur Geld, sondern auch Vertrauenskapital.
Das verbessert sich bereits. Ich erhalte täglich Briefe von Leuten, die mir mitteilen: Jetzt seid ihr auf dem richtigen Weg, deshalb lasse ich mein Geld bei euch auf der Bank.

Nach Ihrem Auftritt an der Generalversammlung wurden Sie als eiskalter Manager beschrieben. Sind Sie das?
Als Jurist muss ich dafür sorgen, dass eine Generalversammlung nicht ausser Kontrolle gerät. Das benötigt grosse Konzentration. Dann mache ich halt oft ein Gesicht wie ein Pokerspieler.

Im Swissair-Film «Grounding» sagt der Schauspieler, der Ihre Rolle spielt: «So, jetzt haben wir euch den Stecker rausgezogen.» Haben Sie das wirklich gesagt?
Das habe ich nie so gesagt. Das ist eine Erfindung der Leute, welche diesen Film gemacht haben.

Aber zimperlich waren Sie nicht. «Tun Sie nicht so blöd, nur weil ein paar Flieger am Boden bleiben», sollen Sie gesagt haben.
Verhandlungen werden zwangsläufig manchmal ruppig. Da muss man nicht miteinander nett sein. Wenn mir jemand einen Bodycheck gibt, erhält er ihn zurück.

Da spricht der ehemalige Eishockeyspieler. Wie viel Zeit haben Sie als Übergangspräsident, bis Ihnen der Stecker rausgezogen wird?
Ich bin kein Übergangspräsident. Die UBS braucht einen Präsidenten, der voll handlungsfähig ist und keine lahme Ente. Wie lange es geht, kann ich nicht sagen. Das hängt auch vom Marktumfeld ab. Wenn es nicht gut rauskommt, muss man letztlich auch die Verantwortung übernehmen. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich letztendlich selber die Kontrolle darüber habe, wann ich abtreten werde. 

Das ganze Interview mit Peter Kurer finden Sie im SonntagsBlick.

Persönlich

Peter Kurer (58) ist seit 2001 als General Counsel bei der UBS tätig. Der Chefjurist wurde 2002 zum Mitglied der Konzernleitung befördert. Zuvor war er während zwei Jahrzehnten als Partner grosser Rechtsanwaltskanzleien dabei, wenn die grössten Schweizer Firmen fusionierten. Der Spross einer Apothekerfamilie wuchs in Zürich auf. Er ist mit einer Psychologin verheiratet und hat drei Kinder.
play Tischherr: Peter Kurer beim Interview mit den Redaktoren Britschgi (M.) und Seiler. (Sabine Wunderlin)

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