
Bitte melden Sie sich an, um Ihren Kommentar abzugeben.
Wenn Sie ein Konto bei Facebook haben, können Sie sich damit anmelden.
Als die Euro-Finanzminister in Brüssel tief in der Nacht endlich fertig waren, wollten sie mit einer Abschlusserklärung die Lage beruhigen. Es ging schief.
Panik-Verkäufe gestern Morgen an den europäischen Börsen. Auch in Zürich fallen die Aktien, teilweise dramatisch. Vor allem die Banken trifft es. Die UBS-Aktie verliert innert Minuten über 5 Prozent. Am Abend sind es knapp 2 Prozent.
Natürlich fällt auch der Euro. Nach dem Absturz von 1.19 auf 1.17 Franken am Montag erlebt er den zweiten Schwächeanfall in Folge. Gestern um 10.04 Uhr kostet ein Euro genau 1.1552 Franken. Historischer Tiefstand.
Unglaublich. Seit Ende 2009 hat die Währung im Schnitt jeden Monat zwei Rappen an Wert verloren. 23 Prozent in eineinhalb Jahren.
Was hat den Schock an den Börsen ausgelöst?
Nach der Marathon-Sitzung in der Nacht auf gestern ist allen klar: Die Situation hat sich noch einmal zugespitzt. Die Schock-Nachricht des Tages lieferte Jan Kees de Jager. Laut dem niederländischen Finanzminister hat die Eurozone einer Arbeitsgruppe ein breiteres Mandat für alle Optionen erteilt. Auf die Frage, ob das auch einen teilweisen Zahlungsausfall von griechischen Staatsanleihen bedeuten könne, sagte de Jager: «Es wird nicht mehr ausgeschlossen, ganz klar.»
Also nimmt man eine Griechen-Pleite in Kauf?
Danach sieht es zumindest aus. Bis gestern wurde dieses Horror-Szenario stets ausgeschlossen. Stattdessen hat man versucht, eine sogenannte sanfte Umschuldung durchzuziehen. Etwa, indem die Banken ihre griechischen Staatsanleihen freiwillig verlängern und den Griechen damit mehr Zeit schenken. Doch die Rating-Agenturen beharren darauf, auch eine freiwillige Verlängerung sei ein Zahlungsausfall. Von dieser Drohung will man sich nun offenbar nicht mehr abschrecken lassen.
Was würde bei einer Pleite Griechenlands passieren?
Niemand weiss es. Mit seinen vielleicht noch 100 Milliarden Euro Schulden gegenüber den Banken ist das Land heute nicht «too big to fail» – also nicht mehr zu gross, um Pleite zu gehen. Diesen Ausfall könnte das Bankensystem wohl verkraften. Das Problem liegt vielmehr in der Komplexität. Rund um die griechischen, spanischen und italienischen Staatsschulden hat sich ein riesiges und undurchsichtiges Versicherungsgeschäft etabliert. Die Lage ist ähnlich wie vor dem Lehman-Kollaps 2008: Erst nach der Pleite zeigte es sich, dass viele der Lehman-Papiere mehrfach und über Kreuz versichert waren. In vertrackten Verträgen war geregelt, welches Ereignis welche Versicherungsleistung auslöst. Die Folge war ein unbeschreibliches Durcheinander, das jetzt auch im Falle von Griechenland droht.
Was haben die Finanzminister in Brüssel entschieden?
Nichts. Und doch war diese Sitzung anders als die vielen bisherigen Gipfel. Denn neben der Griechen-Pleite wurden weitere Tabus angetastet. Nämlich: Die Euro-Länder kommen den Sorgenkindern Griechenland, Portugal und Irland entgegen. Die Laufzeiten für deren Notkredite sollen verlängert und die Zinsen gesenkt werden. Das wäre eine echte Hilfe. Allerdings sind dazu noch keine Details bekannt. Zudem wird erstmals offen die Idee disktuiert, Griechenland einen Teil seiner Schulden zu erlassen.
Wie kann ein Schuldenerlass für Griechenland funktionieren?
Dazu würde der mit 440 Milliarden Euro ausgestattete Stabilitätsfonds griechische Obligationen am Markt aufkaufen – und zwar zu aktuellen Kursen von etwa 52 Prozent des Ausgabepreises. Die Verkäufer müssten somit einen deutlichen Verlust hinnehmen, könnten aber den Totalausfall vermeiden. Bisher gingen alle Vorschläge davon aus, dass der Stabilitätsfonds Griechen-Anleihen bei Verfall zu 100 Prozent kauft und die Gläubiger schadlos hält. Nachteil dieser Lösung: Hedgefonds haben bereits in grossem, aber unbekanntem Umfang den Banken griechische Anleihen zu tiefen Kursen abgekauft. Sie spekulieren darauf, diese bei Verfall dem Stabilitätsfonds zu 100 Prozent weitezuverkaufen. Im Endeffekt würden dadurch die EU-Steuerzahler den Hedgefonds viele Milliarden schenken.
Wie schlimm stehts um Italien?
Die Grösse ist es, die alle so nervös werden lässt. Vergleicht man die Verschuldung mit dem Bruttoinlandprodukt, stehen die Griechen schlechter da als die Italiener: 142 zu 119 Prozent (siehe Karte). Aber: Der italienische Schuldenberg ist 1,84 Billionen Euro hoch! Der griechische «nur» 330 Milliarden. Nach langem Schweigen meldete sich gestern Silvio Berlusconi.
Nun will der Ministerpräsident plötzlich schneller sparen als ursprünglich geplant. Doch seine Kehrtwende brachte wenig: Die Renditen für italienische Anleihen stiegen gestern weiter – ein deutliches Zeichen, dass die Schuldenkrise auf Italien übergegriffen hat.
Wie geht es nun weiter?
Ein «Anti-Ansteckungs-Programm» soll Italien aus dem Sog bringen. Allerdings haben die Spekulanten Blut geleckt. Wie schon bei anderen Staaten verbreiten sie Panik, lassen die Kurse abstürzen – und verdienen im Hintergrund daran. Die neue IWF-Chefin Christine Lagarde sagte gestern: «Italien hat ganz klar mit Problemen zu tun, die im Wesentlichen von den Märkten befeuert wurden.» Übermorgen Freitag soll der nächste Krisengipfel steigen. Und die Resultate des neuen Banken-Stresstests werden veröffentlicht.